Schellnhuber zu Gast bei der Atomlobby
Deutschlands führender Klimawissenschaftler zu Gast bei der Atomlobby: Hans Joachim Schellnhuber hält die Eröffnungsrede bei der Jahrestagung Kerntechnik des Deutschen Atomforums. Er plädiert für längere AKW-Laufzeiten und gegen ein "voreiliges" Aus für die Hochrisikotechnologie. Atomkraftgegner demonstrieren gegen die Konferenz.
Aus Berlin FELIX WERDERMANN
Alle Jahre wieder trifft sich das Deutsche Atomforum zu seiner "Jahrestagung Kerntechnik". Dieses Mal hat der Dachverband der deutschen Nuklearindustrie einen besonderen Promi-Redner eingeladen: Die "Dinner Speech" am Montagabend hielt niemand anderes als Hans-Joachim-Schellnhuber, Deutschlands wohl bekanntester Klimawissenschaftler und Berater der Bundesregierung. Offizielles Thema ist die Weltklimadiplomatie: "Nach Kopenhagen – vor Cancun" heißt Schellnhubers Vortrag. Doch natürlich ging es auch um die Atomenergie – und deren weitere Nutzung.

Die Jahrestagung Kerntechnik findet von heute bis Donnerstag in Berlin statt.
Über 400 Konferenzteilnehmer sind für die Schellnhuber-Rede ins Berliner "E-Werk" gekommen, insgesamt haben sich rund 1.400 Menschen zur dreitägigen Tagung angemeldet, die am heutigen Dienstag offiziell beginnt. Das Atomforum hat seine Winter- und Jahrestagung fusioniert. In den vergangenen Jahren waren diese Veranstaltungen noch getrennt: Während sich die Wintertagung an Politiker, Presse und Öffentlichkeit richtete, sollte die Jahrestagung vielmehr eine Art Branchentreffen sein.
Proteste von Atomkraftgegner gehören schon zum ständigen Begleitprogramm. Im letzten Jahr – einige Monate vor der entscheidenden Bundestagswahl – haben 1.500 Umweltschützer mit einer 800 Meter langen Menschenkette das Atomforum "umzingelt". In diesem Jahr sind zwar nur rund 200 Aktivisten gekommen, dafür sind sie umso lauter: Mit Trillerpfeifen machen sie auf sich aufmerksam, das Motto: "Atomkraft abpfeifen!" Die Kundgebung ist ohrenbetäubend.

Im letzten Jahr haben 1.500 Menschen gegen das Atomforum demonstriert. (Foto: Messina)
Zwischendurch spielt die Greenpeace-Trommelgruppe "SolarDrums", und auch die Sprechchöre sind nicht gerade leise: "Abschalten! Abschalten!", rufen die Demonstranten. Zwei aufgeblasene, menschgroße Atomkraftwerke sollen zeigen, worum es geht: "Krümmel sofort abschalten" und "Biblis sofort abschalten" steht darauf. Im Wind wehen die Fahnen mit dem "Atomkraft? Nein Dank"-Zeichen, dazu Fahnen von den Grünen, Linkspartei-Politiker haben ein Transparent mitgebracht.
Protest vor der Polizeiabsperrung
Die Tagung des Atomforums sei "in höchstem Maße problematisch", sagt Luise Neumann-Cosel von der Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt. Es handele sich um eine "Lobbyveranstaltung", die "komplett hinter verschlossenen Türen stattfindet." Und tatsächlich muss man Polizei und Sicherheitsdienst seine Teilnahmekarte zeigen, um in das "E-Werk" zu gelangen. Die Atomkraftgegner werden durch ein Gitter ferngehalten.
Hans Joachim Schellnhuber kriegt von dem Protest nichts mit – seine Rede beginnt auch erst zwei Stunden später. Auf der anderen Seite herrscht aber genauso viel Ahnungslosigkeit: Die meisten Atomkraftgegner wissen nicht, dass der Leiter des renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beim Atomforum eine Rede hält.
Schellnhuber: Atomkraft als Lösung "nicht voreilig ausschließen"
Schellnhuber dürfe sich "nicht zum Gehilfen der Atomlobby machen", fordert Neumann-Cosel von Ausgestrahlt. Er solle deutlich machen, dass Atomenergie das Klimaproblem nicht löse. Doch in seinem Vortrag hört sich das ganz anders an:
Angesichts der drängenden Klimakrise könne man es sich "nicht erlauben, mögliche Lösungen voreilig auszuschließen", sagt Schellnhuber. Es bleibe keine Zeit mehr, auf "irgendwelche Wunderlösungen zu warten", außerdem brauche man schon jetzt sehr viel Glück, um die Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß zu begrenzen. Der Klimaforscher zeigt verschiedene Möglichkeiten der Energiemix-Entwicklung bis zum Jahr 2100 – in allen Szenarien spielt die Atomenergie als CO2-arme Stromerzeugungsform eine Rolle. Dass dadurch der Ausbau erneuerbarer Energien blockiert wird, erwähnt er nicht.
Bei einem Ausstieg aus der gefährlichen Technologie werde es teurer, behauptet Schellnhuber – die zusätzlichen Kosten seien "aber nicht dramatisch". Trotzdem empfiehlt er längere Laufzeiten für einige deutsche Reaktoren: Die zusätzlichen Gewinne sollten die Konzerne aber größtenteils für Energieeffizienz und erneuerbare Energien abführen.
Am Ende sagt Ralf Güldner, seit kurzem Präsident des Atomforums, Schellnhuber habe "vielen aus dem Herzen gesprochen: Die Kernenergie ist noch nicht am Ende." Hat sich Deutschlands oberster Klimaforscher nun mit der Atomlobby verbündet? Schellnhuber sieht seinen Auftritt als Beitrag zu einer öffentlichen Debatte um die Zukunft der Energieversorgung. Er diskutiere schließlich ebenso mit Umweltverbänden, sagte Schellnhuber gegenüber wir-klimaretter.de: "Ich kenne keine, mit denen ich nicht rede."
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