"Eine Debatte wie im Speisesaal der Titanic"
Andreas Fischlin, 61, ist Professor für Terrestrische Systemökologie in Zürich. Er forscht vor allem darüber, wie sich Wälder bei einem sich ändernden Klima verhalten. Beim zweiten IPCC-Bericht 1995 war der Biologe Hauptautor für das Kapitel "Climate change impacts on forests", beim vorerst letzten Report 2007 verantwortete er den Abschnitt "Ecosystems, their properties, goods, and services". Zusammen mit seinen gut 1.300 Kollegen vom Weltklimarat IPCC wurde Fischlin 2007 der Friedensnobelpreis verliehen.
Herr Professor: Der Weltklimarat und sein Vorsitzender Rajendra Pachauri stehen derzeit wegen fehlerhafter Arbeit in der Kritik. Zu Recht?
Prof. Andreas Fischlin: Ja, dieser Fehler im letzten Bericht der Arbeitsgruppe II hätte nicht passieren dürfen. Aber nicht alle Kritik ist berechtigt.
Es geht um die falsche Aussage, die Himalaja-Gletscher könnten würden bis 2035 praktisch vollständig abschmelzen ...
... es geht um mehr: Da wird aus teilweise unredlichen Motiven heraus versucht, Kapital aus einem Fehler zu schlagen - der allerdings nicht hätte passieren dürfen. Spätestens im sogenannten Peer-Review-Verfahren, also der Prüfung durch außenstehende Experten, hätte klarwerden müssen, dass ein WWF-Bericht allein für so eine weitreichende Feststellung wie den Verlust der Himalayagletscher, die ja das Wasserschloss Asiens darstellen, nicht genügt. Die verantwortlichen Autoren haben versagt, und die Begutachter haben versagt. Dieser Fehler wird nun aber so dargestellt, als ob IPCC durchwegs eines fehlerhaften Arbeitens überführt worden sei.

Ja, es ist ein Fehler gemacht worden. Das ist peinlich und ärgert mich als exakten Wissenschaftler außerordentlich. Aber im politischen Zusammenhang rechtfertigt das nicht, sich von der Arbeit des IPCC schlechthin oder einzelner Beiträge zu distanzieren. Obwohl auch ich größte Lust hätte, mich von den wenigen Kollegen, die schlecht gearbeitet haben, abzugrenzen.
Das müssen Sie erklären!
Sehen Sie: Als hauptverantwortlicher Autor eines anderen Kapitels des IPCC-Berichts kann ich behaupten, in meinem Bereich beste Arbeit abgeliefert zu haben - und dann in so ein Schlamassel reingezogen zu werden, das schmerzt natürlich. Sich von den fehlerhaften Mitautoren zu distanzieren, birgt aber die Gefahr einer Selbstzerfleischung, die weder der Sache noch sonst jemanden nützt.
Und genau das können wir jetzt erleben: Physiker distanzieren sich von Kollegen aus anderen Disziplinen oder fordern aus nicht immer ganz stichhaltigen Gründen den Rücktritt vom Vorsitzenden Rajendra Pachauri. Der Vorsitzende des IPCC kann nicht für jeden einzelnen Satz des Gesamtberichts verantwortlich gemacht werden. Und was die anderen Begründungen für seinen Rücktritt anbetrifft - etwa unsachliches Abwiegeln von Kritik im Falle der Himalayagletscher, Interessenskonflikte oder unzulässige politische Stellungnahmen -, all die kenne ich nur vom Hörensagen. Dies könnten Gründe sein, aber ich will nicht über etwas urteilen, das ich nicht genau überprüft habe. Und in der laufenden Schlammschlacht weiß man ja kaum mehr, was nun wirklich zutrifft.
Als Wissenschaftler will ich immer Fakten von Fiktionen unterscheiden. Ich wehre mich auch gegen die Selbstzerfleischung zwischen den Disziplinen. In gewissen Fragen ist in der Tat die Physik am meisten gefragt, aber eben nicht in allen.

Hartmut Graßl hat gefordert, dass der Ökonom und Eisenbahningenieur Pachauri "reinen Tisch machen sollte" - er als IPCC-Vorsitzender schwäche das Gremium.
Ich bin in dieser Hinsicht mit Herrn Professor Graßl, den ich sonst sehr schätze, nicht ganz einig. Nicht immer sind es die Physiker, welche die Probleme um die Erderwärmung am besten untersuchen können, dazu braucht es auch Biologen, Ökonomen oder Sozialwissenschaftler. Wenn Sie krank sind, gehen Sie zum Arzt und nicht zum Physiker, und wir brauchen all diese Disziplinen, um eine solide Entscheidungsgrundlage für die Klimapolitik bereitzustellen.
Die Interdisziplinarität und Einigkeit des Weltklimarates war immer seine Stärke. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte - und der Geschädigte sind dann schlussendlich die vom Klimawandel Betroffenen, wir selbst und unsere Nachkommen.
Wer ist der nutznießende Dritte in diesem Fall?
Natürlich jene Kreise, die behaupten, es gebe gar keinen Klimawandel und wir könnten so weitermachen wie bisher. Es macht ja auch den Anschein, dass da gezielt und mit Vehemenz des Verzweifelten auf einen Rufmord des IPCC hingearbeitet wird.
Reden wir nochmal im Detail über die Fehler. Wie konnten die passieren?
Erstens wird übertrieben. Am letzten Bericht haben 1369 Autoren mitgearbeitet, meist die in ihrer jeweiligen Disziplin anerkannten Experten. Dass da einige wenige aus Entwicklungsländern nicht perfekt gearbeitet haben, bedeutet keineswegs, dass der ganze Bericht schlampig erstellt worden wäre. Zweitens ist es leider eine Tatsache, dass die wissenschaftlichen Standards in Entwicklungsländern nicht denen der Industrieländer genügen.
Wie bitte?
Ein Beispiel: In meiner Arbeitsgruppe war eine Professorin der Universität von Botswana, welche weit über die Landesgrenzen hinaus anerkannt ist und überdurchschnittliche Unterstützung genießt. Ich habe ihr trotzdem immer wieder wissenschaftliche Artikel als PDF mailen müssen - einfach weil die entsprechenden Zeitschriften oder Publikationen in dem armen afrikanischen Land nicht erhältlich waren. Man sieht an den protokollierten Reaktionen der Autoren im Fall des Himalaya-Abschnitts, dass auch solche Schwierigkeiten eine Rolle gespielt haben. Und es kam hinzu, dass die Forschungsresultate - wie oft aus Entwicklungsländern - lückenhaft waren.
Der Gletscher am Kang La Tscha in Ladakh auf 5.000 Meter Höhe (im Sommer 2009): Seit Jahren fräßt hier Schmelzwasser in den einst intakten Gletscher. Fotos: Reimer
Kontrollieren sich denn die Autoren der verschiedenen Arbeitsgruppen nicht auch gegenseitig?
Wir sind zwar dazu aufgefordert, aber letztlich fehlt uns Hauptautoren oft die Zeit, weil wir mit den eigenen Kapiteln schon genug zu tun haben. Mein Team zum Beispiel, welches das Wissen über die Klimafolgen für Ökosysteme weltweit studierte, hat mehr als 3.000 wissenschaftliche Arbeiten gesichtet. Fast alle davon gehören zur Literatur, die bereits Peer-Reviews durchlaufen hatte. Aber auch die ist übrigens nicht immer über alle Zweifel erhaben.
Am Ende zitierten wir 915 Arbeiten. Dies allein ist eine unglaublich aufwändige und äußerst anspruchsvolle Arbeit, alles muss überprüft und auf wissenschaftliche Korrektheit und Relevanz hin bewertet werden. In meinem Kapitel haben wir die IPCC-Regeln strengstens eingehalten und sind mit Unsicherheiten sorgfältigst umgegangen. Ich denke, mir wäre dieser Himalaya-Fehler aufgefallen, obwohl ich nicht Glaziologe bin - doch auch ich hatte zuwenig Zeit, dieses andere Kapitel zu begutachten.
Die Autoren sind also zeitlich überfordert?
Teilweise! Fakt ist aber, dass der Qualitätsstandard des IPCC wesentlich höher ist als bei normalen wissenschaftlichen Publikationen. In meinem Kapitel zum Beispiel hatten wir über 4.000 Kommentare zu bewältigen, und wir nahmen zu jedem Kommentar schriftlich Stellung, und alles wurde regelkonform öffentlich zugänglich gemacht.
Die unhaltbare Aussage über die Himalaya-Gletscher ist zwei Sätze lang - bei über 3.000 Seiten Gesamtbericht eine ausgezeichnete Quote. Und dieser Fehler hatte keine Auswirkungen auf irgendeine der Hauptaussagen des Berichts.

Ein Gletschermund in der Zanskar-Kette des Himalaya im Nordenwesten Indiens. Das oberste Foto zeigt den gesamten Gletscher
Es gibt offenbar auch andere Fehler, so wurde beispielsweise aus drei afrikanischen Staaten auf den ganzen Kontinent abstrahiert.
Davon höre ich zum ersten Mal - und wiederum, ohne genaue Prüfung kann ich als Wissenschaftler hierzu nicht Stellung beziehen. Auch würde es mich nicht erstaunen, wenn in den regionalen Kapiteln, insbesondere aus Entwicklungsländern, noch weitere Verstöße gegen die IPCC-Regeln aufgespürt würden. Aber eines weiß ich, die Kernaussagen des IPCC Berichts, dass die Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels fatal wären, lassen sich durch derartige Fehler in einzelnen Argumentationen nicht umstoßen.
Die Zusammenfassung für Entscheidungsträger haben wir in mühsamer und sorgfältiger Erörterung formuliert. Dabei sind unsichere oder sonst schlecht belegte Aussagen auf der Strecke geblieben. Man darf nicht jedes Detail des 3.000-seitigen Berichts auf die Goldwaage legen oder das Kind mit dem Bade ausschütten. Ein Kollege beschrieb die derzeitige Debatte so: Wir sitzen im Speisesaal der Titanic, haben schon nasse Füße und diskutieren über Zusammensetzung der Speisekarte.
Interview: NICK REIMER
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