Dem Meer den Strom abzapfen
Für einen zukünftigen Strommix aus erneuerbaren Energien könnten Anlagen, die Energie aus dem Meer gewinnen, eine wichtige Rolle spielen. Die meisten Technologien sind noch im Prototypenstadium, ihre Entwicklung schreitet aber rasant voran.
Von Hanno Böck
An der Küste von Irland befindet sich das Gezeitenkraftwerk Seagen . Zwei Propeller mit einer Leistung von 1,2 Megawatt erzeugen ähnlich einer Windkraftanlage durch die Meeresströmung von Ebbe und Flut unterwasser Strom. Es ist das bislang weltweit größte Meeresströmungskraftwerk. Seit gut einem Jahr speist die Anlage Strom ins reguläre Netz ein und versorgt damit geschätzt 1.500 Haushalte.

Das Meeresströmungskraftwerk SeaGen. (Foto: MCT)
Die Herstellerfirma von Seagen, Marine Current Turbines , plant gemeinsam mit Npower Renewables (einer RWE-Tochter) die Installation von sieben Seagen-Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 10,5 Megawatt an der Küste von Wales. Auch Konkurrent Eon ist dabei und will einen 8 Megawatt-Kraftwerkspark an der Westküste von Wales errichten. Ähnlich wie bei Offshore-Windkraft erfordern die Unterwasser-Kraftwerke hohe Investitionskosten, weswegen die Planungen im Moment ausschließlich von großen Energiekonzernen betrieben werden.
Kraftwerke, die die Energie der Gezeiten ausnutzen, sind an sich nichts neues. Bereits seit 1967 läuft das weltgrößte Gezeitenkraftwerk La Rance in der Bretagne (Frankreich). Das Kraftwerk La Rance arbeitet mit einer Staumauer. Bei Flut wird Wasser in einer Meerenge aufgestaut. Bei der anschließenden Ebbe strömt das Wasser durch Turbinen zurück.
Doch wie bei allen großen Staudammprojekten gibt es starke ökologische Vorbehalte. Nicht nur Naturschützer haben Bedenken, auch die Klimabilanz solcher Projekte bleibt fragwürdig. In den Stauseen entstehen große Mengen des Treibhausgases Methan. Derartige Probleme bestehen bei den Meeresströmungskraftwerken wie SeaGen nicht. Der Einfluss auf die Meeresbiologie ist minimal.
Vor allem auf den britischen Inseln erhofft man sich viel von der neuen Technologie. Schätzungen gehen davon aus, dass 20 Prozent des britischen Strombedarfs aus Gezeitenkraftwerken gewonnen werden könnten. In Deutschland gibt es hierfür kaum Potential – ein einziger Standort südlich von Sylt käme in Frage, allerdings reicht die Wassertiefe dort nicht für eine größere Anlage.

Die Seagen-Rotoren vor ihrer Versenkung. (Foto: MCT)
Neben Meeresströmungskraftwerken buhlt eine Reihe weiterer Technologien darum, die Energie der Meere auszunutzen.
In Portugal wurde 2008 das erste kommerzielle Wellenkraftwerk Aguçadoura in Betrieb genommen. Drei rote "Seeschlangen" lieferten 2.25 Megawatt Strom. Die Anlage wurde jedoch ein Jahr später aufgrund technischer Probleme außer Betrieb genommen, die Seeschlangen wurden entfernt. Weitere Anlagen sind in Planung, im Südwesten von England soll im Frühjahr 2010 das Projekt Wave Hub entstehen. Vor der Küste von Cornwell sollen vier verschiedene Typen von Wellenkraftwerke mit insgesamt 20 Megawatt Kapazität zu Testzwecken installiert werden.
Ein weiteres Wellenkraftwerk geht diesen Freitag an der Küste von Schottland ans Netz. Die Firma Aquamarine Power rechnet damit, in Kürze 300 Kilowatt ins britische Stromnetz einspeisen zu können.

Ein Wellenkraftwerk der Firma Pelamis. (Foto: P123/Wikipedia)
Das erste Wellenkraftwerk in Deutschland will EnBW innerhalb der nächsten Jahre installieren. Im Gegensatz zu den anderen Technologien soll dieses jedoch direkt an der Küste installiert werden. In einer Luftkammer entsteht durch die Wellenbewegung Druckluft, die eine Turbine antreibt. Diese "schwingenden Wassersäulen" sind ein Produkt der Firma Voith Hydro in Zusammenarbeit mit Siemens.
Noch weiter entfernt von einer großtechnischen Realisierung sind sogenannte Osmosekraftwerke. Sie können an Orten eingesetzt werden, an denen Salz- und Süßwasser nahe beinander zur Verfügung stehen, etwa an Flussmündungen. Salzwasser und Süßwasser wird durch eine Membran voneinander getrennt, das Süßwasser kann durch die Membran strömen und erzeugt Druck. Ein erstes Testkraftwerk will der norwegische Stromkonzern Statkraft kommende Woche in Betrieb nehmen.
Während der Ölkrise 1974 starteten die USA auf Hawaii ein Forschungslabor, welches die Wärmeunterschiede zwischen Oberflächenwasser (warm) und Tiefseewasser (kalt) nutzbar machen sollte. Nachdem die Ölpreise in der Folge wieder fielen, schwand das politische Interesse an der Technologie. In den 90er Jahren wurde zeitweise ein sogenanntes OTEC-Kraftwerk (Ocean Thermal Energy Conversion) betrieben und speiste Strom ins Netz ein. Als Nebenprodukt der Energieerzeugung kann das Tiefseewasser etwa für Aquafarming genutzt werden. Momentan befindet sich jedoch weltweit kein derartiges Kraftwerk in Betrieb. Welche ökologischen Folgen ein Betrieb solcher Anlagen in größeren Dimensionen hätte, lässt sich aufgrund der geringen Erfahrung bislang kaum abschätzen.
Die Verstromung der Meeresenergie ist bislang sehr gering. Jedoch steht eine Reihe von spannenden Technologien in den Startlöchern. In den nächsten Jahren könnte sie sich zu einem wichtigen Bestandteil der Stromversorgung mit erneuerbaren Energien entwickeln.
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