Der Präsident und das steigende Meer
Mohamed Nasheed, Präsident der Malediven, hat eine Mission: Er muss die 1200 Inseln seines Landes retten. Da das Meer schneller steigt als die Bereitschaft zum internationalen Klimaschutz, macht er Umsiedelungspläne für tausende Inselbewohner und kauft Land in Indien. Nebenbei tourt er durch die Welt, um die Regierungen von einem schnellen Handeln zu überzeugen. Heute war er in Berlin
Aus Berlin HANNO BÖCK
Mohammed Nasheed muss sein Land retten. Der 2008 gewählte Präsident der Malediven kämpft mit unkonventionellen Methoden und pausenlosem Engagement gegen die globale Erderwärmung. Sein Inselstaat ist eines der ersten Opfer des globalen Klimawandels. Wenn der Meersspiegel steigt, werden immer mehr Regionen des pazifischen Paradieses unbewohnbar und gehen schließlich unter. Nasheed kämpft trotz der aussichtlosen Lage wie ein Don Quichot gegen Klimaskeptiker, und versucht Regierungen und Unternehmen zum Handeln zu bewegen. Heute besuchte er Berlin, Kanzlerin Merkel und sprach mit Studenten an der Freien Universität.

Mohamed Nasheed kämpft gegen den Klimawandel. (Foto: Böck)
Nicht nur sein Einsatz für den Klimaschutz, sondern auch seine eigene Biographie ist außergewöhnlich: Mit 22 Jahren war Nasheed zum ersten Mal im Knast – der damalige regimekritische Journalist wurde insgesamt dreizehn Mal inhaftiert. Er traute sich als einer der ersten, den früheren Präsidenten Maumoon Abdul Gayoom öffentlich als Diktator zu bezeichnen und wurde der erste demokratisch gewählte Präsident.
Kämpferisch ist Nasheed wie eh und je. Doch er ist auch Realist. Längst habe er Pläne gemacht, erklärte er bei einem Vortrag an der FU, die Bevölkerung umzusiedeln - sollte der Meeresspiegel deutlich ansteigen. Man bemühe sich, Landstriche in Indien und anderen Ländern zu kaufen. Bereits jetzt müssten 14 Inseln evakuiert werden, die Bewohner würden auf andere Inseln umgesiedelt. "Ich will nicht, dass meine Kinder in Camps leben müssen und Klimaflüchtlinge werden." so Nasheed. Trotz vorhandener Umsiedlungspläne – Nasheed will die Evakuierung der Inseln mit allen Mitteln verhindern - und kämpft deswegen gegen die globale Erwärmung. Eine Frau habe ihn geschlagen, als er ihr erklärte, sie müsse ihr Haus verlassen – und er könne das gut verstehen.
Das Touristenparadies besteht aus 1200 Inseln und ist der niedrigste Staat der Welt. Lediglich 2,4 Meter liegt der höchste natürliche Punkt der Malediven über dem Meeresspiegel. Durchschnittlich befinden sich die Malediven etwa einen Meter über Wasser. In den pessimistischeren Szenarien des Weltklimarates IPCC würden sie komplett im Meer versinken.
"Warum hinterfragt niemand, welche Interessen hinter den Klimaskeptikern stehen?"
Wenig Verständnis zeigt Nasheed für Klimaskeptiker. Er sieht mit Besorgnis, dass tot geglaubte Skeptiker des Klimawandels nun wieder in die Offensive gehen. Anlass dafür war die Veröffentlichung von E-Mails der britischen Climate Research Unit, die schon vor Wochen für Furore sorgten. Im Vorfeld der UN-Konferenz in Kopenhagen hatten Unbekannte interne Mails von Klimaforschern veröffentlicht. Daraufhin warnten Klimaskeptiker vor einer „Verschwörung der Klimawissenschaftler“. Nasheed hat nach eigener Aussage alle E-Mails gelesen. Sie änderten nichts am wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel. "Warum hinterfragen so viele Journalisten nun die Klimawissenschaft? Warum hinterfragt niemand, welche Interessen hinter den Klimaskeptikern stehen?", so der Inselstaatenpräsident.
Mit spektakulären Aktionen versucht Mohamed Nasheed immer wieder, die Weltgemeinschaft von der Notwendigkeit drastischer Maßnahmen zur Senkung des Treibhausgasausstoßes zu überzeugen. Im vergangenen Jahr verlegte er eine Kabinettssitzung auf den Grund einer Lagune – in Tauchanzügen und mit Handzeichen unterzeichnete das Kabinett ambitionierte Pläne für die Klimaschutzstrategie des Landes. Innerhalb von zehn Jahren will der Inselstaat CO2-neutral wirtschaften, Wind- und Solarenergie sollen die Energieversorgung gewährleisten.Doch auch in Kopenhagen sorgte Nasheed für Furore: Als Mitglied der Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS) unterbrachen die Malediven in den ersten Tagen die Klimaverhandlungen in Kopenhagen mit der Forderung, statt der weltweiten Begrenzung des Temperaturanstiegs auf maximal zwei Grad müssen 1,5 Grad das Ziel sein. Andernfalls wären viele der Inselstaaten vom Untergang bedroht. Allerdings währte der Widerstand nicht lange – während andere Inselstaaten wie Tuvalu auf der Forderung nach 1,5 Grad beharrten, unterzeichnete Nasheed den sogenannten "Copenhagen Accord", das unverbindliche Abschlussdokument der Klimakonferenz, in dem das Zwei-Grad-Ziel betont wird. Nasheed deutete in seiner heutigen Rede an, dass er mit seiner Rolle in Kopenhagen selbst alles andere als zufrieden war.
Die Malediven sind der niedrigste Staat der Welt. (Foto: Bernhard Bill, Wikipedia)
Zwei Grad - das meinen Wissenschaftler - das könnte nicht nur bedeuten, dass viele Inselstaaten im Meer versinken, es könnte auch schon der Punkt sein, an dem der Klimawandel durch Rückkopplungseffekte nicht mehr aufzuhalten ist. Das Auftauen von Permafrostböden, verminderte Reflektion von Eisflächen – Mechanismen, die dazu führen könnten, dass der Klimawandel sich selbst weiter anheizt. Im englischen wird von "Runaway Climate Change" gesprochen.
Wenn der Maledivenpräsident über die UN-Klimakonferenzen redet, wirkt er wenig hoffnungsvoll. Er sei mit hohen Erwartungen nach Kopenhagen gefahren – von der kommenden Konferenz in Mexiko erwarte er nicht viel. Die Klimakonferenzen littenn daran, dass alle versuchen, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Das funktioniere vielleicht bei einer Welthandelskonferenz, doch nicht beim Klima. Mit der Natur könne man keine Kompromisse schließen.
Auf die Frage, was Studenten tun könnten, die sich um den Klimawandel sorgen, war seine Antwort eindeutig: "Direkte Aktionen, das Thema auf die Straße tragen, Massendemonstrationen" – das wünscht er sich von Studenten im reichen Norden.
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