Der Flaschenhals der Energiewende
In Berlin diskutierten Betroffene und Fachleute mit den Netzbetreibern und der Politik, wie der Ausbau der Stromnetze beschleunigt werden kann. Nicht der Zubau neuer regenerativer Erzeugungskapazität sei das aktuelle Problem, sondern der natur- und sozialverträgliche Um- und Ausbau der Stromtransport-Kapazitäten.
Aus Berlin NICK REIMER
„Erneuerbare ins Netz! Akzeptanz – Kosten – Technik“ - Unter diesem Slogan diskutierten am Donnerstag und Freitag gut 300 Fachleute den Umbau der Stromnetze. „Die Teilnehmer sind von sehr weit hergekommen“, sagte Rainer Baake, Chef der veranstaltenden Deutschen Umwelthilfe (DUH). Baake meinte damit nicht den Anreiseweg der Teilnehmer: „Erstmals sind hier Politik, Netzbetreiber, Wissenschaft und Bürgerinitiativen, die ihre Interessen gegen neue Strommasten wahrnehmen, zusammengekommen“, so der ehemalige Staatssekretär unter Jürgen Trittin. Es gehe darum, die Infrastruktur fit für eine erneuerbare Zukunft zu machen, denn die Stromnetze seien der „Flaschenhals“ bei dieser Zukunftsaufgabe.

Etwa 300 Experten kamen ins Berliner Umweltforum - einem umgebauten Kirchenraum im Stadtteil Friedrichshain.
Tatsächlich ist für das Ziel, 2020 mindestens 30 Prozent des verbrauchten Stromes aus Sonne, Biomasse, Wind und Wasser zu erzeugen, ein grundlegender Umbau der Stromnetze erforderlich. „Wir als Bundesumweltministerium haben immer gesagt: Wer Klimaschutz will, der muss die Netze ausbauen“, so Urban Rid, Leiter der Abteilung „Klimaschutz, Erneuerbare Energien, Internationale Zusammenarbeit“ im Bundesumweltministerium. Künftig müssten große Strommengen aus dem Norden und Osten Deutschlands in die industriellen Verbrauchszentren des Westens und Südens geschickt werden. „Dazu kommt ein völlig anderer Kraftwerkspark, als wir ihn heute kennen“, so Rid: Nötig seien flexible Gaskraftwerke, die „sekundenscharf“ auf Windflauten oder bedeckten Himmel reagieren könnten. Auch wenn Rid das so nicht explizit sagte: Kohle- oder Atomkraftwerke haben also keine Zukunft.
Allerdings ist der Netzausbau eine schwierige Sache. Planungs- und Genehmigungsprozesse sind extrem langwierig, den Betroffenen vor Ort werden Daten vorenthalten. Baake gebrauchte ein Bild: „Wenn hinter ihrem Haus, eine neue Autobahn gebaut werden soll, obwohl es vor ihrem Haus schon eine gibt, werden sie aufs Amt gehen und sich die Bedarfsprognose vorlegen lassen. Wenn sie das gleiche für eine Stromtrasse verlangen, wird ihnen die Behörde sagen: Das ist ein Geschäftsgeheimnis.“ Dies sei nicht länger hinnehmbar, „Lastflussdaten" – also die Strommengen, die transportiert werden – müssen öffenlich gemacht werden, forderte Baake.
Das Motto des Kongresses sei „gut gewählt“, erklärte Wolfgang Neldner, Technischer Geschäftsführer der Firma 50Hertz, die ehemalige Vattenfall-Tochter, die in Nord-Ost-Deutschland die Hochspannungsnetze betreibt. Für den Klimaschutz seien die Erneuerbaren Energien ein zentraler Schlüssel, für den dafür notwendigen Ausbau der Netze die Akzeptanz der Bevölkerung eine wichtige Voraussetzung. An die Akzeptanz wiederum seien die Kosten und die eingesetzte Technik gekoppelt.

Von links nach rechts: Urban Rid, Moderatorin Cerstin Gammelin, Rainer Baake und Wolfgang Neldner.
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Betroffenen vor Ort eher bereit sind, neue Stromtrassen zu akzeptieren, wenn regenerativ erzeugter Strom durch die Leitungen fließt und eben kein Atom- oder Kohlestrom“, erklärte Baake. Eine Erfahrung, die Urban Rid ebenfalls kennt: „Die Leute wissen, dass wir die Erneuerbaren brauchen“.
Aber um wieder auf den Netzbetreiber Neldner zurückzukommen: Er illustrierte, wie drängend das Problem ist. „Jeder zweite Tag ist mittlerweile ein Gefährdungstag“, erläuterte der Manager, also einer, an dem der Netzbetreiber nicht genug Kapazität hat, um den regenerativen Strom durch die Netze abzutransportieren. In Bundesländern wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg würde heute bereits deutlich mehr Grünstrom erzeugt, als dort verbraucht wird. Und wegen des Vorrangs von regenerativ erzeugten Strom müssten dann andere Stromproduzenten ihre Anlagen drosseln. Neldner: „Wir sichern die Netzintegration von rund 42 Prozent der in Deutschland installierten Windkraftleistung.“ Demgegenüber entfielen aber nur knapp 20 Prozent des Stromverbrauches auf das Gebiet des Netzbetreibers.
„Seit 1995 ist praktisch keine Stromverbindung zwischen Ost und West hinzugekommen“, so Neldner. Entsprechend wichtig seien Trassenprojekte wie die durch den Thüringer Wald oder die zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg, die sogenannte „Windsammelschiene“, die künftig die Offshore-Stromgebiete in Nord- und Ostsee miteinander verbinden soll. Ende des Jahres soll hier erstmals Strom fließen.

Mehr Leitungen: Ohne den Netzausbau kann die Energiewende nicht gelingen. (Fotos: DUH, Reimer)
Auf großes Interesse stieß ein erstmals öffentlich vorgetragener Vorschlag der RWTH Aachen und der Universität Duisburg: Für den Transport großer Strommengen aus dem Norden und Osten waren bislang verlustarme Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) diskutiert worden. Diese aber können nur als Freileitungen gebaut werden. Andererseits haben konventionelle Höchstspannungsleitungen den Nachteil hoher Stromverluste auf langen Distanzen.
Künftige Fernleitungen nur noch mit 16,7 Hertz Frequenz?
Nach dem neuen Vorschlag aus Aachen und Duisburg sollen Wechselstromleitungen mit einer Frequenz von nur noch 16,7 Hertz die Vorteile der anderen Technikvarianten verbinden und die Nachteile vermeiden. Die Komponenten dieser Technologie mit dem Namen „AC +“ stehen bereits zur Verfügung. So fährt beispielsweise die Bahn mit der gegenüber den üblichen 50 Hertz auf ein Drittel abgesenkten Frequenz. Allerdings wäre für den Fernleitungstransport ein „Hochskalierung“ aller technischen Komponenten zu leisten. 16,7-Hertz-Hochspannungskabel können sowohl als Freileitung als auch als Erdkabel verlegt werden.
Die anlässlich des Kongresses vorgetragenen Präsentationen sollen zeitnah ins Internet eingestellt werden: www.forum-netzintegration.de
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