Die Hälfte der Kraftwerke wird überflüssig
Eon, RWE, Vattenfall und EnBW haben ein Problem: Wenn der Ausbau der Erneuerbaren Energien weitergeht, werden ihre üblichen Großkraftwerke auf Atom- oder Kohlebasis immer weniger gebraucht. Eine neue Fraunhofer-Studie hat nun errechnet, wieviele "Grundlastkraftwerke" genau im Jahr 2020 noch am Netz sein müssten
Aus Berlin TORALF STAUD
Deutschland im Jahr 2020: In der Nord- und Ostsee drehen sich Windräder mit einer Gesamtkapazität von 10.000 Megawatt, an Land sind etliche der bereits bestehenden Anlagen mit größeren Rotoren aufgerüstet worden. Solarzellen auf Häuserdächern sind viel weiter verbreitet als heute, und die Erzeugung von Strom aus Erdwärme (Geothermie) ist endlich in Gang gekommen. Insgesamt decken die Erneuerbaren Energien 47 Prozent des deutschen Strombedarfs. Dies ist ein Szenario, das der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) im Januar in einer Studie entwarf. Diese Prognose liegt über den Plänen der Bundesregierung, aber bei guter Politik, so der BEE, sei das Ziel problemlos erreichbar.

Schon damals aber war klar, dass eine solche Vision für die traditionellen Energiekonzerne schmerzhafte Konsequenzen hätte."Der Markt, der konventionellen Kraftwerken zur Verfügung steht, wird dramatisch schrumpfen", sagte heute BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann, als er in Berlin eine neue Studie vorstellte. Nur noch gut die Hälfte der heute vorhandenen Kapazitäten in Braunkohle-, Steinkohle- oder Atomkraftwerken werden im Jahr 2020 benötigt.
Der Lobbyverband der Erneuerbaren Energien hatte das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel damit beauftragt, doch mal konkret zu berechnen, was ein ambitionierter Ausbau von Windkraft & Co. für die Realität bedeutet. Denn ein Großteil der Erneuerbaren sind im Energieaufkommen naturgemäß schwankend, Solarzellen und Windräder liefern bekanntlich nur Strom, wenn die Wind weht oder die Sonne scheint - und Speichertechnologien werden auf absehbare Zeit sehr teure Mangelware bleiben.
In Zukunft brauchen konventionelle Kraftwerke nur noch die Lücken der Erneuerbaren auffüllen
Strom aus Erneuerbaren muss deshalb ins Netz eingespeist werden, wann immer er anfällt. Das aber geht nur, wenn dort Platz ist. Wenn also nicht gleichzeitig die bislang üblichen Grundlastkraftwerke auf Kohle- oder Atombasis mit ihrem Strom die Leitungen verstopfen. Alle Ausbauprognosen für die Erneuerbaren - ob nun das 47-Prozent-Ziel des BEE oder die von der Bundesregierung beschlossenen 30 Prozent bis 2020 - sind jedenfalls nur übers Jahr gemittelte Durchschnittswerte. Bei günstigem Wetter wird viel mehr Wind- und Solarstrom ins Netz fließen - schon heute beispielsweise gibt es Momente, wo die Erneuerbaren den kompletten Strombedarf in Deutschland decken. Umgekehrt muss der restliche Kraftwerkspark flexibel die Lücken auffüllen.
Energieeinspeisung laut Prognose im Jahr 2020: Aus den Wetterdaten des Jahres 2007 wurde errechnet, wieviele Öko-Strom in der Woche mit dem günstigsten Wetter im Netz sein könnte. Zu sehen ist - am rechten Bildrand - ein Sonntag, der zugleich windig (blau) und sonnig (gelb) ist. Konventionelle Kohle- oder Atom-Kraftwerke (schwarz) werden zur Bedarfsdeckung dann fast nicht mehr gebraucht.
Grafik: BEE/IWES
Das Fraunhofer-Institut hat nun die Wetterdaten des Jahres 2007 hochgerechnet auf einen Kraftwerkspark, wie er laut BEE-Prognose im Jahr 2020 möglich wäre. Für jede der 8760 Stunden wurde errechnet, wieviel klimaschonender Strom die Erneuerbaren liefern können - und wieviel Bedarf überhaupt noch für andere Kraftwerke besteht: Nur noch 24.500 Megawatt Leistung, so Stefan Bofinger vom Fraunhofer-Institut IWES, werden demnach auf eine Betriebsstundenzahl von mehr als 8.000 Stunden pro Jahr kommen (bei solcher Auslastung spricht man von "Grundlastkraftwerken"). Zum Vergleich: Heute sind es mit 43.900 Megawatt fast doppelt so viele Atom- oder Kohleblöcke. Laut IWES-Prognose würde der Deckungsanteil der Erneuerbaren Energien am Gesamtstromverbrauch im Jahr 2020 zwischen 15 Prozent bei ungünstigen und 95 Prozent bei günstigen Wetterverhältnissen schwanken.
Für Eon, RWE, Vattenfall und EnBW hätte das drastische Folgen. Die vier Stromriesen sitzen hierzulande auf einem veralteten Kraftwerkspark, der zum großen Teil auf eine hohe Auslastung ausgelegt ist. Und immer noch bauen die Konzerne für viele Milliarden Euro neue Grundlastkapazitäten. "Nach den Ergebnissen unserer Studie", warnt BEE-Geschäftsführer Klusmann, würden sich diese Investitionen "angesichts der realten Bedingungen von Angebot und Nachfrage auf dem Strommarkt nicht rentieren." Der Strombedarf, der über 24.500 MW hinausgeht, könne jedenfalls durch Erneuerbare Energien und Pumpspeicherwerke das ganze Jahr über gedeckt werden. 

Die "Jahresdauerlinien" des deutschen Kraftwerksparks im Vergleich: oben 2007, unten die Prognose für 2020. Deutlich zu sehen ist, dass künftig bei einem Ausbau der Erneuerbaren Energien viel weniger konventionelle Kraftwerke (Kohle und Atom) auf Betriebsstunden-zahlen von 8.000 pro Jahr kommen werden. Grafik: BEE/IWES
Laufzeitverlängerungen für die deutschen Atomkraftwerke, auch das zeigte die Studie, würde das Problem verschärfen. Denn über viele Jahre wären damit zusätzliche Grundlastkapazitäten am Netz, dann "müssten ein Großteil der übrigen konventionellen Kraftwerke abgeschaltet werden", sagt Klusmann.
Man kann sich bereits jetzt ausmalen, welche politischen Debatten aufkommen könnten: Die großen Stromversorger werden klagen, dass ihre milliardenteuren Investitionen durch die Erneuerbaren Energien zu Investitionsruinen werden - und darauf drängen, dass der Einspeisevorrang für Öko-Energien gekippt wird. Das aber hätte weitreichende Folgen: Die Finanzierung vieler Windparks, betont der Bundesverband Windenergie, basiert darauf, dass wirklich der gesamte anfallende Strom ins Netz eingespeist und vergütet wird. Der Ausbau der Erneuerbaren würde also massiv behindert.
Selbst bei langsameren Ausbau der Erneuerbaren könnte ein Drittel der Atom- und Kohlekraftwerke überflüssig werden
Stefan Bofinger vom Fraunhofer-Institut betont, dass die Annahmen für seine Studie "konservativ" gewesen seien. So habe man in der Prognose den Stromverbrauch im Jahr 2020 sogar noch höher angesetzt, als laut der Energiesparpläne der Bundesregierung zu erwarten wäre. Auch seien noch gar nicht alle Kapazitäten in Pumpspeicherwerken berücksichtigt, die dann vermutlich zur Verfügung stehen werden und zur Glättung der Schwankungen von Windkraft zur Verfügung stehen. Auch das Regelpotenzial von Biogasanlagen habe man weitgehend außer Acht gelassen. Im Klartext: Bei klimapolitisch optimistischeren Annahmen wäre der Restbedarf für Atom- und Kohlekraftwerke sogar noch geringer ausgefallen.
Einzig das Ausbauniveau der Erneuerbaren Energiequellen sei ziemlich hoch angesetzt worden - eben auf die 47 Prozent, die der BEE für möglich hält. Wird dagegen "nur" das Ziel der Bundesregierung erreicht, dass 2020 im Jahresdurchschnitt 30 Prozent Ökostrom im Netz sein sollen, würde zwar nicht die Hälfte der Atom- und Kohle-Kapazitäten überflüssig. Ein Drittel aber sicherlich noch.
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