Jungfernfahrt mit Schwebesegel
Deutschlands größter Segeltrawler ist am Montag im niederländischen Ijmuiden erstmals mit neuem Antriebssystem gestartet: Ein Segel, so stark wie ein Flugzeugantrieb. Dummerweise blies zur ersten Fahrt nicht genügend WindVon NICK REIMER

Das geht nun schon seit gut zwei Jahren: Im Januar 2008 war zum ersten Mal ein Frachtschiff mit einem Drachensegel als Antrieb auf Tour gegangen. In der Nordsee vor Bremerhaven wurde auf der MS "Beluga SkySails" ein Zugdrachensystem in Betrieb genommen, das erhebliche Mengen Treibstoff sparen soll. Was auch dem Klima zugute kommt: Zuletzt war der Schiffsverkehr verstärkt in die Klimaschutzbemühungen einbezogen worden.
Die EU will etwa, dass der Flugverkehr bis 2020 seine Emissionen um zehn Prozent - verglichen mit 2005 - reduzieren muss, der Schiffsverkehr dagegen um das Doppelte, um 20 Prozent. Beide Verkehrsträger belasten mit einem Anteil von fünf Prozent am Treibhausgasausstoß das Klima etwa so stark wie ein großes EU-Land.
Die niederländische Reederei Parlevliet & Van der Plas B.V. erwarte sich von dem neuen Segel-Antrieb eine hohe Treibstoffersparnis, vor allem bei langen Fahrten an die afrikanische Küste und in den Südpazifik. Den Angaben des Herstellers zufolge - entwickelt und produziert von der Hamburger Firma SkySails - kann ein System, wie es auf der "Maartje Theadora" zum Einsatz kommen soll, bei gutem Wind rund acht Tonnen Zugkraft erzeugen - das entspricht fast der Leistung eines Flugzeug-Triebwerks. Dann steige die Treibstoffersparnis auf mehr als 50 Prozent.

Verwunderlich an dem System sind seine Wirtschaftsdaten. Obwohl doch so viel Treibstoff eingespart werden soll, ist das System unvorstellbar teuer. So erfüllt es Till Backhaus, für die SPD Umweltminister in Mecklenburg-Vorpommern, "mit Stolz und Freude, dass mein Land hier Pionierarbeit unterstützt und begleitet." Backhaus erläutert finanziell gesehen seine Freude so: Mit einer äußerst großzügigen Förderung im Rahmen des Europäischen Fischereifonds 2007-2013 sei es möglich gewesen, das Vorhaben umzusetzen.
In Zahlen: 583.000 € hat die EU für das Segel berappt, Mecklenburg-Vorpommern nochmals 194.000 € bewilligt. Eine dreiviertel Million für guten Wind? Backhaus: "Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Geld sehr gut angelegt ist".
Und dann sagt der Minister einen Satz, der jeden vernünftig denkenden Menschen an dieser Überzeugung zweifeln lässt: "Die Europäische Union und das Land Mecklenburg-Vorpommern sehen dieses Projekt als einen Vorreiter mit hohem Multiplikationspotenzial für die langfristige Verbesserung der Ressourceneffizienz und Verringerung der Umweltbelastung in der Fischerei".
Dass es bessere Argumente für die Antriebsform gibt, könnte die Geschichte lehren. Gut 100 Jahre ist es her, dass Segel in der kommerziellen Schifffahrt zum letzten Male Verwendung fanden. Seitdem gab es mehrfach Versuche, die Windkraft wieder für Handelsschiffe zu nutzen. Keines dieser Systeme konnte sich jedoch durchsetzen.
Häufig wurde SkySails-Gründer Stephan Wrage deshalb auch als Spinner abgetan, als er seine Geschäftsidee vorstellte. Nach einer Jungfernfahrt Richtung Venezuela, bei der sechs Monate lang die Bedingungen der Atlantik-Frachtschifffahrt erprobt worden, ging das System Mitte 2008 in Serie.
Seitdem hat das Unternehmen jede Menge Aufmerksamkeit erfahren. Der Trawler nun ist ein weiterer Meilenstein der Firmengeschichte. Das Schiff gehört zur Tochtergesellschaft Westbank Hochseefischerei. Bislang wurde der zusätzliche Windantrieb nur auf Frachtschiffen erprobt, während Trawler - zu englisch: Schleppnetzfischer - klassische Fischfabriken zu See sind.
Fotos: SkySail, 2 Montagen
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