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USA: "Bürgerkrieg unter Klimaschützern"

In den Vereinigten Staaten tobt ein bizarrer Streit: Haben Umweltschützer sich durch Gelder aus der Industrie korrumpieren lassen? Tatsächlich finden sich eine Reihe von Belegen für diese These. Entsprechend heftig wird diskutiert.

Von DANIEL BOESE

Dass sich Nichtregierungsorganisationen untereinander nicht immer grün sind und oft um Spendengelder, Mitglieder und Medienresonanz rangeln, ist ein altes Phänomen. Die Heftigkeit, mit der sich große amerikanische Umweltverbände aber gerade um Grundsätze streiten, ist allerdings überraschend: Manche Beobachter sprechen schon vom "Bürgerkrieg unter den Umweltschützern".

Auslöser des Konflikts ist eine Reportage des britischen Journalisten Johann Hari im amerikanischen Magazin "The Nation". Hari stellt harte Fragen, in denen er den Organisationen viel vorwirft: "Warum flogen die führenden amerikanischen Umweltgruppen nach Kopenhagen, um dort für politische Konzepte zu werben, die den Tod der Regenwälder beschleunigen und ungebremsten Klimawandel fördern? Warum blockieren ihre Lobbyisten in Washington die einzig wahren Lösungen des Klimawandels als 'unrealistisch' und 'nicht machbar'?" Haris Antwort ist klar: Gelder aus der Industrie korrumpierten die Umweltschützer.

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Internetauftritt der Beschuldigten: Hier das China-Programm von The Nature Conservancy. (Grafik: The Nature Conservancy)

Die Beschuldigten wehren sich natürlich, Haris Bericht sei "unzutreffend und unvollständig" beschwert sich etwa The Nature Conservancy. "Eine unverantwortliche und giftige Mischung von unzutreffenden Informationen und unwissender Analyse", bemängelt die National Wildlife Federation, beide auf der Website von The Nation.

Hari begründet seine Vorwürfe mit der langen Geschichte von Kooperationen zwischen Umweltschützern und Umweltzerstörern, als deren Ahnherren er den inzwischen verstorbenen Präsidenten der National Wildlife Federation, Jay Hair, sieht. Hair sei der erste gewesen, der die Idee hatte, dass große Öl- und Kohle-Konzerne Naturschützer mit Geld unterstützen könnten. Dies werde seitdem von einigen der weltgrößten Marken für Umweltschutz - The Nature Conservancy und Conservation International - perfektioniert, und dabei hätten sie längst ihre eigentlichen Ziele verraten: "Als ob Amnesty sich den Menschenrechtsbericht von einer Koalition aus Junta in Burma, Dick Cheney und Robert Mugabe bezahlen ließe", schreibt Hari.

phpThumb_generated_Seine Kronzeugin ist Christine MacDonald, die in dem Buch "Green Inc." über ihre Zeit bei Conservation International schrieb und darin unter anderem die sechsstelligen Gehälter der Leiter offenlegte. Ein weiteres Beispiel ist die Kooperation zwischen dem World Wildlife Fund und IKEA - die dem WWF zwar viel Geld bringe, aber IKEA nicht dazu, gegen illegale Rodungen vorzugehen. Haris Argumentation ist rhetorisch glänzend, aber etwas lückenhaft - so liefert er über Jay Hair keine substanziellen Details.

Treffender ist Haris Kritik in zwei Punkten: Die großen amerikanischen Umweltorganisationen orientierten sich in ihren Zielen an dem, was im Politikbetrieb von Washington als machbar gilt, statt sich an die naturwissenschaftlich geforderten Realitäten zu halten. Und sie unterminierten auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wirksamen Schutz gegen Entwaldung und die Zerstörung der Regenwälder.

Kampf für die eigenen Klimaschutzprojekte - statt für den Klimaschutz

Um die These vom mangelnden Widerstand gegen die Gesetze der Politik zu untermauern, weist Hari darauf hin, wie der renommierte Sierra Club sich gemeinsam mit der Bush-Regierung gegen die Environmental Protection Agency EPA aussprach. Der Sierra Club habe eine Initiative blockiert, die die EPA dazu bringen sollte, das Kohlendioxid-Niveau wieder auf 350 ppm zu senken. "Ich war erstaunt, dass uns der Sierra Club verbissen bekämpfte", sagt Kierran Suckling, Direktor des Center for Biological Diversity, der die Initiative anführte.

Was den Klimagipfel betrifft, stürzt sich Hari tief in die Debatte um REDD. Zum einen wirft er The Nature Conservancy vor, ihr Regenwaldschutzprojekt in Bolivien "The Noel Kempff Climate Action Project" sei grandios gescheitert. Es diene den Partnern BP und American Electric Power nur fürs Greenwashing und zerstöre mehr als es rette; bei der Argumentation stützt sich Hari auf einen Bericht von Greenpeace. Zum anderen hätten in Kopenhagen Organisationen wie Conservation International und The Nature Conservancy versucht, durch subnationale Ziele im REDD-Mechanismus weitere solcher Projekte zu ermöglichen. Die würden zwar hohe Einnahmen für die Naturschutzorganisationen erzeugen - aber nicht nur dem Klima nichts bringen, sondern sogar die Entwaldung beschleunigen.


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Grünes Umweltengagement - alles nur gekauft? Mit diesem Bild illustriert "The Nation" Haris ersten Steinwurf. (Foto: The Nation)

Es ist erhellend zu lesen, wie ausweichend die Antworten auf Haris Angriffe sind: Carl Pope etwa, Direktor des Sierra Club, geht auf den Vorwurf zu EPA und 350 ppm mit keinem Wort ein und verweist stattdessen auf den vorbildlichen Kampf, alle Kohlekraftwerke der USA zu schließen. Karen Foerstel, Media Director bei The Nature Conservancy, verweist einfach nur auf die Klima-Sektion ihrer Webseite.

Hari erhielt inzwischen auch Unterstützung, so etwa vom US-Greenpeace-Chef, Phil Radford. Hari habe Recht, schreibt Radford, Umweltgruppen sollten sich an drei Prinzipien orientieren: kein Geld von Umweltzerstörern; tun was der Umwelt hilft, nicht was der Kongress will; und auf dem Graswurzel-Niveau Kohlekraftwerke stoppen und schließen.

Sascha Müller-Kraenner ist Vertreter von The Nature Conservancy in Europa mit Büro in Berlin, er weist auf die Hintergründe der aktuellen Kontroverse hin: "Es gibt unter den amerikanischen Umweltverbänden eine grundsätzliche Auseinanderesetzung, ob Marktmechanismen geeignet sind, dem Problem Klimawandel zu begegnen." Das Noel Kempff Projekt sei ein Pilotprojekt, um dies zu testen, das The Nature Conservancy vor 14 Jahren gestartet hat.

Daraus hat man einiges an Erfahrung gewonnen, so Müller-Kraenner: "Wir haben daraus vor allem gelernt, dass wesentlich weniger Kohlendioxid gespeichert wird, als erwartet. Die Kritik von Greenpeace am Projekt muss man vor diesem Hintergrund einordnen." Zur Kritik an der Position von The Nature Conservancy zum Waldschutz, sagte er: "In der Debatte um nationale Ziele bei REDD muss man beachten, dass zum Teil eine Provinz in Brasilien oder Indonesien viel größer ist als ein kleines Land, und es deswegen schon Sinn macht, auch über subnationale Ziele nachzudenken."


Hier geht`s zum Originaltext: http://www.thenation.com/doc/20100322/hari


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