Licht aus und Licht an
Was haben das New Yorker Empire State Building, die Christusstatue von Rio de Janeiro und die Münchner Allianz Arena gemeinsam? Eine Stunde zappenduster: Über 2.000 Städte in 125 Ländern machen heute Abend eine Stunde lang das Licht aus. Zum vierten Male veranstaltet der WWF seine "Earth Hour". Motto "Licht aus – Klimaschutz an!". Der Sinn solcher Veranstaltung gilt als umstritten
Aus Berlin NICK REIMER
Im vierten Jahr der "Earth Hour" haben bisher 18 deutsche Städte zugesagt. Neben dem Brandenburger Tor werden Wahrzeichen wie der Kölner Dom, die Münchner Frauenkirche oder das Poppelsdorfer Schloss in Bonn für eine Stunde ab 20.30 Uhr ihr Licht ausschalten. Sogar beim FC Bayern München gehen heute die Lichter aus - sportlich muss der Tabellenführer heute zu Hause gegen den wiedererstarkten VfB Stuttgart ran, aber darum soll es hier nicht weiter gehen. Auch die Allianz Arena wird für eine Stunde im Dunkeln stehen, um ein Zeichen zu setzen.

"Lichtaus" vor 3 Jahren: Eine dieser jungen Damen muss das "Topmodel" Babara Meier sein. (Foto: ProSieben Television GmbH)
Big Ben in London, das Empire State Building in New York, die Christusstatue von Rio de Janeiro, der Arc de Triomphe in Paris werden genau so unangestrahlt bleiben, wie die Bosporus Brücke in Istanbul, die Verbotene Stadt in Peking oder die Pyramiden von Gizeh. "Mit der Earth Hour zeigen Millionen Menschen auf der ganzen Welt, dass ihnen Klimaschutz wichtig ist und dass ihnen das Schicksal unserer Erde nicht egal ist", sagt Christine Kolmar, Kommunikationschefin des WWF Deutschland.
Mit der "Earth Hour" ruft der WWF Privatpersonen, Kommunen und Schulen auf, eine starke Botschaft an die Regierungen dieser Welt senden. Eine E-mail soll man auch senden, zum Beispiel an Bundeskanzlerin Angela Merkel und diese dazu aufrufen, nach dem Scheitern des Gipfels in Kopenhagen wieder neuen Schwung in die internationalen Verhandlungen zu bringen.
WWF begann erstmals 2007 mit einer "Earth Hour" in Sydney. Mehr als 2,2 Millionen australische Haushalte sollen daran teilgenommen haben. Zur Klimakonferenz 2007 im Herbst verbündete sich WWF mit Greenpeace, dem BUND und ausgerechnet mit BILD, Google und ProSieben um erstmals in Deutschland "Licht aus" zu machen - damals 20 Uhr für fünf Minuten. "So schön kann Umweltschutz sein: Auch Topmodel Barbara Meier macht mit", schlagzeilte seinerzeit das Bündnis. Und tatsächlich ist dem WWF der Promi-Faktor auch diesmal enorm wichtig: "Weltweit unterstützen auch berühmte Persönlichkeiten und Prominente, wie Nobelpreisträger Desmond Tutu, Fußballstar Francesco Totti und das Topmodell Giselle Bündchen die Earth Hour", heißt es in der Pressemitteilung.
wir-klimaretter.de verbündete sich daraufhin mit der tageszeitung, campact, Robin Wood und anderen, um die Aktion "Licht an! Aber richtig!" dem entgegenzusetzen. Im gemeinsamen Aufruf hieß es damals: "Wenn am Samstag in Deutschland für 5 Minuten das Licht ausgeschaltet wird, sollte gleichzeitig bei jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer ein Licht aufgehen. Denn die Botschaft ist einfach: 5 Minuten Licht aus fürs Klima mag vielleicht Symbolcharakter haben. Doch wir können und müssen mehr tun und die Aktion langfristig zu einer wirksamen Klimaschutz-Aktion machen. Der Weg heißt: Licht an, aber richtig! Das einfachste ist, während der fünfminütigen Dunkelheit so viele herkömmliche Glühbirnen wie möglich durch Energiesparlampen zu ersetzen. Und ganz wichtig: Umschalten auf Ökostrom, wenn Sie das Licht wieder einschalten!"

Schade eigentlich, wenn heute hier das Licht ausgeht: die Münchner Allianz-Arena. (Foto: Wikipedia)
Tatsächlich ist die Wirkung solcher internationaler Events wie der WWF-Earth Hour umstritten. Einerseits werden tatsächlich gerade in jenen Ländern, in denen die Debatte um den Klimaschutz noch in den Kinderschuhen steckt, auch Teile der Bevölkerung erreicht, die sonst nicht darüber nachdenken. Andererseits ist das Nichtanleuchten öffentlicher Gebäude ein wunderbares Alibi für das eigene Nichtstun einer Gesellschaft.
Vor der Liberalisierung des Strommarktes erklärten 60 Prozent der Deutschen in Umfragen, sie würden auf Öko-Strom umsteigen. Acht Jahre später, als der WWF erstmals seine "Earth Hour" in Deutschland organisierte, bezogen noch nicht einmal ein halbes Prozent aller Verbraucher saubere Elektrizität. Hätte nur die Hälfte der Ja-Sager ihre Pläne umgesetzt – die Stromkonzerne würden sich ihre Baupläne für neue Braunkohlekraftwerke gut überlegen. Dreißig Prozent Ökostrom, und RWE und Eon hätten längst ihren dritten Offshore-Windpark ans Netz geschaltet – statt neue Kohlekraftwerke zu planen.
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