Ein Holländer in Kenia: Vom Winde gedreht
Im Norden Kenias ein holländischer Investor den größten Windpark Afrikas bauen. Klingt einfacher als es ist: Um die Rotoren aufzubauen muss der Holländer ersteinmal eine Straße zum Transport errichten, und ein Stromnetz gibt es auch noch nicht. Und dann ist da auch noch ein staatliche Energieversorger, der nicht als kreditwürdig gilt
Aus Nairobi MARC ENGELHARDT
Wenn die Sonne untergeht am Turkana-See, erhellen nur die Sterne die Steinwüste, die das jadegrüne Wasser umgibt. Elektrisches Licht ist im äußersten Norden Kenias, durch den die Turkana und andere Nomaden mit ihren Viehherden ziehen, unbekannt - wie überhaupt Strom.

Elektisiert: Das Volk der Turkana bei einem Tanz. (Fotos: Deutsche Botschaft in Kenia)
Doch wenn es nach den Plänen von Carlo van Wageningen geht, dann soll die Turkana-Region nicht nur ans Stromnetz angeschlossen werden, sondern bald ganz Kenia mit Strom versorgen. Der Holländer plant, mit seiner Firma 'Lake Turkana Wind Power' den größten Windpark Afrikas zu errichten. Nicht weit vom See entfernt sollen dann 365 im grellen Sonnenlicht gleißende Rotoren insgesamt 300 Megawatt in Kenias marodes Stromnetz einspeisen. Strom ist Mangelware in dem ostafrikanischen Land, wo theoretisch 1.200 Megawatt Kapazität installiert sind. Das liegt knapp über dem errechneten Bedarf. Doch die maroden Staudämme, die mehr als die Hälfte der Leistung bringen sollen, produzieren selbst in guten Zeiten lange nicht so viel.
"Kaum eine andere Region in der Welt ist so gut für einen Windpark geeignet wie das Ufer des Turkanasees", erklärt der jovial auftretende Investor van Wageningen, der seit gut zwanzig Jahren in Kenia lebt und das Mammutprojekt seit mehr als fünf Jahren plant. "Wir haben auf eigene Kosten den ersten Windmast aufgestellt und Messungen gemacht, um mit Fakten zu überzeugen."
Der Traum jedes Ingenieurs trifft auf marode Straßen und nicht vorhandene Netze
Die erste Messreihe war fast schon zu gut. Die ganzjährig und rund um die Uhr wehenden Starkwinde, erzeugt durch das konstante Druckgefälle zwischen dem Indischen Ozean im Südosten und der Sahara im Nordwesten, wurden durch Bergflanken noch in einer Art Tunneleffekt verstärkt. Es gab keine Rotoren, die den Windgeschwindigkeiten von durchschnittlich 13 bis 14 Meter pro Sekunde standgehalten hätten. Die "Windmine", von der van Wageningen spricht, soll deshalb jetzt ein paar Kilometer entfernt ausgebeutet werden - dort beträgt die Windgeschwindigkeit 'nur' 10,8 Meter pro Sekunde. "Und der Wind weht immer aus der gleichen Richtung, die maximale Abweichung beträgt fünf Prozent" - der Traum jedes Ingenieurs.
Ein Problem ist hingegen die Lage der 57.000 Hektar großen Fläche, die die Turkana-Bevölkerung an den Investor auf 99 Jahre verpachtet hat. "Der nächste Hafen ist Mombasa, 1.200 Kilometer entfernt, und die Straßen sind marode", so van Wageningen. "Die asphaltierten Strecken sind voller Schlaglöcher, und die letzten 150 Kilometer Piste sind praktisch unpassierbar." Wie sollen da riesige Rotoren von der Fabrik in Dänemark bis zum Turkanasee kommen? Van Wageningen entschied sich für die sicherste Variante: er will die Straße in den unerschlossenen Norden ausbauen - auf eigene Kosten. Kenias Regierung einzuschalten, sagt er, hätte das Projekt verzögert oder gar gefährdet.

Sie unterstützen das Projekt - schon weil dann das Krankenhaus schneller erreichbar ist.
Ähnlich entschied sich van Wageningen beim Hochspannungsnetz, in das der Strom eingespeist werden soll. Auch das existiert noch nicht. Deshalb will van Wageningen Masten errichten, die vom Turkanasee den gesamten großen Grabenbruch entlang bis zu einer Transformationsstation südöstlich von Nairobi führen. 426 Kilometer Hochspannungsleitung sind das, Kosten: rund 200 Millionen Euro. Das ist halb so viel wie das restliche Projekt. Eine enorme Investition.
Doch die Finanzen scheinen gesichert: 70 Prozent sollen aus Darlehen öffentlicher Kreditinstitute wie der Afrikanischen Investitionsbank oder der Deutschen Entwicklungsgesellschaft fließen, 30 Prozent aus Risikokapital. Nachdem ein britischer Equity-Fonds zwischenzeitlich abgesprungen war, ist ein niederländischer Investor eingesprungen.
Der staatlicher Energieversorger ist nicht kreditwürdig
Problematischer ist da schon der Brief, den die Afrikanische Investitionsbank an Kenias Regierung geschickt hat. Darin fordert die Bank Staatsgarantien, weil der staatliche Energieversorger 'Kenya Power&Lighting', der den Strom von van Wageningen kaufen soll, nicht als kreditwürdig gilt. Eine Entscheidung der Regierung steht noch aus: in der Vergangenheit hatte sie Staatsgarantien für andere Projekte abgelehnt. Wegen der aktuellen Versorgungskrise im Energiesektor glauben aber nicht nur die Investoren, dass sie diesmal eine Ausnahme machen wird.
Wenn van Wageningens Plan aufgeht, dann sollen schon Mitte kommenden Jahres die ersten 50 Megawatt angeschlossen sein, ein gutes Jahr später der Rest. "Der Bedarf an Energie wird in Kenia wie überall in Afrika unweigerlich steigen, das ist ein sicheres Investment", gibt sich van Wageningen zuversichtlich. Zu den Erlösen aus der Energieerzeugung addieren sich Gelder aus dem Emissionsrechtehandel. Im Falle seines Windparks schätzt van Wageningen die Erlöse aus dem Emissionsrechtehandel auf 18 Millionen US-Dollar pro Jahr. Umso erstaunlicher ist es, dass van Wageningen bereits auf diese Einnahmen verzichtet hat.
"Wir haben mit Kenya Power&Lighting vertraglich vereinbart, dass dieser Betrag zur Senkung des Strompreises genutzt wird", so van Wageningen. Der Gewinn aus der Einspeisung, sagt er, verspreche dem Konsortium genug Profit, um nicht auch noch diesen Betrag einstreichen zu müssen. "Da haben einige Investoren mit dem Kopf geschüttelt, aber es macht Sinn, weil wir so Windenergie als die zweitbilligste Stromquelle neben Wasserkraft etablieren können."
Das ist besonders wichtig, weil in van Wageningens Wüste noch Plätze frei sind: bis zu zweitausend Megawatt könnten Hochrechnungen zufolge hier produziert werden, wenn die Investitionsfreudigkeit anhält. Damit würde Kenia zum Energieexporteur für ganz Ostafrika. Das Preisargument überzeugt zudem auch die Politiker. Derzeit steigt der Strompreis monatlich, weil ein immer größerer Anteil des Bedarfs von Dieselgeneratoren erzeugt werden muss.
Windkraft-Projekt als Gegenmodell zum geplanten Staudamm?
Die Unterstützung der lokalen Bevölkerung ist van Wageningen bereits sicher. Die neue Straße wird aus der Zwei-Tagesreise von Loiyangalani nach Nairobi eine Fahrt von mehreren Stunden machen. Von Krankenhäusern, Strom, Telefon und Internet, Entwicklungen, die mit dem Windpark in den wirtschaftlich bislang abgehängten Norden kommen sollen, erhoffen sich die Turkana erstmals in ihrer Geschichte ein wahres Wirtschaftswunder. Zudem feiert die Seebevölkerung das Windkraft-Projekt als Gegenmodell zum Staudamm, den Äthiopien am nördlichen Ende des Sees errichten will. Ein Drittel des Staudamms, der 400 Megawatt Strom erzeugen soll, steht bereits, für den Rest sucht Äthiopien noch Investoren - die gleichen, die auch van Wageningen gewonnen hat.

Kennen keinen Strom und das wird - mit oder ohne Windfarm - vermutlich auch erst einmal so bleben: Turkana-Frauen für ihrer Normadenhütte
"Wenn der Staudamm fertig gebaut wird, hat das katastrophale Auswirkungen für den Turkana-See", warnt Samia Omar vom Turkana Basin Institute in Nairobi. "Der Seepegel wird fallen und das Mikroklima wird sich verändern, damit gefährdet der Damm das Leben von gut 500.000 Menschen." Kenias Regierung wirft sie vor, nicht einmal eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt zu haben.
Obwohl van Wageningen den Damm ablehnt, könnte er von seinem Bau profitieren. 'Kenya Power&Lighting' soll bereits zugesagt haben, mehr als ein Fünftel des in Äthiopien erzeugten Stroms zu kaufen. Doch eingespeist werden kann der Strom nur, wenn die Regierung die Staatsgarantien für den Windpark zusagt. Nur dann wird auch die nötige Hochspannungsleitung errichtet.
Das läßt doch hoffen, oder?
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