BP-Desaster lässt Ölpläne in Grönland wackeln
Die Katastrophe im Golf von Mexiko könnte den Ölkonzernen auch in Grönland die Geschäfte verderben. Dort sollen in diesem Sommer Unterwasser-Bohrungen beginnen, die Genehmigungen sind erteilt. Aber in Dänemark und Kanada wachsen nun die Bedenken. Auch weil die Konzernvertreter bei einer Anhörung nichts dazu sagen konnten, welche Auswirkungen eine Ölpest unter dem Eis hätte.
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Es sind begehrliche Blicke, die die Ölkonzerne derzeit nach Grönland richten. Das Küstengebiet vor der größten Insel der Welt gilt den Unternehmen als einer der "Top Hot-Spots" für die künftige Förderung von Erdöl. Erste Genehmigungen für Erkundungsbohrungen wurden bereits vergeben. Die Energiekonzerne Chevron, Exxon und Dong haben die Erlaubnis bekommen, vor der Westküste Grönlands nach Öl zu bohren - unter anderem in der Diskobucht mit dem bekannten Ilulissat-Eisfjord, wohin neben vielen TouristInnen auch schon Angela Merkel reiste, um sich als klimabesorgte Politikerin ablichten zu lassen. In bis zu einem Kilometer Meerestiefe sind dort Borhungen geplant - doch die BP-Katastrophe im Golf von Mexiko, die in 1,5 km Tiefe passierte, stellt diese Projekte nun grundsätzlich in Frage.

Ilulisat-Eisfjord in Grönland - nicht weit von hier wollen Chevron, Exxon & Co. ab Sommer 2010 nach Erdöl bohren
(Foto: Greenland Tourism and Business Council)
"Die Katastrophe im Golf hat Probleme sichtbar gemacht, die wir uns nie im Leben vorgestellt haben", sagt Eyvind Vesselbo, Umweltsprecher der rechtsliberalen dänischen Regierungspartei Venstre: "Vor Grönland hätte so ein Ölaustritt schon wegen des viel rauheren Wetters noch verheerendere Folgen." Kopenhagen müsse die Frage der Ölerkundung vor Grönland von Grund auf neu prüfen. Bevor Bohrungen beginnen, müsse mehr Klarheit herrschen über mögliche Konsequenzen, fordern auch die UmweltsprecherInnen der oppositionellen Linkssozialisten und Sozialdemokraten, Steen Gade und Mette Gjerskov.
"Wir sind noch nicht bereit für ein Ölabenteuer"
Von einer baldigen völligen Selbständigkeit, gegründet auf künftigen Ölreichtum, hatte man in Grönland geträumt. Träume, die durch das Deepwater-Horizon-Unglück einen erheblichen Dämpfer erhalten haben. "Wir sind noch nicht bereit für ein Ölabenteuer", sagt Ove Karl Berthelsen, bei der grönländischen Selbstverwaltungsregierung für Ressourcenfragen zuständig: "Wir brauchen einen Sicherheitsstandard, den es hier noch nicht gibt." Und KNAPK, die Vertretung der grönländischen Fischer und Jäger fordert, einen sofortigen Bohrstopp, bis alle offenen Sicherheitsfragen geklärt sind.
"Wenn nun in der Diskobucht gebohrt wird und es passiert etwas, sind wir verloren", sagt der kommunale Bereitschaftschef Knud Petersen: "Wir könnten nichts tun, als zuzuschauen." Die vorhandenen Ölsperren und die sonstige Technik würden nicht einmal reichen, wenn ein Kreuzfahrtschiff auf Grund laufen und ein großes Treibstoffleck entstehen sollte. Trotz all dieser Bedenken sind die für diesen Sommer mindestens vier geplanten Ölbohrungen vor Westgrönland bislang noch nicht gestoppt worden.
Kritisiert werden die Bohrungen auch in Kanada - schließlich sollen sie nahe der Grenze zu kanadischen Gewässern stattfinden. Dort hat sich im Gefolge der Katastrophe im Golf von Mexiko eine ähnliche Debatte wie in Grönland und Dänemark entwickelt. Die Opposition hatte vergangene Woche in Ottawa eine Parlamentanhörung beantragt, in der Manager von Ölkonzernen und Prospektierungsgesellschaften Auskunft geben sollten, welche Konsequenzen ein Unglück wie das im Golf von Mexiko in der Arktis haben könnte. Die wenig beruhigende Auskunft auf der Veranstaltung: Keiner der Experten wusste auch nur zu sagen, welche Folgen ein Ölaustritt unter dem Eis haben würde und was genau man dagegen tun könnte.
In Kanada wollte BP eine Lockerung der Bohrvorschriften erreichen
Kanada hat für Bohrungen in tiefem Wasser strengere Regeln als die USA. So muss neben dem Hauptbohrloch immer gleichzeitig eine Entlastungsbohrung stattfinden, damit im Falle eines Unglücks zumindest ein Teil des Drucks aufgefangen werden kann. BP Kanada hatte vor dem Golf-Unglück in Ottawa noch einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung von dieser Vorschrift für geplante Bohrungen in der Beaufort-See gestellt. Begründung: Weil in arktischen Gewässern die eisfreie Bohrsaison nur kurz ist, sei eine solche Extrabohrung zu teuer und zeitaufwändig.
Das war wohl ein ausgesprochen schlechtes Timing für einen solchen Antrag, meint Raymond Ningeocheak von Nunavut Tunngavik, einer Organisation, die die Landansprüche der Inuit bei der Ausbeutung der Naturresssourcen in der kanadischen Arktis vertritt: "Es ist uns egal, wie schwer und teuer das ist. Wir wollen die strengstmöglichen Regeln haben."
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