Komplizierte Suche: Wer wird neuer Klimachef?
Der plötzliche Abgang von Yvo de Boer hat die Weltklimadiplomtie in eine Krise gestürzt - und die Suche nach einem Nachfolger ist kompliziert: Es müsse eine "extrem kundige" Person sein, heißt es, die von allen Parteien "akzeptierbar" ist, möglichst nicht aus einem Industrieland kommend - und geduldiger als der dänische Ministerpräsident Rasmussen. Doch erste Namen kursieren bereits
Von NICK REIMER
"De Boer hat am Donnerstag eine Mitarbeiterversammlung einberufen und seinen Entschluss mitgeteilt", erzählt ein Mitarbeiter des UN-Klimasekretariates in Bonn. Natürlich, die Stimmung nach der gescheiterten Klimakonferenz im Dezember sei schwierig gewesen: "Wir hatten alle einen Hänger nach Kopenhagen." Mut gemacht habe dabei auch das Weitermachen des obersten Klimadiplomaten: "Wir dachten, es gibt noch eine Trumpfkarte für die diesjährige Klimakonferenz." Völlig überraschend sei deshalb de Boers Rückzug gekommen.

Ein anderer Mitarbeiter des Klimasekretariats berichtet, de Boer habe bereits vor der Kopenhagen-Konferenz an seinem Abgang gearbeitet. "Natürlich hat sich Yvo einen einen Höhepunkt zum Abgang gewünscht", sagt dieser Mitarbeiter. Und vermutlich habe das "unbefriedigende" Ergebnis den UN-Klimachef noch einmal zum Abwägen bewogen. Das Resultat: Zum 1. Juli wird de Boer seinen Job zur Verfügung stellen und als Unternehmensberater zum internationalen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungskonzern KPMG wechseln.
Nach der Kritik am wissenschaftlichen Beratergremium IPCC wird damit nun auch die Schaltzentrale der Weltdiplomatie kräftig durchgeschüttelt. Zwischen Ratlosigkeit und Resignation schwankend verschlug es vielen Fachleuten deshalb zunächst die Sprache. Der Chef des UN-Umweltprogramms UNEP, Achim Steiner, wollte de Boers Entschluss ebenso wenig kommentieren wie Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU).
"De Boer war mit seinem Latein am Ende"
Aus dem Umweltministerium heißt es lediglich pragmatisch, de Boers Posten wäre ohnehin im September dieses Jahres neu zu besetzen gewesen. Er habe sich in "ausgezeichneter Art und Weise für den Erfolg der internationalen Klimaschutzverhandlungen eingesetzt" - und die persönliche Entscheidung eine neue Aufgabe im Privatsektor zu übernehmen, sei zu respektieren. "Der auf Juli vorgezogene Termin seines Ausscheidens gibt seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin deutlich mehr Zeit, sich im Vorfeld der nächsten Vertragsstaatenkonferenz im Dezember dieses Jahres in Cancun (Mexiko) in diese wichtige Aufgabe einzuarbeiten."
"De Boer war mit seinem Latein am Ende", sagt dagegen Germanwatch-Experte Klaus Milke. Dennoch sei der Zeitpunkt des Rücktritts "extrem ungünstig". Denn noch immer ist nicht klar, wie es nach Kopenhagen weitergehen soll. Der Zeitpunkt biete deshalb, wenn auch sicher ungewollt, reichlich "Interpretationspielraum".

Kennen den UN-Verhandlungsprozess in und auswendig: Michael Zammit Cutjar, Yvo de Boer und John Ashe. (von links nach rechts, Foto: Messina)
Umso mehr gilt es, mit der Nachfolge de Boers so wenig Staub wie möglich aufzuwirbeln. Es müsse eine "sehr kundige Person gefunden werden", sagt Milke. Und das werde "in der Tat eine große Herausforderung": Was passiert, wenn Menschen dem Verhandlungsprozess vorstehen, die mit den komplexen UN-Prozessen nicht vertraut sind, hatte in Kopenhagen der dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen veranschaulicht, der als Konferenzpräsident mit Ungeduld und wenig Fingerspitzengefühl viel Porzellan zerbrach.
Als Nachfolger im Gespräch: John Ashe und Michael Zammit Cutajar
Der für die Klimadiplomatie zuständige Exekutivdirektor wird von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bestimmt. Nicht umsonst heißt es allerdings, die Auswahl sei ein "extremst politischer Prozess": Ohne Zustimmung aus den jeweiligen Lagern würde in der derzeitigen heiklen Lage bereits an der Personalie entschieden, ob der nächste Weltklimagipfel in Mexiko überhaupt noch eine Chance hat. Deshalb dürfe es auf keinen Fall ein Vertreter der Industriestaaten sein, heißt es im Klimasekretariat.
Im Gespräch ist deshalb etwa John Ashe, jener Diplomat aus dem karibischen Inselstaat Antigua und Barbuda, der sich als Vorsitzender der Kyoto-Arbeitsgruppe bereits einen Namen gemacht hat und bestens mit den UN-Verhandlungen vertraut ist. Genau das könnte seine Chancen jedoch wieder verspielen: Sein Aufgabenbereich ist bislang die Fortführung des Kyoto-Protokolls. Ein Thema mit dem man sich nicht überall Freunde macht - die USA lehnen eine Unterzeichnung weiterhin vehement ab.
Was den ebenso erfahrenen maltesischen Diplomaten Michael Zammit Cutajar ins Spiel bringen könnte, der die Arbeitsgruppe unter der Klimarahmenkonvention leitet. Allerdings eher theoretisch: Cutajar war bereits bis 2002 an der Spitze des UN-Klimasekretariats, hatte bereits seine Chance und dürfte bei
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 05 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Meinungen: Überraschung der Woche
Röttgens Täuschung, Altmaiers Fahrrad und Merkels Verantwortung Kalenderwoche 20: Fachlicher Kompetenz führt nicht dazu, ein politisches Amt zu begleiten. Aber das ist leider ein allgemeiner Trend, findet Michael Müller, SPD-Politiker und -Vordenker und Mit-Herausgeber von klimaretter.info: In der Politik kommt es heute mehr auf das Management von Macht an als auf eine programmatische Idee. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








