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Keine Kondensstreifen, weniger Kohlendioxid

Seit Freitag ruht die Luftfahrt in Europa fast vollständig: Die Aschewolke aus Island beschert den Anwohnern von Flughäfen ungewohnt ruhige Tage. Und auch das Klima kann mal durchatmen. Schätzungsweise zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid bleiben der Atmosphäre durch die europaweite Flugpause erspart. Und der Himmel sieht plötzlich ganz anders aus

VON TORALF STAUD

Ist es Ihnen schon aufgefallen? So blau wie an diesem Wochenende war der Himmel über Deutschland schon sehr lange nicht mehr. Weil wegen der Aschewolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull Tausende Flugzeuge am Boden bleiben, ist weit und breit kein einziger Kondensstreifen zu sehen. "Ich habe meinen Kindern gesagt, sie sollen sich den Himmel ganz genau anschauen", erzählt Ute Otterbein, Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS) im hessischen Langen. "Sowas gibt's fast nie!"

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Sowas gibt's ständig: Kondensstreifen am Himmel, hier über den USA auf einem Foto der Nasa

Seit Freitagmorgen haben die Fluglotsen der DFS den Luftverkehr in Deutschland Schritt für Schritt zurückgefahren, als letzter internationaler Airport schloss am Freitagabend München. Auf dem ganzen Kontinent sind in den vergangenen beiden Tagen nach Angaben der Flugsicherung Eurocontrol mehr als 35.000 Flüge ausgefallen. Im deutschen Luftraum bewegt sich praktisch nichts mehr. Auf den Flughäfen müssen Tausende Passagiere auf Feldbetten übernachten. Post und Paketdienste stocken. Die Bundeskanzlerin strandete auf ihrer Rückreise aus den USA in Lissabon, Verteidigungsminister zu Guttenberg kam mit den verletzten Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan erstmal nur bis Istanbul. Fluggesellschaften wie die Lufthansa kostet ein solcher Tag nach eigenen Angaben rund 30 Millionen Euro.

Allein die Lufthansa verbraucht an einem durchschnittlichen Tag 15.000 Tonnen Kerosin

Doch viele Leute freuen sich über die unverhoffte Ruhe am Himmel: "Einfach herrlich" sei es, sagt Gerhard Grandke, der in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens wohnt, der Agentur dpa. "Wie ein Kurort" fühle sich die Terrasse seines Hauses plötzlich an. Und auch das Klima kann zwei Tage lang aufatmen. Fliegen ist bekanntlich die klimaschädlichste Art der Fortbewegung überhaupt, und die Luftfahrt wächst seit Jahrzehnten rasant. Inzwischen, so schätzen Experten, gehen bereits vier bis neun Prozent des menschengemachten Treibhauseffektes weltweit auf den Flugverkehr zurück - Tendenz steigend.

Zwei Tage ganz ohne Flugzeuge, das dürfte also einen durchaus spürbaren Effekt haben. Ein Lufthansa-Sprecher konnte am Samstag nicht sagen, wieviel Kerosin das Unternehmen durch die unfreiwillige Untätigkeit denn einspare.  Aus dem Umweltbericht des Unternehmes aber lässt sich ziemlich einfach hochrechnen, dass die Lufthansa-Jets an einem durchschnittlichen Tag 15.000 Tonnen Kerosin verbrennen und dabei 47.000 Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Weil die Flugzeugabgase in besonders sensiblen Schichten der Erdatmosphäre ausgestoßen werden, ist die Klimawirksamkeit (Fachsprache: "Radiative Forcing Index", RFI) etwa zwei- bis dreimal so groß.

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Von Island aus hat sich seit Freitag die Aschewolke fast über ganz Europa ausgedehnt  

Exakt lässt sich der "Klimanutzen" der europaweiten Flugpause natürlich nicht berechnen. Klimaretter.info hat die Experten von Atmosfair, dem renommiertesten Anbieter sogenannter Klimakompensation für Flugreisen, um eine grobe Kalkulation gebeten. Ergebnis: Sämtliche Flugbewegungen von, nach und in Europa haben jeden Tag eine klimaerwärmende Wirkung, die etwa der von einer Million Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß entspricht. Zwei volle Tage ohne Jets am Himmel wären dann rund zwei Millionen Tonnen (wenn man der Einfachheit halber außer acht lässt, was die nun vermehrt fahrenden Züge, Busse und Mietwagen an zusätzlichem CO2-Ausstoß bedeuten).

Die Menge ist ansonsten eher konservativ berechnet. "Wir konnten auf Daten und Studien zurückgreifen, die 2007 im Auftrag der EU erarbeitet wurden und in denen der europäische Flugverkehr gut dokumentiert ist", sagt Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von Atmosfair. Auf 220 Millionen Tonnen reinen CO2-Ausstoß waren die Gutachter vor gut zwei Jahren gekommen, nur für die EU. Multipliziert mit dem genannten RFI-Faktor ergäbe sich eine jährliche Klimabelastung von deutlich über 365 Millionen Tonnen, und daraus eben eine runde Million pro Tag.

Der Eyjafjallajökull hat Klimaschäden von ein bis zwei Millionen Tonnen CO2 verhindert

Eine Million Tonnen Kohlendioxid, ist das viel? Nunja, die Menge entspricht den jährlichen Emissionen von 100.000 durchschnittlichen Deutschen. (Oder den Klimaauswirkungen, die  eine Million Inder pro Jahr durch all ihre Aktivitäten verursachen.) Eine Million Tonnen - das ist ungefähr so viel, wie 500.000 Durchschnittsautos im Jahr ausstoßen. Ein Tag Stillstand in der Luft nützt also dem Klima genauso viel, als wenn eine halbe Million Deutsche ihren Wagen ein Jahr lang stehenlassen.

Oder noch ein Rechenexempel: Wenn eine handelsübliche Energiesparlampe rund 200 Kilogramm CO2 einspart, dann hätte der aschespeiende Eyjafjallajökull dem Klima innerhalb von nur zwei Tagen soviel gebracht wie zehn Millionen Sparbirnen.

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So sieht der Luftraum über der südwestlichen USA (rechts unten ragt Florida aus dem Bildausschnitt) üblicherweise auf Satellitenfotos aus - inklusive Kondensstreifen

Allein das Fehlen der Kondensstreifen beeinflusst bereits die Erdtemperaturen. Die künstlichen Wolken, die hinter Düsenjets entstehen, verstärken laut Klimaforschern den Treibhauseffekt, weil sie die Abstrahlung von Hitze der Erde hinaus ins Weltall bremsen. Mustergültig beobachten ließ sich dies vor neun Jahren nach dem 11. September 2001. Wegen derTerroranschlägen wurden damals schlagartig sämtliche Flugzeuge Nordamerikas auf den Boden geholt. In den folgenden drei Tagen blieb der Himmel frei von Kondensstreifen - und prompt registrierten Forscher unter Leitung von David Travis von der Universität Wisconsin eine Veränderung der üblichen Wettermuster.

Fotos: Louis Nguyen/Nasa, Eurocontrol

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