Brasilien: Agrosprit-Ausbau zerstört Regenwald
Der Ausbau der Ethanol-Produktion aus Zuckerrohr drängt die Rinderzucht weiter in den Amazonas-Regenwald und treibt indirekt die Entwaldungs-Emissionen in die Höhe. Experten fordern deshalb Nachhaltigkeitskriterien auch für die Landwirtschaft. Doch was sollten die nutzen, wenn es zu wenige Zertifizierer - wie im Falle der Agrotreibstoffe gibt?
Von SARAH MESSINA und NICK REIMER
Der Ausbau der Agrosprit-Produktion in Brasilien wird für einen Anstieg von Kohlendioxid-Emissionen sorgen, warnen Forscher im Fachmagazin Proceedings. Der Anbau von Zuckerrohr (zur Ethanol-Herstellung) und Sojabohnen (für Agrodiesel) auf ehemaligen Weideflächen dränge die Rinderzucht tiefer in den Amazonas-Regenwald und treibe indirekte die Kohlendioxid-Emissionen aus der Entwaldung in die Höhe.

Luftbild des Amazonas: Wie Krakenarme fressen sich entlang der Straßen die gerodeten Flächen in den Urwald...
Brasilien ist neben den USA führend bei der Ethanol-Produktion, setzt aber nicht auf Mais sondern auch Zuckerrohr. Bis 2020 könnten sich die Anbauflächen der Studie zufolge mehr als vervierfachen: Für den Anbau von Zuckerrohr oder Sojabohnen rechnen die Forscher mit einer zusätzlichen Fläche von knapp 165.300 Quadratkilometern.
Allerdings gibt es dabei ein Problem: Brasiliens Regierung versucht, Zuckkerrohr- und Soja-Anbauflächen auf gerodeten Urwaldflächen zu unterbinden. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Experten beschreiben den Vorgang zur Umgehung der brasilianischen Rechtslage so: Dort, wo früher Viehweiden dominierten, werden heute zunehmend Soja oder Zuckerrohr angebaut. Die Farmer würden dafür einfach Regenwald roden, um ihn in neue Weideflächen zu verwandeln.
"Indirekte Landumnutzung" nennen die Experten das. "Um einen solchen Effekt zu unterbinden, fordern wir Nachhaltigkeitskriterien auch für die Landwirtschaft", erklärt Frank Brühning, Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie. Ab Juli schreibt der Gesetzgeber in Deutschland vor, dass jeder den fossilen Treibstoffen beigemischte Agrosprit zertifizierten Nachhaltigkeitskriterien genügen muss. "Die Kriterien stehen, das Zertifizierungsverfahren ist angelaufen", so Brühning.
Zertifizieren lassen kann sich auch ein brasilianischer Hersteller, der seit 2008 auf einer Fläche seine Rohstoffe produziert. Die Crux: Ob vorher hier Weideland war, das sich der Farmer zwei Jahre später durch Regenwald-Rodung neu "besorgt" geht nicht in die Bewertung ein.
Der Studie zufolge ist das aber gängige Praxis: Fast 90 Prozent der ehemalige Viehweiden würden heute und in Zukunft zur Agrosprit-Produktion in Anspruch genommen. Die Agrosprit-Produktion vertreibt die Rinderzucht so weiter in den Amazonas-Regenwald: 121.970 Quadratmeter Regenwaldfläche müssen für die Viehhaltung demnach freigemacht, sprich gerodet werden. Höhere Emissionen aus der Entwaldung wären die Konsequenz: Eine Klimaschuld, die erst nach 250 Jahren durch die Vorteile der Agrosprit-Nutzung abgearbeitet wäre, so der Schluss der Wissenschaftler.

... und noch immer kann nicht garantiert werden, dass Preis der Urwald-Rohdung dann in deutschen Tanks landet. (Foto: NASA, VDB)
Der Deutsche Biokraftstoffverband reagiert in einer Stellungnahme fast schon hysterisch auf die Berechnung. Das mag auch daran liegen, dass der Verband fürchtet, dass das Zertifizierungssystem bis zum 1. Juli nicht einsatzbereit sein wird. "Der Verwaltungsaufwand wurde unterschätzt", so Verbandssprecher Brühning. Tatsächlich gibt es derzeit noch nicht einmal eine handvoll Experten, die Zertifizierer wie den TÜV oder die DEKRA in den komplizierten Zertifizierungsprozess einweisen können. Ab Mitte Mai müsste zertifizierter Biodiesel vorliegen: Dann verkaufen die Agrokraftstoffhersteller ihre Ware an die Mineralölindustrie, die im Juli an den Tankstellen abgesetzt wird. Allein in Deutschland gibt es mehr als 2.000 Ölmühlen, Händler und Agrotreibstoff-Hersteller, die bis 1. Juli ein Zertifikat vorweisen müssen.
"Ich sehe große Gefahr für die Arbeitsplätze in unserer Branche", so der Verbandssprecher gegenüber wir-klimaretter.de: Ohne Nachhaltigkeitszertifikat sind Agrokraftstoffe nach dem 1. Juli nicht mehr steuerbegünstigt und können nicht auf die verpflichtenden Quoten angerechnet werden. Brühning: "Biokraftstoff ohne Zertifikat kann aber durchaus nachhaltig hergestellt worden sein, nur dass kein Zertifikat vorhanden ist, weil seine Produktionskette auf der Liste von TÜV oder DEKRA ganz weit unten steht". Und weil die Nachhaltigkeitskriterien ab Jahresende EU-weit gelten, ist Agrosprit ohne Zertifikat dann praktisch unverkäuflich - selbst wenn er nachhaltig produziert wurde.
An der Studie, die online vorab veröffentlicht worden ist, haben Wissenschaftler der Universität Kasse, des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des UN-Umweltprogramms Unep mitgearbeitet. In den Wäldern des Amazonasgebietes sind etwa 80 bis 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Brasilien ist der viertgrößte Treibhausgasemittent der Welt: Rund 75 Prozent der brasilianischen Kohlendioxidemissionen werden durch die Entwaldung verursacht.
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