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CCS-Entscheidung im Osten

Jetzt wird es ernst mit CCS: Vattenfall darf nun in Brandenburg offiziell tieferes Gestein zwecks der Verpressung von Kohlendioxid untersuchen. Heute wird in Neutrebbin, einem Oderbruch-Ort östlich von Berlin, gegen die Endlagerung von CO2 in der Region demonstriert. Die Teilnehmer der Kundgebung um 17 Uhr auf dem Friedensplatz wissen, dass der Kampf gegen den Energieriesen und seine Pläne nun gerade erst richtig begonnen hat. Brandenburg könnte so in Sachen CCS zur Probe aufs Exempel für die ganze Republik werden

Aus Berlin MANFRED SCHWARZ

Seit Mitte dieser Woche kann Vattenfall um Neutrebbin auf 350 Quadratkilometern untersuchen, ob sich tieferes Gestein zur Verpressung des Klimagases Kohlendioxid eignet. Der größte deutsche Erzeuger von Braunkohlestrom bekommt damit in der Region den ersten Fuß in die Tür.

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CCS-Protest von Greenpeace vor dem Kanzleramt: Auch die Umweltverbände haben nun erkannt, dass sich in Brandenburg das Schicksal von CCS in Deutschland entscheiden könnte (Foto: Greenpeace)

Vattenfall bekam diese Erkundung vom Landesbergamt genehmigt, obwohl es noch gar kein CCS-Gesetz (Carbon Capture and Storage) in der Bundesrepublik gibt. Der Trick: Auf dem Papier sucht Vattenfall gar nicht nach CO2-geeigneten Gesteinen, sondern nach „Sole“.

Die Leute vor Ort fühlen sich da verschaukelt. Die BI "CO2-Endlager stoppen" spricht von "vorauseilendem Gehorsam" des Bergamtes und der Brandenburger Landesregierung. Diese steht, obwohl rot-rot regiert, ziemlich fest an der Seite der CCS-Freunde. Der industrienahe Verein IZ Klima lädt für Ende März zu einem "Dialog"-versuch nach Frankfurt/Oder ein, fleißig sekundiert von der Lokalpresse.

Auf der anderen Seiten habe mittlerweile große NGO wie Greenpeace entdeckt, dass in der Brandenburger Provinz möglicherweise die entscheidende Runde um CCS geschlagen wird. Auf die Seite der Gegner schlug sich kürzlich auch der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen. In einem Brief an den Brandenburger Bauernverband begründete Carstensen das "Nein" seines Bundeslandes zu CCS mit der fehlenden breiten Akzeptanz in der Bevölkerung – und setzte auch gleich die Brandenburger Landesregierung unter Druck. Im CCS-Gesetz, das im Sommer 2009 von der Großen Koalition zurückgezogen wurde, sollte, schrieb Carstensen weiter, die "Entscheidung über die CO2-Speicherung den Ländern übertragen werden." Auf dieser Forderung beharrt Carstensen und schließt messerscharf: "Dann würde es auch dem Land Brandenburg offenstehen, eine CO2-Speicherung abzulehnen."

Ob die Länder dieses Recht bekommen sollen – da ist sich die Bundesregierung derzeit uneins, wie zu hören ist. Der CDU-Mann aus dem hohen Norden hat es – verglichen mit der Landesregierung in Potsdam – etwas leichter mit seinem Nein zu CCS. Denn im Unterschied zu Brandenburg hat Schleswig-Holstein keinen Wirtschaftskern namens Lausitzer Braunkohle.

CCS bringt den Brandenburgern nichts - außer potentiellen Problemen

Die Lausitz liegt den Leuten um Neutrebbin fern.  Außer den Gefährdungen haben die Menschen im Oderbruch nichts von der CO2-Einlagerung. Keine neuen Arbeitsplätze, die sonst so wichtig sind, und keinen Ausgleich durch kompensierende Wirtschaftsförderung. Denn die macht dort, wo Kohlendioxid in großem Maßstab in den Untergrund verpresst wird, keinen großen Sinn mehr. Wer würde sich da schon ansiedeln? Die BI sieht die Region zu einer "Müllhalde" werden.

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BI gegen CCS vor dem Brandenburger Landtag vor wenigen Wochen (Foto: Böck)

Anders als zum Beispiel in Sachsen-Anhalt gibt es östlich und südöstlich von Berlin auch keine traditionellen Erdgasförderung. C02 ins alte, ausgebeutete Gasfelder zu pressen, klingt noch irgendwie einleuchtend – aber was soll das in Regionen, die außer Wald, Äckern, Wiesen (Biomasse), Seen (Tourismus) und Windrädern nicht viel zu bieten haben?

Ohne CCS aber können in Deutschland faktisch keine neuen Braunkohlekraftwerke mehr gebaut und – wenn man sich nicht die  künftig teuren Emissionszertifikate leisten will – auch nicht mehr lange weiterbetrieben werden. Braunkohle ist der Stromerzeuger mit dem weitaus größten Klimaeffekt – das ist nicht zu ändern.

Reichen die Kapazitäten unter Tage überhaupt?

CCS macht, aus vielerlei Gründen, aus Braunkohle keinen klimaneutralen Energieträger. Das liegt am längst nicht hundertprozentigen Abscheidegrad des CO2 ebenso wie am Umstand, dass alle künftigen energetisch bedingten Emissionen gar nicht unter die Erde passen. Die Studien über die mögliche Kapazität in den Speicherformationen gehen weit auseinander.

Gegenwärtig kommt das eher als wirtschaftsfreundlich geltende Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) auf eine mögliche Speichkapazität von 12 bis 28 Gigatonnen CO2, womit die Emissionen des heutigen Kraftwerksparks rechnerisch 30 bis 60 Jahre lang verpresst werden könnten. Das kritische Wuppertal-Institut kommt in einer neuen Studie, zu der es erst einen Zwischenbericht gibt, auf eine Reichweite von 15 bis 30 Jahren. Das reicht nicht einmal für einen Lebenszyklus des fossilen Kraftwerksparks.

Neuere Abschätzungen besagen übrigens, dass es technisch und logistisch nur möglich ist, jährlich maximal 50 bis 75 Millionen Tonnen CO2 ins Gestein zu drücken. Doch allein schon die Industrie stößt derzeit hierzulande jährlich 80 Millionen Tonnen aus.

CCS ist - so gesehen - keine Lösungs-, sondern eher eine Genehmigungstechnologie. Das erinnert an den Ausbau der Atomkraft. Dort genügte – und genügt noch heute - als Entsorgungsnachweis für den Atommüll ein Castor-Standplatz in einem genehmigten Zwischenlager. Welchen langfristigen Probleme das mit sich bringt, ist bekannt.

CCS als letzter globaler Rettungsanker?

Ein schwache Flanke hat der CCS-Widerstand. Klimatologen vom "Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK)"wie auch Grüne und Linke können sich vorstellen, CCS wenigstens als Reservestrategie zu erforschen, um – wenn nötig -"negative Emissionen" zu erzeugen. Mit Biomassekraftwerken und CCS könnte man, argumentieren die Wissenschaftler, als letzten Ausweg negatives Biomasse-C02 statt schnödes Braunkohle-CO2 einlagern. Zudem wird argumentiert, dass Schwellenländer wie China und Indien bei dem derzeitigen Zubau an Kohlekraft über kurz oder lang automatisch auf CCS angewiesen sein werden.

CCS als letzter globaler Rettungsanker? Gegen dieses moralische Argument kann selbst die militanteste Bürgerinitiative kaum etwas haben. Nur – wie verhindert man, dass in erkundete Tiefen nur negatives Biomasse-C02 und nicht schnödes Braunkohle-CO2 eingelagert wird? Dieser genehmigungstechnische Trick steht noch aus.

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