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Das Ende des Bio-Booms

Der Aufwärtstrend der Bio-Branche ist vorläufig gestoppt: Erstmals seit Jahren wird es kein Umsatzplus geben. Schuld daran sind die Wirtschaftskrise und der Preiskrieg der Discounter. Der größte Verband Bioland forderte heute in Berlin von der Bundesregierung eine "Ernährungspolitk als Klimapolitik".  Bundesagrarministerin Aigner ignoriert die Stimmen aus der Öko-Ecke

Aus Berlin SUSANNE GÖTZE

Zwei Tage vor Eröffnung der 75. Grünen Woche hat Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) noch einmal klargestellt: Strenge Klimaschutzauflagen und eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln seien "unvereinbar". Also entweder Hunger oder Erderwärmung, so die Logik der Ministerin: "Wenn alle Menschen genug zu essen haben sollen, dann müssen wir auch die entsprechenden Treibhausgasemissionen in Kauf nehmen", sagte Aigner dem Magazin SPIEGEL. Eine "klimaneutrale und zugleich ausreichende Ernährung für alle ist schwer vorstellbar". messe5.jpg

Immerhin will die Landwirtschaftsministerin das Thema Klimaschutz im Rahmen des Agrarministertreffens am Rande der Grünen Woche aufgreifen - allerdings ohne Zivilgesellschaft, wie NGOs schon beklagten.

Doch Umweltschützer und die Bio-Branche machen immer mehr Druck auf die Politik, eine Agrarwende einzuleiten – zum Wohl für Mensch, Tier und Klima. "In Kopenhagen wurde nicht über Landwirtschaft gesprochen und auf der Grünen Woche ist weder von Biolandwirtschaft noch von Klimaschutz die Rede", schimpfte Thomas Dosch, Präsident von Bioland Deutschland in Berlin. Dabei ist für Dosch gerade der Biolandbau die Klimaschutzavantgarde in der globalen Landwirtschaft: Biobauern würden weniger fossile Energie nutzen, durch natürliche Düngung Stickstoffemissionen vermeiden und gleichzeitig Naturschutz und Biodiversität stärken.

Doch die guten Absichten nutzten der Branche im Krisenjahr 2009 wenig. Auch an ihr ging die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbei. Zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin legte die Branche neue Zahlen vor. Während der gesamte Lebensmittelmarkt beim Umsatz um 2,4 Prozent zurück ging, wird bei den Bio-Produzenten über genaue Zahlen noch spekuliert, da Daten für Dezember noch fehlen.

Doch Hans-Christoph Behr von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) ist sich sicher, dass 2009 kein Plus mehr vor den Umsatzzahlen der Biobranche stehen wird. Das wäre seit über 12 Jahren das erst Mal. Eher werde der Gesamtumsatz der Branche unter den rund sechs Milliarden Euro Einnahmen von 2008 liegen, meinte Behr auf der Messe Berlin.

Das sieht man in der Branche selbst allerdings anders: Götz Rehn, Geschäftsführer von Alnatura und Mitglied des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erklärte, es werde sehr wahrscheinlich einen Umsatzzuwachs geben. Denn klar sei schon jetzt, dass der Fachhandel vier Prozent über den Einnahmen von 2008 liege – hier habe man sich klar verbessert.

Weniger Bio in Billigmärkten

Die Gesamtzahl hängt nun vor allem davon ab, wie stark die Einbußen bei den Bioprodukten sind, die in Discountern und großen Lebensmittelmärkten vertrieben werden. Dort habe es in den letzten Monaten eine wahre "Preisschlacht" gegeben, meint Marktforscher Behr vom AMI.

Durch die Krise bei den Billigmärkten sei es zu einer Einschränkung des Bio-Sortimentes und auch zu niedrigeren Preisen gekommen, die nicht durch mehr Verkäufe ausgeglichen werden konnten – das drückt vorrausichtlich den Gesamtumsatz. Schon im Oktober hatte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) einen Rückgang im Biogeschäft von bis zu zwei Prozent festgestellt.

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Bio-Halle auf der Grünen Woche 2009: Als Nische akzeptiert, als Mission verpönt (Foto: Messina)

Im Unterschied zu Massen-Bio-Lebensmitteln in Billigmärkten, die dort als Alternative zu konventionellen Lebensmitteln angeboten werden, wird in reinen Biosupermärkten oder kleinen Bioläden vor allem auf Produkte aus regionaler Herstellung und strengeren Vorschriften für den Anbau gesetzt. Doch gerade der kleine Bioladen um die Ecke hatte es laut Statistik des BÖLW 2009 besonders schwer: 100 Läden mussten im letzen Jahr schließen und nur 50 wurden bundesweit eröffnet.

Mitglieder des BÖLW wie Joachim Weckmann von der Assoziation Ökologischer Lebensmittelhersteller (AoeL) wollen gegen den Trend der Bio-Vermassung vor allem auf mehr Transpanrenz und Qualität setzen. "Wir wollen qualitative Ökoprodukte und stehen für nachhaltige Wirtschafts- und Handelsbeziehungen ein", so Weckmann. Er ist neben seiner Arbeit als Biolobbyist selbst Ökobauer und Chef von "Märkisch Landbrot".

Zusammen mit anderen Brandenburger Kollegen hat er 2007 die Aktionsgemeinschaft "Fair und Regional" gegründet. Angesichts des Preiskrieges und des Wettbewerbes in der konverntionellen Landwirtschaft ist das für Bioprodukte vielleicht langfristig die einzige Chance, Kunden an sich zu binden: Denn mit Äpfeln aus Südafrika verliert die Branche schlicht an Glaubwürdkeit.

Ökolandbau als Klimaretter?

Regional zu sein gehört auch zu dem neuen Klimaretter-Image, was die Bio-Branche für sich reklamiert. Unternehmer wie Bioland-Präsident Dosch betonen, dass sie im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft, die sich nicht nach ökologischen Kriterien richtet, eine Lösung  für das Klimaproblem in der Landwirtschaft darstellen.

Immerhin kommen 16 Prozent der deutschen Treibhausgase aus der Landwirtschaft, global sind es rund ein Viertel (ohne Transportwege rund 14-18 Prozent, je nach Studie). "Es geht hier schlicht um verschiedene Produktionsmethoden, deren Auswirkungen auf Klima und Umwelt ausgelotet werden müssen", so Dosch.

11111203677a3c5.jpgProtest auf der letzten Grünen Woche: Von Klimaschutz in der Landwirtschaft will Frau Aigner immer noch nichts wissen. (Foto: WWF)

Trotz der burschikosen Abwehrhaltung von Frau Aigner, ist man im Landwirtschaftsministerium tatsächlich dabei, die Klimaschädlichkeit von ökologischen und konventionellen Betrieben zu untersuchen. Das berichtete Professor Gerold Rahmann, der in dem Ministerium angegliederten Thünen-Institut zum Ökologischen Landbau forscht. So sollen in den nächsten Monaten 40 ökologische und konventionelle Betriebe in vier deutschen Regionen miteinander verglichen werden.

"Landwirtschaft ist per se klimaschädlich – aber wir brauchen sie halt zum Leben", so Rahmann. "Der Ökolandbau hat hinsichtlich des Klimaschutzes viele Potentiale und Vorteile". Doch es gehe eben auch darum, dass der Verbraucher mitmache. Denn mit dem jetzigen Fleischkonsum, werde man auch mit den Methoden des Ökolandbau nur begrenzt erfolgreich sein.

Ein grundsetzliches Umdenken bei der Ernährung gehöre zum Klimaschutz dazu, waren sich Wissenschsftler und Bio-Unternehmer Dosch einig. Eine nachhalige Landwirtschaft und gleichzeitig genügend Lebensmittel – dieses Ziel sei realistisch. Doch eben nur mit einer echten "Agrarwende", die auch den Konsum in den Industrienationen einschließe.

Immerhin: Auch die Bundeslandweirtschaftsministerin hat diesen Aspekt verinnerlicht. Ilse Aigner forderte die Verbraucher am Wochenende auf, zum Wohle des Klimaschutzes weniger Fleisch zu essen. "Wenn wir uns alle gesund und ausgewogen ernähren würden, so wie es zum Beispiel mit der Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen wird, wäre das bereits ein erheblicher Beitrag zum Klimaschutz." Dazu aufgerufen hat auch der  Bundesverband der Verbraucherzentralen. 

Sehr zum Leidwesen des deutschen Bauernverbandes: Dessen Präsident Gerd Sonnleitner hatte heute Morgen auf der Auftaktpressekonferenz der Grünen Woche erklärt, dass "Konsumverzicht" nicht der richtige Weg sei.

Fragt sich, was er für den richtigen hält. 

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