Vattenfall: "Braunkohlen-Josef" muss gehen
Vattenfall-Chef Josefsson hat bald mehr Freizeit - die schwedische Regierung sucht bereits einen Nachfolger
Aus Stockholm REINHARD WOLFF
Krise beim schwedischen Energiekonzern: Die Regierung hat das Vertrauen in Vattenfall-Chef Lars G. Josefsson verloren und betreibt dessen Ablösung. Auslöser für diesen Schritt waren am Mittwoch bekanntgewordene Pläne der Vattenfall AB, ihr einheimisches Stromleitungsnetz zu verkaufen, um Kapital für Investitionen in die Atomstromproduktion in Großbritannien freizumachen.
Eine Absicht, welche Stockholm umgehend stoppte - und mit einer scharfen Kritik an der Konzernführung aus dem Munde der zuständigen Wirtschaftsministerin Maud Olofsson verband: Josefsson habe das Staatsunternehmen in eine Krise geführt, die ständigen Sicherheitsprobleme in deutschen und schwedischen AKW's hätten das Vertrauen in den Konzern untergraben, Vattenfall engagiere sich viel zu wenig in den Ausbau grüner Energieproduktion und sei auch nicht profitabel genug. Am Freitag nun kündigte Aufsichtsratschef Lars Westerberg an, "in wenigen Wochen" werde ein Nachfolger für Josefsson präsentiert.
Vattenfall wollte schwedisches Stromnetz gegen britischen Atomstrom eintauschen
Anders als bei seinem deutschen Netz, dessen Verkauf Vattenfall schon früher offiziell angekündigt hat, ging es bei dem fraglichen schwedischen Netz nicht um die großen Überlandleitungen - diese 15.000 Kilometer gehören in Schweden der staatlichen Netzgesellschaft "Svenska Kraftnät" - sondern um Regional- und Lokalnetze. Mit denen versorgt Vattenfall etwa ein Viertel der schwedischen EndverbraucherInnen. Früher ausgesprochen lohnend sind sie wesentlich weniger einträglich geworden, seit eine Netzaufsichtsbehörde die Netzgebühren genau unter die Lupe nimmt und im Prinzip eine Preisaufsicht ausübt, die den Betreibern nur eine geringe Rendite ermöglicht. Ein Verkauf schien Vattenfall daher offenbar attraktiver und sollte umgerechnet etwa fünf Milliarden Euro in die Kasse bringen.
Doch die Privatisierung von Infrastruktur ist in Schweden immer ein heißes Eisen. Und so protestierten nicht nur die rot-grünen Oppositionsparteien und die Gewerkschaften, sondern es machte sich bis in die konservativ-liberale Regierung hinein Unmut breit. Schließlich sind im kommenden Jahr Parlamentswahlen, und da will man unpopuläre Themen möglichst meiden.

Passt weniger gut ins grüne Wunsch-Image von Vattenfall: Braunkohle-Tagebau in Brandenburg
Vattenfall-Konzernchef Lars G. Josefsson, vor neun Jahren unter einer sozialdemokratischen Regierung auf diesen Posten berufen, war in letzter Zeit immer mehr zur Zielscheibe der Kritik geworden. Die Ausdehnung der Vattenfall-Geschäfte nach Deutschland und Polen, die ihm den Spitznamen "Brunkols-Josef" ("Braunkohlen-Josef") einbrachten, werden - obwohl hochprofitabel - rückblickend zunehmend als falsche Weichenstellung kritisiert. Plötzlich war Vattenfall der Betreiber einiger der größten Dreckschleudern Europas.
Schweden möchte gerne grünes Vorbild sein. Sehr gut passte zu diesem Wunsch-Image, dass Angela Merkel ausgerechnet Josefsson - neben dem Potsdamer Professor Hans-Joachim Schellnhuber - als obersten Klimaberater berief. Auf dem Papier will Stockholm eigentlich, dass das Staatsunternehmen Vattenfall "eine führende Rolle bei der Umstellung auf regenerative Energieerzeugung" spielen und dabei helfen soll, "dass die EU ihre für 2020 gesetzten Klimaziele erreichen kann". Die graue Firmenwirklichkeit aber ließ sich zuletzt immer weniger durch grünfärberische Image-Kampagnen bemänteln.
Die Haftungsübernahme für GAUs in Vattenfalls deutschen AKWs brachte das Fass zum Überlaufen
Zusätzlich in die Bredouille kam der Konzernchef wegen einer nachträglich geänderten Vertragskonstruktion zwischen der deutschen Tochter Vattenfall-Europe und der schwedischen Vattenfall-Mutter. Zwischen Vattenfall-Europe AG und Vattenfall AB war im März 2008 ein "Beherrschungsvertrag" geschlossen worden, der im Juni 2008 in Kraft trat und der die Gewinnabführung von der deutschen Tochter an die Mutter erleichtern sollte. Der Nebeneffekt: Er machte nach dem deutschen Aktienrecht gleichzeitig die Vattenfall-Mutter für mögliche Schadensersatzansprüche unbegrenzt haftbar. Beispielsweise in der Folge von Atomunfällen mit den Reaktoren Krümmel und Brunsbüttel. Eine Rechtsfolge, die angeblich weder Josefsson selbst, noch der Konzernleitung und auch nicht die Regierung in Stockholm aufgefallen war. Und auf die man dort offenbar erst mit einjähriger Verspätung aufgrund der Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage des Grünen-Abgeordneten Hans-Josef Fell im August 2009 aufmerksam wurde.

Immer wieder auch in schwedischen Schlagzeilen: Pannen-Atomkraftwerk im norddeutschen Brunsbüttel. (Foto: Wikipedia)
Obwohl die Stockholmer Zeitung Svenska Dagbladet bereits am 15. September über das mögliche Konkursrisiko für ganz Vattenfall im Gefolge eines deutschen Atomunfalls berichtet hatte, wurde erst am Donnerstagabend eine Nachricht daraus. Da griff der Fernsehsender TV 4 das Thema auf, und Wirtschaftsministerin Olofsson warf Josefsson vor, er habe ohne Wissen der Regierung in Stockholm für seine beiden deutschen Reaktoren "den ganzen Konzern verpfändet".
Josefsson verneinte eine Kenntnis dieses Haftungs-"Details", zumal es durch eine Änderung der Gesellschaftskonstruktion zwischen Vattenfall-Europe AG und der Vattenfall AB auch wieder geändert werden könne. Ansonsten aber reagierte Josefsson auf die Angriffe mit ungewöhnlicher Demut. "Ja, wir haben uns in eine Vertrauenskrise hineinmanövriert", gab er in einem Offenen Brief in Schwedens größter Tageszeitung Dagens Industri zu. Er verstehe die Kritik, man habe, was die Sicherheitsstandards von AKW's angehe, geschludert. "Wir empfinden Demut gegenüber dem schwedischen Volk, unserem obersten Auftraggeber."
Josefsson gelobte Besserung. Doch das reichte nicht mehr. Am Freitag gab die Regierung bekannt, dass Josefsson abgelöst werden solle, sobald ein Nachfolger bestimmt sei. Von einer anderen Geschäftspolitik des Staatskonzerns - für die Josefsson ja nur der Vollstrecker war - ist bislang nicht die Rede.
Fotos: Reimer, Vattenfall, Wikipedia
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