Erneuerbare wollen auf Wachstumskurs bleiben
Mehr als jede zehnte verbrauchte Kilowattstunde stammte 2009 aus regenerativen Energien: Vorwärts ging es vor allem im Wärmebereich, auch der Stromanteil ist gewachsen. Der Ausblick der Branche bleibt mit Blick auf das noch ausstehende Energiekonzept der schwarz-gelben Koalition dennoch verhalten
Aus Berlin SARAH MESSINA
"Sobald die Erneuerbaren 40 Prozent am Stromverbrauch einnehmen, ist Kernenergie überflüssig": Mit diesem Satz hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) nicht nur in der Bundesregierung eine heftige Debatte entfacht. Während Union und FDP über die gemeinsame Richtung in Sachen Energie und verlängerte Akw-Laufzeiten noch streiten, fühlt sich zumindest die Erneuerbaren-Branche schon auf dem richtigen Weg: Denn nach Branchenprognosen wird bereits im Jahr 2020 ein Anteil von 47 Prozent am Stromverbrauch erreicht sein.
Bislang wurden diese Prognosen stets erreicht, oft sogar noch übertroffen. Auch im vergangenen Jahr bewegte sich der Wachstumskurs der Erneuerbaren im vorgezeichneten Rahmen, so der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) am Donnerstag in Berlin. Erneuerbare hatten 2009 einen Anteil von 16,1 Prozent an der Stromerzeugung und 10,6 Prozent am Endenergieverbrauch (2008: 9,5 Prozent). Mehr als jede zehnte in Deutschland verbrauchte Kilowattstunde stammt damit aus regenerativen Quellen.
Stromanteil und Wärmebereich verzeichnen Zuwächse, Agrotreibstoff-Branche weiter auf Talfahrt
"Trotz der schwierigen Bedingungen durch die weltweite Wirtschaftskrise haben die Unternehmen der Branche investiert und den Anteil der erneuerbaren Energien weiter erhöht", sagt BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann. Zu spüren sind die Folgen der Krise dennoch: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung stieg gegenüber 2009 um ein Prozent und ist mittlerweile auf 16,1 Prozent geklettert. Insgesamt kam es zwar zum Zubau von Kapazitäten mit einer Leistung von 5.400 Megawatt, die erzeugte Strommenge blieb mit 93,3 Milliarden Kilowattstunden jedoch etwa auf Vorjahresniveau. Das sei vor allem auf insgesamt rückläufigen Stromverbrauch zurückzuführen, so der BEE, aber auch auf ein schwaches Windjahr: Die erzeugte Windstrommenge sank 2009 von 40,6 auf 38,0 Terawattstunden.
Auch der Wärmebereich konnte Zuwachs verzeichnen und stieg von 7,9 Prozent im Vorjahr auf 9,6 Prozent. Gleichzeitig nahm in der zweiten Hälfte des letzten Jahres jedoch der Absatz von Anlagen zur erneuerbaren Wärmerzeugung drastisch ab: "Sinkende Ölpreise haben wenig Anlass zur Beschäftigung mit den Erneuerbaren gegeben", meint Klusmann. Zudem seien auch durch die attraktive Abwrackprämie weniger Investitionen in den Wärmebereich gegangen. Damit sich dieser Trend im laufenden Jahr nicht fortsetzt, müsse die Bundesregierung größere Anreize für den Einbau regenerativer Heizsysteme bieten, fordert der Verband: Die Erneuerungsquote von Heizungsanlagen müsse von drei auf sechs Prozent erhöht werden.

Hand drauf Röttgen? Beim Neujahrsempfang des BEE ging es hier allerdings nicht um Akw-Laufzeiten, sondern um eine Resolution zum Ausbau der erneuerbaren Wärmeversorgung
Größtes Sorgenkind der Branche blieben weiterhin die Agrokraftstoffe, deren Anteil weiter auf 5,4 Prozent gesunken ist. Die Vollbremsung der Regierung Merkel I beim Agrosprit habe "einen Mittelstand in die Insolvenz getrieben", sagt Klusmann. Ohne einen "Neustart" und die von Schwarz-Gelb im Koalitionsvertrag angekündigte "Wiederbelebung des Reinkraftstoffmarktes" werden Zuwächse der Erneuerbaren im Strom- und Wärmebereich künftig noch stärker vom Rückgang im Verkehrsbereich aufgefressen werden.
Warten auf das Energiekonzept
Insgesamt jedoch eine positive Jahresbilanz der Erneuerbaren. Nach Angaben des Branchenverbands wurden etwa 6,4 Milliarden Euro für Importe fossiler Brennstoffe und der Ausstoß von 111 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermieden. Aber auch wenn die Wachstumsmission 2009 erfüllt ist, der Ausblick der Branche auf das laufende Jahr bleibt verhalten: Bereits durch die geplante Kürzung der Solarförderung herrsche angespannte Stimmung, so Klusmann: Die gehe nach derzeitigem Stand "über das Augenmaß hinaus" und setzte die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Solarunternehmen aufs Spiel.
Die größte Frage bleibt jedoch vorerst ungeklärt. Erst im Herbst wollen Union und FDP ihr energiepolitische Gesamtkonzept vorlegen, mit dem nicht nur die Zukunft der Atomenergie sondern auch der Ausbau der Erneuerbaren maßgeblich bestimmt werden. Das sorgt etwa mit Blick auf Investitionssicherheit für die Branche für Verunsicherung. Klusmann: "Laufzeitverlängerungen wären genauso wie der Bau neuer Kohlekraftwerke nicht nur unnötig, sondern in erheblichem Maße kontraproduktiv".
Das Warten auf ein Energiekonzept bewegt offenbar jedoch nicht nur in der Erneuerbaren-Branche: "Selbst wenn die von uns bezweifelte Ausbau-Prognosen des BEE zuträfen, brauchen wir noch lange ein Nebeneinander von erneuerbarer und konventioneller Erzeugung", ließ etwa der Bund für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Donnerstag verlauten. Und die Öl- und Gasindustrie warf der Bundesregierung vor, sich beim Energiekonzept zu stark auf Atomenergie und Erneuerbare zu konzentrieren. Feste Ziele für den Energiemix seien rundweg abzulehnen, so Gernot Kalkoffen, Vorsitzender des Wirtschaftsverbands Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) gegenüber der dpa: "Der Staat hat nicht die Fähigkeit zu bestimmen, was in den nächsten 20 Jahren der beste Energiemix ist".
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