Spät und schlecht: Kompromiss zu Pkw-Labeln
Nach Mobilitätsgipfel der Bundesregierung: Bundeskanzlerin Angela Merkel startet "Nationale Plattform Elektromobilität". Ziel ist, dass 2020 jedes 45. Auto mit Strom statt fossilen Kraftstoffen betankt wird. Unterdessen einigten sich Wirtschafts- und Umweltressorts auf Eckpunkte für Energieverbrauchskennzeichnung - die bunte Effizienzskala soll es künftig auch für Autos geben. wir-klimaretter.de veröffentlicht Teilnehmerliste des Mobilitätsgipfels.
Aus Berlin SARAH MESSINA und NICK REIMER
Es sind ja nicht nur eine Million Autos, die 2020 auf den Straßen Deutschlands mit Strom statt fossilen Brennstoffen betankt werden sollen. Es geht mal wieder ums Große, ums Ganze: Am Montag hat Kanzlerin Angela Merkel die "Nationale Plattform Elektromobilität" ins Leben gerufen. Ziel dieser Plattform ist nichts geringeres, als "Deutschland zum Leitmarkt bei E-Autos" werden zu lassen.

Firmen-PR vor dem Brandenburger Tor: RWE (das nicht einmal 1 Prozent regenerativen Strom produziert) und Daimler (der die klimaschädlichsten Nobelkarossen baut) im Jahr 2008. (Foto: RWE)
In einer gemeinsamen Erklärung von Bundesregierung und deutscher Industrie heißt es: "Damit die angestrebten Klimaschutzziele der Bundesregierung erreicht werden können, wird sich der Verkehr in 40 Jahren überwiegend auf alternative Kraftstoffe und innovative Antriebstechnologien stützen müssen." Merkel sagte, die Mobilität der Zukunft müsse "ressourcenunabhängiger, umweltfreundlicher, nachhaltiger" sein und den Klimawandel begrenzen. Deutschland habe "sehr, sehr gute Voraussetzungen" auf dem Weltmarkt.
Aktuell der größte Nachteil ist die geringe Reichweite der Stromtanker. Trotz jüngster Fortschritte bei der Batterietechnologie fährt ein voll aufgeladenes Elektroauto aktuell in der Regel kaum weiter als 200 Kilometer. Ein Auto mit Verbrennungsmotor kommt mit einer Tankfüllung bis zu 900 Kilometer weit. Nachteilig ist auch die hohe Ladezeit der Batterien, die - je nach verwendetem Batterietyp - derzeit bis zu zehn Stunden beträgt. Darüber hinaus verringert wiederholtes Laden und Entladen der Batterien ihre Kapazität.
Im Prinzip geht es der Autoindustrie um eine Abwrackprämie II: Die deutschen Autobauer erträumen sich neuerlich Milliardenbeträge aus dem Steuersäckel, um Elekto-Autos wettbewerbsfähig zu machen. Aktuell nämlich kosten E-Mobile nicht selten gut 15.000 Euro mehr als vergleichbare Benziner. Politik und Wirtschaft verständigten sich deshalb darauf, Fördermittel, die eigentlich der Finanzplanung bis 2013 zugesagt waren, vorzuziehen.

Allerdings: Eine Kaufprämie wird es wohl nicht geben. "Eine künstliche Nachfrage zu entfachen, ist nicht die Lösung", erklärte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüdele (FDP) zu den Kaufprämien-Plänen. Er sei auch gegen die Abwrackprämie gewesen, so Brüderle: "Wir müssen nicht den französischen Weg gehen", so der Wirtschaftsminister. Frankreich hat mehrere tausend Euro als Kaufanreiz für ein Elektroauto in Aussicht gestellt.
Der ADAC kritisierte die Pläne als zu wenig verbraucherorientiert. "Nur wenn die Menschen keine Zugeständnisse hinsichtlich Reichweite, Raumangebot, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit machen müssen, kann das Elektroauto einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor, das optimale Verbrauchs- und Abgaswerte aufweist, ernsthaft Konkurrenz machen", so ADAC-Präsident Peter Meyer.
Die deutsche Umweltbewegung hatte bereits im Vorfeld des Gipfels heftige Kritik geübt: DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch warnte Angela Merkel vor einer neuerlichen "Plünderung der Steuerkassen durch die Autokonzerne". Der Autoindustrie dürfen keine Steuergelder für die Elektromobilität ausgezahlt werden. Stattdessen solle die Regierung mit einem aufkommensneutral finanzierten Marktanreizprogramm die besonders sparsamen Fahrzeuge unabhängig von der Technologie fördern und Spritschlucker zur Gegenfinanzierung mit einer Strafsteuer belegen.
Ministerien einigen sich auf Pkw-Label - nach den Wünschen der Autobranche
Unterdessen haben sich Wirtschafts- und Umweltministerium am Montag auf Eckpunkte zur Novelle der Pkw-Energieverbrauchskennzeichnung verständigt: Neufahrzeuge sollen künftig mit der bekannten farbigen Effizienzskala ausgezeichnet werden. Man habe sich "auf eine ambitionierte Energieverbrauchskennzeichnung geeinigt, die auch von den deutschen Automobilherstellern mitgetragen wird", so Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).
Die Kennzeichnung soll Verbrauchern Entscheidungshilfe leisten und Anreize zur Verbesserung der Energieeffzienz setzen, so das Wirtschaftsministerium. Die Ermittlung der Energieeffizienz der Fahrzeuge erfolge "auf Grundlage der Kohlendioxid-Emissionen unter Berücksichtigung der Masse des Fahrzeugs". Für Kleinwagen, Mittelklasse, Limousinen und Co. bedeutet das: Effizienzklassen werden nur innerhalb der einzelnen Auto-Größen einfach miteinander vergleichbar sein.
Spritschlucker sind "not amusing": So sieht das Auto-Effizienzlabel in Großbritannien aus. (Foto: VZBV)
Die Eckpunkte für eine neue CO2-Kennzeichnung begünstigten schwere Geländewagen, kritisiert deshalb der Vorsitzende des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Winfried Hermann (Grüne): "Audi Q7 und Porsche Cayenne werden damit im Verkaufsraum zu Öko-Mobilen umetikettiert". Im Windschatten des von Bundeskanzlerin Merkel einberufenen Elektromobilitätsgipfels habe VDA-Präsident Matthias Wissmann damit seine Lobbyinteressen für die Premiumklasse durchsetzen können.
Pkw-Label war bereits für 2008 geplant
Die Pkw-Energieverbrauchskennzeichnung setzt eine EU-Richtlinie in nationales Recht um und verpflichtet Händler bereits seit 2004 dazu, Kunden über Spritverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß zu informieren. Weil Autokäufer in der Praxis jedoch schneller auf sparsame Informationen als auf sparsamen Verbrauch stoßen, hatte die Bundesregierung eigentlich bereits für 2008 eine verbraucherfreundliche Kohlendioxid-Kennzeichnung geplant: Wie bei Waschmaschinen, Kühlschränken oder Fernsehern sollten Käufer auf einen Blick erkennen können, mit welchem Kohlendioxid-Ausstoß sie künftig unterwegs sein werden. In Großbritannien und Dänemark gibt es eine entsprechende Kennzeichnung bereits.
Auch das Umweltbundesamt drängte auf die schnelle Umsetzung des Pkw-Effizienzlabels. Weniger begeistert zeigte sich allerdings die Autoindustrie: Die Reform der Verordnung platzte deshalb unter der Regierung Merkel I mit Verweis auf Wirtschaftskrise und Wettbewerbsfähigkeit. Man wolle abwarten, welche europaweiten Vorschläge aus Brüssel kommen, hieß es damals. Auf EU-Ebene konnten sich die deutschen Hersteller nicht durchsetzen mit dem Wunsch nach Klimaregeln, die ihre großen und schweren Autos begünstigt - unter Schwarz-Gelb ist ihr das nun in Deutschland gelungen.
Und für alle, die es genau wissen wollen - hier die Einladungsliste der Bundesknazlerin für ihr Spitzengespräch "Mobilität von Morgen":
BDI-Präsident Hans-Peter Keitel,
aus der Automobilbranche die Vorstands-Chefs Bernhard Mattes (Ford), Nick Reilly (Opel), Norbert Reithofer (BMW), Martin Winterkorn (Volkswagen) und Dieter Zetsche (Daimler), dazu der Präsident des Branchenverbandes VDA, Matthias Wissmann,
als Vertreter der Automobilzulieferer Franz Fehrenbach (Bosch), Hans-Georg Härter (ZF Friedrichshafen) und Walter Mennekes (Mennekes Elektrotechnik GmbH),
von Seiten der Energieerzeuger Wulf H. Bernotat (Eon), Jürgen Großmann (RWE), Tuomo Hataka (Vattenfall), Hans-Peter Villis (EnBW) und Matthias Willenbacher (Juwi),
aus der Chemieindustrie Klaus Engel (Evonik) und Jürgen Hambrecht (BASF), weiterhin die Branchen Maschinenbau (Manfred Wittenstein/Wittenstein AG), Informationstechnik (Peter Bauer/Infineon und Peter Löscher/Siemens),
seitens der Wissenschaft Lutz Eckstein (RWTH Aachen), Henning Kagermann (Präsident der Akademie der Wissenschaften), Werner Tillmetz (Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg) und Martin Winter (Universität Münster),
außerdem saßen am Tisch Bahn-Chef Rüdiger Grube, DIN-Direktor Torsten Bahke (wegen Standardisierung und Normung der neuen Technologie), der IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber
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