Peak Oil - bis zum letzten Tropfen
Die Katastrophe auf der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko heizt in den USA eine neue Debatte über Tiefsee-Ölförderung an. Doch die Offshore-Bohrungen sind nur Teil eines viel größeren Problems – die weltweit knapper werdenden Ölressourcen
Von HANNO BÖCK
Erst vor wenigen Wochen hatte US-Präsident Brack Obama ein 20-jähriges Moratorium für Offshore-Ölbohrungen vor den US-Küsten aufgehoben – und damit viele Umweltschützer, die sich nach George W. Bush eine Wende in der US-Umweltpolitik erhofft hatten, entsetzt. Doch auch wenn Obama die Genehmigungen nun im Angesicht der Katastrophe im Golf von Mexiko zunächst ausgesetzt hat, gibt es kaum Zweifel, dass die USA auch die letzten einheimischen Ölressourcen anzapfen werden. Die "Deepwater Horizon" wird vermutlich nicht die letzte havarierende Ölplattform sein.

Der Ölteppich im Golf von Mexiko (Foto: Greenpeace)
Vor allem Erdöl-Geologen warnen seit Jahren vor den knapper werdenden weltweiten Ölreserven und dem Ölfördermaximum – dem sogenannten Peak Oil. Damit ist der Zeitpunkt gemeint, an dem die Hälfte der weltweit förderbaren Ölmenge verbrannt wurde. 1956 berechnete der bei Shell arbeitende Geologe M. King Hubbert anhand der Daten über Ölfunde, wie lange die Ölquellen der USA noch ausreichen würden. Jede Ölquelle verhält sich in ihrer Fördermenge in etwa wie eine Glockenkurve. Zunächst steigt die Fördermenge stark an, erreicht einen höchsten Punkt und fällt danach wieder schnell ab.
Wann ist der "Peak" erreicht?
Hubbert vertrat nun die These, dass sich letztendlich auch die Ölvorräte einer ganzen Nation ähnlich verhalten – zunächst findet man viele leicht erreichbare Ölquellen, diese werden jedoch immer weniger und man muss immer mehr Aufwand investieren, um weitere Quellen zu erschließen. Für die USA prophezeite er den Peak der Ölproduktion um das Jahr 1970 – und wurde dafür von den meisten seiner Kollegen ausgelacht. 1970 war tatsächlich das Jahr mit der höchsten Ölproduktion der USA – danach folgte die erste Ölkrise 1973. Hubbert prophezeite den globalen Ölpeak für das Jahr 1995 – wie heute klar ist, irrte er sich, vor allem die Umstellung großer Teile der Stromversorgung auf andere Energieträger, die Investitionen in Energieeffizienz im Zuge der beiden großen Ölkrisen und die Erfolge der Umweltbewegung in den 80er Jahren zögerten den Peak Oil hinaus.

Schätzungen über die Ölreserven. (Bild: ASPO)
Selbst die Internationale Energieagentur (IEA) geht inzwischen davon aus, dass der globale Ölpeak spätestens im Jahr 2020 erreicht sein wird. Viele Experten wie der Erdölgeologe John Campbell oder der Investmentbanker und ehemalige Berater von George W. Bush, Matthew Simmons, behaupten allerdings, dass die Welt diesen Punkt bereits überschritten hat. Die knapper werdenden Ressourcen führen zu explodierenden Ölpreisen. Während über Jahrzehnte der Ölpreis sich (mit Ausnahme der Ölkrise in den 70ern) zwischen 20 und 30 Dollar pro Barrel bewegte, stieg er mit Beginn des neuen Jahrtausends drastisch an und schoss im Juni 2008 auf fast 150 Euro. Allein die Wirtschaftskrise führte dazu, dass der Ölpreis wieder fiel. Allerdings, trotz weltweiter Rezession, längst nicht auf frühere Werte – im Moment kostet das Barrel etwa 80 Dollar.
Erdöl ist der mit Abstand wichtigste Rohstoff der gesamten Industriegesellschaft und für etwa 40 Prozent des Primärenergieverbrauchs verantwortlich. Auch als chemischer Rohstoff ist Öl nicht wegzudenken – Kunststoffe, Medikamente, Düngemittel, Pestizide und vieles mehr. Die moderne Welt ist abhängig vom Erdöl – dazu kommt, dass ein Großteil des noch verfügbaren konventionellen Öls sich in politisch instabilen Regionen befinden, vor allem im Irak und in Saudi Arabien.
Auf den ersten Blick könnte man annehmen, Peak Oil wäre eine gute Nachricht für den Klimawandel – zwingt es die Industrienationen doch endlich dazu, den dringend notwendigen Umstieg auf erneuerbare Energien anzugehen. Doch zumindest vorerst ist das genaue Gegenteil der Fall: Die Ölknappheit führt dazu, dass immer mehr sogenannte "unkonventionelle" Ölquellen angezapft werden – immer dreckiger und immer gefährlicher.
Ölförderung in der Tiefsee
Im September letzten Jahres vermeldete BP einen Rekord – in einer Wassertiefe von 1259 Metern bohrte die jetzt gesunkene Deepwater Horizon 10.685 Meter tief im Tiber-Ölfeld im Golf von Mexiko. Ebenfalls 2009 vermeldete Chevron die Inbetriebnahme der neuen Ölplattform Discoverer Clear Leader - sie soll in der Lage sein, in bis zu 3.650 Metern Wassertiefe nach Öl zu bohren. Transocean, der Hersteller beider Plattformen, will in den nächsten Jahren vier weitere der Ultra-Tiefsee-Plattformen bauen.

Explosion auf der Deepwater Horizon. (Foto: US Coast Guard)
Für 20 Jahre galt in den USA ein Moratorium für Offshore-Ölbohrungen – unterzeichnet wurde dies noch von George Bush Senior, der ansonsten kaum als umweltpolitisch ambitioniert galt. Ölbohrungen wurden auf den Golf von Mexiko begrenzt, der Rest der US-Küste, vor allem die Ölvorkommen in Alaska sollten unberührt bleiben. Ausgerechnet Barack Obama hob dieses Moratorium vergangenen Monat auf. Die Stimmen, die Entscheidung endgültig zurückzunehmen, werden lauter – verschiedene Republikanische Senatoren, die bislang als Befürworter der Offshore-Projekte auftraten, änderten in den vergangenen Tagen ihre Meinung – zuletzt schloss sich Kaliforniens Senator Arnold Schwarzenegger den Offshore-Kritikern an. Obama hält indes an seinen Plänen fest – das weisse Haus will Genehmigungen für neue Bohrungen nur solange aussetzen, bis die Ursachen der Katastrophe im Golf von Mexiko geklärt sind.
Jeder Tropfen zählt: Kohleverflüssigung
Kohleverflüssigung ist eigentlich eine uralte Technologie – sie wurde beispielsweise von den Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg genutzt, um unabhängig von Ölimporten zu sein. Allerdings fristet die Technologie bislang ein Schattendasein – im Zeitalter des billigen Erdöls lohnten sich die großen Investitionen nicht. Einzig in Südafrika werden momentan drei Kohleverflüssigungsanlagen der Firma Sasol betrieben.
In vielen Ländern ist Kohle noch in großen Mengen vorhanden – in den USA, China und Indonesien sind Kohleverflüssigungsanlagen in Planung. Die Kohlendioxid-Emissionen sind etwa doppelt so hoch wie bei gewöhnlichem Benzin.
Wühlen für die Ölförderung: Teersandabbau

Teersand-Abbau in Kanada, im Hintergrund der Abwassersee. (Foto: TastyCakes, Wikipedia)
Die weltweit größten Vorkommen neben den Ölquellen von Saudi Arabien befinden sich in Kanada. Dabei handelt es sich allerdings zum Großteil nicht um flüssiges Öl, sondern um sogenannte Teersande oder Bitumen. Öl lässt sich daraus nur mit hohem Energieaufwand extrahieren. Die Treibhausgasemissionen von Teersanden werden, verglichen mit konventionellem Öl, auf das drei- bis fünffache geschätzt. Für jedes Barrel Öl wird die vierfache Menge an Abwasser produziert – die giftigen Abwasserseen bedecken alleine schon eine Fläche von 50 Quadratkilometer. Um Vögel abzuschrecken, sind um die Abwasserbecken Schreckkanonen aufgestellt. Im Jahr 2008 erregte ein Vorfall weltweite Aufmerksamkeit: Hunderte Enten landeten auf einem der Abwasserseen der Firma Syncrude und starben – die Schreckkanonen waren gerade nicht im Betrieb.
Am 18. Mai veranstaltet die "Association for the Study of Peak Oil and Gas" (ASPO) ihre Jahrestagung in Berlin unter dem Titel "Post Peak - Der Abstieg vom Peak Oil"
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