Indiens Energiewirtschaft orientiert sich um
Keine Kohle für CCS: Indien ist nach den USA und China drittgrößtes Steinkohleland. Die Förderung ist um acht Prozent jährlich auf inzwischen über 500 Millionen Tonnen gestiegen. Abbaufähige Vorkommen könnten jedoch bereits in 45 Jahren erschöpft sein
VON JEFFREY H. MICHEL
Unter den Steinkohleländern belegt Indien hinter den USA und China den dritten Platz: Die Förderung ist um acht Prozent jährlich auf inzwischen über 500 Millionen Tonnen gestiegen. Das Staatsunternehmen Coal India Limited wird als weltgrößter Kohleförderer deshalb von mehreren ausländischen Energiekonzernen als Beteiligungspartner umworben. Doch die vorherrschende Erwartung eines gewinnträchtigen Kohleabsatzes bis Mitte des kommenden Jahrhunderts hat sich als Wunschdenken herausgestellt. Nach Angaben des Energy and Resources Institut (TERI) in Delhi könnten sämtliche abbauwürdigen Vorkommen bereits in 45 Jahren erschöpft sein.

Das Staatsunternehmen Coal India Limited ist weltgrößter Kohleförderer
Selbst die Regierung hat die Reichdauer des wirtschaftlichen Kohleaabbaus auf lediglich vier Jahrzehnte revidiert. Die Flöze liegen größtenteils zu tief, um bergtechnisch überhaupt erschlossen zu werden. Auch für TERI-Generaldirektor Rajendra Pachauri ist es daher ein Mythos, ''dass Indien über eine nahezu unbegrenzte Kohleversorgung verfügt".
Indien deckt etwa die Hälfte des heimischen Strombedarfs auf Kohle. Kapital für Technik und Brennstoff ist nur unzureichend vorhanden: Häufige Ausfälle der Energieversorgung sind deshalb keine Seltenheit, nicht zuletzt aber auch das Ergebnis geduldeten Stromdiebstahls: Bis 42 Prozent der ins Netz gelieferten Elektroenergie werden nicht bezahlt. Angezapfte Versorgungsleitungen gelten als soziales Zugeständnis an die Armen, doch auch die Mittelschicht macht davon freizügig Gebrauch.
Keine Kohle für CCS: Indien muss sich auf Kohle-Importe einstellen
Ausgehend vom anhaltenden Strombedarfszuwachs werden Erzeugungskapzitäten inerhalb von 25 Jahren auf das Siebenfache steigen. Bei Fortsetzung der bisherigen Energiepolitik müsste sich die indische Regierung bis 2030 auf Kohle-Einfuhren von jählich 1.300 Millionen Tonnen einstellen. Würde Indien zugleich auf die umstrittene Technik zur Kohlendioxidabscheidung und Einlagerung setzen - etwa mit CCS-Technik aus Deutschland - würde der Brennstoffbedarf durch den immensen Energiehunger der Technologie nochmals gesteigert.

Verstärkte Importe etwa aus Australien hat die Regierung bereits auf den Weg gebracht
Zusätzlich nötige Kohle zu importieren wäre jedoch weder ökonomisch tragfähig, noch gibt es einen Präzedenzfall für die Einfuhr teurer Rohstoffe ohne eigenen volkswirtschaftlichen Vorteil. Nach Einschätzung des TERI sollte deshalb stattdessen Indiens Kohleabhängigkeit strategisch verringert werden.
Im September 2009 wurden die ersten staatlichen Zielvorgaben für erneuerbare Energien angekündigt. Die vorgesehenen Einspeisvergütungen für Netzstrom sollen während der ersten zehn Betriebsjahre einen Vorsteuerertrag von 19 Prozent ermöglichen. Zudem wird derzeit ein Zertifikatehandel eingerichtet, um die anfallenden Mehrkosten auf alle Regionen zu verteilen.
Indiens Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen wächst um immerhin 18 Millionen Einwohner pro Jahr. Das ist mit der Gesamtbevölkerung der neuen Bundesländern vergleichbar. Die Umstellung Ostdeutschlands auf die erneuerbaren Energien könnte deshalb als maßstabsgerechtes Vorbild für Indien gelten.
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