Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Norwegen landet doch nicht auf dem Mond

Der weltweit größte Versuch zur Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid wird erst einmal nicht verwirklicht. Gründe sind technische Probleme und die mangelnde Wirtschaftlichkeit. Vattenfall will aber trotzdem in Brandenburg mit den Erkundungsarbeiten beginnen.

Aus Stockholm REINHARD WOLFF

"Ein umweltpolitischer Skandal ist das und das schlimmste, was ich in den letzten 10 Jahren norwegischer Umweltpolitik erlebt habe", schimpft Marius Holm, stellvertretender Vorsitzender der Umweltschutzorganisation Bellona. Am Wochenende wurde der Beschluss der norwegischen Regierung bekannt, ihr klimapolitisches Prestigeprojekt auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Die CCS-Anlage (Carbon Dioxide Capture and Storage) beim Gaskraftwerk in Mongstad wird vorerst nicht gebaut.

protestinrietz-reimer

Dort sollte der weltweit bislang größte Versuch der Abscheidung von Kohlendioxid und der unterirdischen Lagerung dieses Klimagases eigentlich bereits in diesem Jahr in Betrieb gehen. Ein zweites Projekt am gleichen Standort, ein kleineres Gaskraftwerk zur Stromversorgung, war bereits im Spätsommer letzten Jahres gekippt worden.  Das Projekt, um das es jetzt geht, ist ein kombiniertes Strom- und Wärmekraftwerk, dass seit 2007 gebaut wird und noch in diesem Jahr in Betrieb geht - nun aber ohne CCS.

Die CCS-Technik werde für Norwegen vergleichsweise das werden, was das Mondlandeprojekt einmal für die USA war, hatte Norwegens sozialdemokratischer Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor drei  Jahren stolz verkündet. Die Kohlendioxid-Lagerung galt als Kernpunkt auf dem Weg zum "ersten Null-Emissions-Staat der Welt", der Norwegen bis spätestens 2050 werden will. Und um das zu erreichen versprach die Regierung auf der Klimakonferenz in Bangkok eine Reduktion um 40 Prozent bis 2020 - sozusagen als Zwischenetappe.

Norwegischer Stromkonzern: CCS ist weit teurer, als bislang angenommen

Nach Problemen bei der Umsetzung der Technik zur Kohlendioxid-Abscheidung wurden die ursprünglichen Pläne schon vor zwei Jahren erstmals revidiert. "Die CCS-Technik erwies sich als weit teurer als bislang angenommen und würde mehr kosten als das gesamte Kraftwerk", begründet der norwegische Stromkonzern BKK bereits im vergangenen Spätsommer ein Abrücken von CCS. Das neu gebaute Gaskraftwerk sollte nun auch ohne diese Technik betrieben werden dürfen und damit jährlich zusätzlich 1,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Aber nur bis 2014, dann hätte nachgerüstet werden müssen.

Nun gilt auch diese zeitliche Beschränkung nicht mehr. Oslo will in der bis 2013 laufenden Legislaturperiode über die bereits verbrauchten rund 1 Milliarde Euro an Entwicklungskosten hinaus überhaupt keine neuen Gelder für das CCS-Projekt zur Verfügung stellen und nicht einmal einen entsprechenden Investitionsbeschluss fassen. Darüber solle erst danach das neu gewählte Parlament entscheiden.

pfaffendorfbeibeeskow-reimer

Die Mongstad-Reinigung könnte dann frühestens 2018-2020 in Betrieb gehen. Wenn überhaupt. Begründung: Die Technik sei nicht fertig, die mutmasslichen Investitionskosten hätten sich vervielfacht und es müssten erst einmal andere Prioritäten gesetzt werden. "Alles ist viel komplizierter, als wir das vor vier Jahren angenommmen hatten", sagt Cathrine Torp, Informationschefin des staatlichen Ölkonzerns Statoil, der federführend für die Umsetzung des Projekts ist.

"Ein Dolch in den Rücken" ist das für Marius Holm. Im Gegensatz zu den meisten anderen Umweltschutzorganisationen glaubte Bellona bislang an die Möglichkeiten der CCS-Technik: "Wir haben viel Energie darauf verwendet, diese Politik zu verteidigen." Kurt Oddekalv, Vorsitzender der Naturschutzorganisation "Miljøvernforbundet", von Anfang an ein CCS-Skeptiker: "Solange ich lebe, wird diese Technik nicht verwirklicht. Kohlendioxid-freie Gaskraftwerke sind eine Unmöglichkeit. Da bin ich sicher." Kurt Oddekalv ist jetzt 52.

Norwegen verspricht Treibhausgase einzusparen, produziert aber immer mehr

Die politische Opposition wirft der rot-rot-grünen Koalition "Betrug" vor und Ola Elvevold von der  Umweltorganisation "Natur og Ungdom" meint, diese Regierung produziere vorwiegend heiße Luft. In  der Klimapolitik habe das Land jetzt zwei Legislaturperioden verschleudert. Es gebe eigentlich kein klimapolitisches Versprechen, das man nicht gebrochen habe.

Statt seinen Kohlendioxid-Ausstoß zu senken, hat Norwegen diesen im Vergleich zu 1990 nun um 11 Prozent gesteigert. Öl- und Energieminister Terje Riis-Johansen kündigte an, anstelle der jetzt gestrichenen Reduktionsbemühungen durch das CCS-Projekt werde Oslo in entsprechendem Umfang auf dem Zertifikatemarkt Verschmutzungsrechte kaufen.

ccs-protestinbeeskow
Im Landkreis Oderspree formiert sich der Widerstand. (Fotos: Reimer)

Unterdessen hat der Brandenburger CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Koeppen gefordert, dass Vattenfall in Brandenburg jene Kommunen entlohnen müsse, deren Untergrund künftig als Speicher für Kohlendioxid genutzt werden soll. Vattenfall hat vom Landesbergamt die Genehmigung erteilt bekommen, östlich von Berlin im Raum Neutrebbin sowie im Landkreis Oderspree bei Beeskow den Untergrund auf Eignung für Kohlendioxid-Endlager zu untersuchen. Die Betreiber der Speicher müssten in die Pflicht genommen werden, betonte Koeppen in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Es sei nur fair, da Grund und Boden nicht umsonst in Anspruch genommen werden dürfen.

Pro gespeicherter Tonne Kohlendioxid sollen die Kommunen einen Euro erhalten - Inflation sowie steigende Zertifikatpreise im Emissionshandel werden angepasst, sagte Koeppen, Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für das CCS-Gesetz. Vattenfall will trotz anhaltender Proteste in den betroffenen Regionen noch in diesem Jahr mit den Erkundungsarbeiten anfangen.

Mitarbeit: NICK REIMER

 

 

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]
Dies könnte Sie auch interessieren:
Bauernverband gegen CCS
Bauernverband gegen CCS
Der Deutsche Bauernverband spricht sich in einer Stellungnahme gegen das geplante CCS-Gesetz aus. Es sei zweifelhaft, ob die Kohlendioxid-Einlagerung eine sinnvolle Klimaschutzmaßnahme sei  [mehr...]
Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!
Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!
Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck.  [mehr...]
40.000 gegen Stuttgart 21
40.000 gegen Stuttgart 21
Wieder gehen Zehntausende in Stuttgart gegen den unterirdischen Bahnhof auf die Straße. Bahnchef Grube lässt das "nicht kalt", aber Großprojekte müssten nun mal sein. Fragt sich, wie langer er diese Position durchhält  [mehr...]
CCS-Gesetz soll verschoben werden
CCS-Gesetz soll verschoben werden
Das Gesetz zur Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid soll nicht wie geplant im Januar, sondern erst im Frühjahr in Kraft treten. Bundesländer sollen im Gesetzesverfahren kein Mitspracherecht erhalten  [mehr...]
Ministerien bitten zur CCS-Anhörung
Ministerien bitten zur CCS-Anhörung
Greenpeace wirft Vattenfall vor, sich bei der Verpressung von Kohlendioxid (CCS) aus der Verantwortung zu stehlen: Die zuständige Tochterfirma habe nicht genug Geld, um bei Unfällen zu haften. Der aktuelle, bereits viel kritisierte CCS-Gesetzesentwurf ist heute Gegenstand einer Anhörung, zu der Vertreter von Wirtschafts- und Umweltverbänden geladen sind. Gestern wurden bereits die Länder angehört.
Von Felix Werdermann und Johanna Treblin
 [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]