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"Viele wechseln, wenn der Reaktor brennt"

florian-notoDas Bündnis "Atomausstieg selber machen" aus 21 Umweltverbänden ruft zur Ökostrom-Wechselwoche auf. In über 60 Orten in ganz Deutschland finden Aktionen statt: Von Ständen auf dem Marktplatz bis zu privaten "Wechselpartys" - die Bundesbürger sollen zu einem klimafreundlichenStromanbieter wechseln. wir-klimaretter.de sprach mit Florian Noto, Koordinator von "Atomausstieg selber machen".

wir-klimaretter: Herr Noto, seit 1999 kann man sich in Deutschland seinen Stromanbieter aussuchen. Umfragen belegen, dass ein Großteil der Bevölkerung gegen Atom- und Kohlekraft ist. Trotzdem bleiben viele bei den großen Konzernen, die weiter auf diese Stromerzeugung setzen. Warum sind die Deutschen so wechselmüde?

Florian Noto: Das fragen sich alle, die sich mit dem Thema beschäftigen. Meine Erklärung ist: Viele haben Angst vor Stromausfall. Das liegt sicher auch oft daran, dass sie schlechte Erfahrungen beim Wechsel des Telefonanbieters gemacht haben. Aber beim Wechsel des Stromanbieters gibt es keine Unterbrechung. Sie erhalten jederzeit Strom.

Oft heißt es: Stromwechseln ist kompliziert.

Viele denken das – dabei braucht man nur die Nummer vom Stromzähler und den ungefähren Jahresverbrauch. Ich glaube aber auch, dass Formulare ausfüllen etwas ist, was Leute nicht gern machen. Nur, wenn sie unbedingt müssen.

Das heißt, wenn man den Strom wie Waschpulver im Supermarkt kaufen könnte, dann würden mehr wechseln?

Das würde vielleicht helfen. Aber auch, wenn es jeden Monat eine Stromrechnung gäbe und nicht bloß einmal im Jahr. Dann würde man besser sehen, was es kostet und was es bringt, Strom zu sparen.

Die jährliche Stromrechnung – ist das der Zeitpunkt, an dem besonders viele Kunden zu Ökoanbietern wechseln?

Viele Leute wechseln, wenn in Brunsbüttel der Reaktor brennt oder wenn in Kopenhagen über das Klima verhandelt wird. Dann denken viele: Ich wollte schon lange wechseln. Jetzt tue ich's.

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2007: Das Atomkraftwerk Brunsbüttel brennt. (Foto: Greenpeace)

Was ist denn Ihr Ziel: Wie viele Menschen sollen in dieser Woche zu Ökostrom wechseln?

Viele Leute brauchen zwei, drei Aufforderungen, bevor sie wechseln. Das zieht sich also hin. Wenn wir nur in dieser Woche messen würden, sind es sicherlich nicht so viele. Aber den Erfolg messen wir am Aktionsgrad: 60 Aktionen in ganz Deutschland – das ist eine ganz gute Zahl.

Wie viele Menschen haben sich durch Ihre Kampagne schon von Ökostrom überzeugen lassen?

Anfang 2006, als wir gestartet sind, hatten die Ökostromanbieter 300.000 Kunden. Heute sind es 800.000 Haushalte, die umweltfreundlichen Strom beziehen. Die Ökostromunternehmen gehen davon aus, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Neukunden aufgrund unserer Werbung gewechselt sind. Das wären dann über 50.000.

Es gibt auch Verträge, auf denen Sie als Vertriebspartner aufgeführt sind. Zählen Sie die gar nicht?

Wir verschicken auch Verträge ohne unsere Vertriebsnummer – und vor allem sehr viele Flugblätter. Wer dann von uns die Informationen gelesen hat, geht auch oft direkt zum Ökostromanbieter. Wir kriegen davon nichts mit. Daher lässt sich nicht so einfach messen, wie viele Kunden letztlich wegen unserer Kampagne wechseln.

Aber Sie freuen sich über jeden Vertrag mit Ihrer Vertriebsnummer, denn er bringt Ihnen Geld.

Nein, wir verzichten auf eine Prämie. Obwohl uns das angeboten wurde.

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"Ausgeknipst": Der Aufkleber für die Ökostrom-Wechselwoche. (Bild: Atomausstieg selber machen)

Besser kann es für Unternehmen doch gar nicht kommen: Umweltorganisationen, die in der Bevölkerung eine hohe Glaubwürdigkeit genießen, rühren kostenlos die Werbetrommel.

Die Ökostromanbieter müssen aber auch glaubwürdig sein. Das ist für uns ganz wichtig. Konkret bedeutet das, diese Unternehmen müssen finanziell unabhängig sein von den großen Konzernen. Nur dann treten sie wirklich für eine Energiewende ein. Ökostrom darf kein Nebenher-Geschäft sein.

Sie empfehlen die Elektrizitätswerke Schönau, Lichtblick, Greenpeace Energy und Naturstrom. Sind das die einzigen echten Ökostromanbieter?

Nein, es gibt auch lokale Anbieter, die unseren Kriterien entsprechen. Zum Beispiel wurde in Hamburg von der Stadt ein Ökostromunternehmen gegründet. Aber das bietet den Strom nicht bundesweit an.

Nicht nur Sie werben für bestimmte Stromanbieter. Es gibt auch Siegel für Ökostrom, da werden andere Unternehmen empfohlen.

Zwei weitere Kennzeichnungen sind auch einigermaßen glaubwürdig: Das Grüne-Strom-Label und das Ok-Power-Label. Wer aber zu einem Anbieter will, der komplett unabhängig ist von den großen Konzernen, dem bleiben die vier Anbieter, die wir empfehlen.

Sollte es ein einheitliches Siegel geben für Ökostrom?

Für den Stromkunden wäre das sicherlich nicht schlecht. Das Umweltbundesamt ist mit solch einem Versuch aber gescheitert. Und auch in den Umweltverbänden gibt es dazu unterschiedliche Meinungen.

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Das Umweltbundesamt hat erfolglos versucht, Ökostrom zu kennzeichnen.

Auch die Großkonzerne wie Vattenfall bieten mittlerweile angeblichen Ökostrom an. Schließlich investieren sie in erneuerbare Energien.

Die Investitionen sind natürlich begrüßenswert. Aber die großen Konzerne bauen parallel auch neue Kohlekraftwerke und planen Atomreaktoren im Ausland. Das Geld, was sie einnehmen, investieren sie darein - und auch in die Werbung für Kohle und Atom.

Gibt es denn auch Kunden, die von Ökostrom zu den großen Konzernen wechseln?

Netto gibt es keine Abwanderung. Die Kundenzahlen der Ökoanbieter steigen weiterhin rasant. Manchmal kriege ich mit, dass sich jemand über einen Anbieter ärgert und zu einem anderen wechseln möchte. Aber das ist dann auch Ökostrom.

Wie lange können denn die Ökostromanbieter noch wachsen?

In der Bevölkerung gibt es eine wahnsinnig hohe Zustimmung für erneuerbare Energien, das sind etwa 80 Prozent. Eine deutliche Mehrheit lehnt außerdem Atomkraft ab. Das sind alles potentiell Ökostromkunden.

Ihre Kampagne heißt "Atomausstieg selber machen". Selbst wenn jetzt 80 Prozent der Kunden umweltfreundlichen Strom beziehen – dann würden doch die Atomkraftwerke trotzdem noch weiterlaufen.

Die Reaktoren liefern weniger als ein Viertel des Stroms in Deutschland. Davon geht das meiste an die Industrie, nicht an Privathaushalte. Außerdem kann der Strom noch exportiert werden. Der Anteil derjenigen, die Ökostrom beziehen, wird nie so hoch sein, dass die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Aber die Privatkunden haben einen Einfluss, denn die Konzerne müssen sich fragen: Für wen betreiben wir noch Atomkraftwerke, wenn wir dadurch Kunden verlieren? Das ist ein Druckmittel.

INTERVIEW: FELIX WERDERMANN

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