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Politische Preise, solare Krise und eine Windsammelschiene

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Vorstand für Energiewirtschaft beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Lückings Woche

Herr Lücking, die Bundesregierung will die energetische Gebäudesanierung nun mit aufgestockten KfW-Mitteln ankurbeln. Der ursprünglich geplante Steuerbonus war zuvor im Vermittlungsausschuss endgültig gescheitert. Sind 300 Millionen Euro jährlich mehr nicht doch etwas sehr bescheiden, wenn man bedenkt, dass in Deutschland rund 40 Prozent des Endenergieverbrauchs und etwa ein Drittel der CO2-Emissionen auf den Gebäudebereich entfallen?

Gero Lücking: Mit der energetischen Gebäudesanierung ist es seit Jahren ein Trauerspiel. Erstens ist der Zeitraum, in dem schon über das Thema gestritten wird, unglaublich lang. Zweitens ist das, was jetzt als Resultat gefeiert wird, noch nicht mal ein Minimalergebnis. Denn im entscheidenden Streitpunkt, nämlich der Frage der Verteilung der Steuereinnahmen zwischen Bund und Ländern, ist man keinen Schritt weiter gekommen. Angesichts der Herausforderungen und der Bedeutung dieses Sektors für die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung ist das viel zu wenig.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ist der Energieverbrauch der privaten Haushalte für das Wohnen im Jahr 2011 weiter zurückgegangen – um fast sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist sogar ein Rückgang um annähernd 18 Prozent zu verzeichnen. Der Grund sollen Erfolge in der Gebäudedämmung sein. Warum haben Bundestag und Bundesrat dann so viel Wirbel um das schwarz-gelbe Steuerbonus-Modell gemacht, wenn die Gebäudesanierung doch so gut läuft?

Der Rückgang des Energiebedarfs ist sicher auch auf fortschreitende Dämmung im Gebäudebestand zurückzuführen. Insbesondere hat aber die warme Witterung stark dämpfende Wirkung auf den Energieverbrauch. Die Jahre werden wärmer, die Jahresmitteltemperatur steigt. Der Winter 2010/2011 war drei Grad wärmer als der Winter davor. Und wahrscheinlich wird auch dieses Jahr den Rekord des Vorjahres brechen.

Mit den Strompreiserhöhungen im kommenden Jahr nimmt der Staat 3,4 Milliarden Euro zusätzlich an Mehrwertsteuer ein – hat der CDU-Energieexperte Günter Reisner vorgerechnet. Prompt hat die Bild-Zeitung Reisners Zahlen aufgegriffen, und prompt hat Finanzminister Wolfgang Schäuble den Zahlen seines Parteifreundes widersprochen. Warum ist der Strompreis eigentlich so zum Politikum geworden? Schließlich gibt es viele andere Güter des täglichen Lebens, die immer teurer werden, ohne dass darüber derart viel und emotional geredet wird.

Zum Jahreswechsel steigen diverse Abgaben, die auf den Strompreis aufgeschlagen werden, und neu eingeführte Abgaben kommen hinzu. Und im Windschatten der allgemeinen Preiserhöhungen schlagen auch die Netzbetreiber nochmals ordentlich zu. Sie erhöhen die Entgelte für die Nutzung der Stromnetze im Bundesdurchschnitt um fast neun Prozent. In der Summe addieren sich die Steigerungen auf 2,92 Cent pro Kilowattstunde. Auf all diese Abgabenerhöhungen, neue Abgaben und Entgeltsteigerungen fällt zusätzlich noch die Mehrwertsteuer an. Also die Steuer auf die Steuer. So kassiert der Staat ordentlich mit. Für die Endkunden werden so aus 2,92 Cent dann 3,48 Cent pro Kilowattstunde. Allein aus der Mehrwertsteuer hat der Staat pro Kilowattstunde ein Plus von 0,55 Cent. Multipliziert mit dem Verbrauch in Deutschland – das sind rund 480 Milliarden Kilowattstunden – ergeben sich so staatliche Mehreinnahmen in Höhe von 2,66 Milliarden Euro.

Preisaufschläge in Cent je Kilowattstunde Strom

2012

2013

Differenz

Differenz
inkl. Mwst.

Erneuerbare-Energien-Gesetz

3,592

5,277

1,685

2,01

Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz

0,002

0,126

0,124

0,15

Sonderkundenumlage

0,151

0,329

0,178

0,21

Offshore-Haftungsumlage

0

0,250

0,250

0,30

Abschaltumlage

0

0,119

0,119

0,14

Steigerung Netzentgelte

6,58

7,146

0,565

0,67

Summe

 

 

2,921

3,48

    Eine Marktstudie aus den USA prognostiziert, dass allenfalls 150 Solarfirmen die gegenwärtige Krise überstehen werden – weltweit. Noch vor zwei Jahren hat es 750 Solarunternehmen gegeben. Ein realistisches Szenario? Und wenn ja, was folgt daraus?

    In dieser Prognose spiegelt sich ein genereller Trend wieder. Es ist offenbar generell sehr schwierig, Massentechnologie in den USA und in Europa fertigen zu wollen. Das zeichnet sich in der Photovoltaikindustrie schon lange ab und in der Batterietechnologie entwickelt sich ein ähnlicher Trend. Auch hier sehen sich derzeitige Technologieführer aus Europa und den USA heftigem Gegenwind und der Billigkonkurrenz aus Asien ausgesetzt. Die Billigkonkurrenz beherrscht Prozesse und Qualität immer besser, sodass dieser Kostenvorteil dauerhaft dazu führen muss, dass Produktionsstandorte in Hochpreisländern im Wettbewerb benachteiligt sind und keine Chance haben. Für die Energiewende muss das aber nicht schlecht sein, ganz im Gegenteil. Die Energiewende wird beschleunigt, wenn die dafür notwendigen Schlüsseltechnologien kostengünstiger beziehungsweise optimal wettbewerbsfähig zur Verfügung stehen.

    Und was war Ihre Überraschung der Woche?

    Nach zehn Jahren Plan- und Bauzeit wurde diese Woche die Höchstspannungsleitung zwischen Krümmel bei Hamburg und dem Schweriner Stadtteil Görries in Betrieb genommen. Das ist eine gute Nachricht. Man könnte die Trasse als "Windsammelschiene" bezeichnen. Das bringt Netzstabilität und Versorgungssicherheit mit viel Potenzial für den Ausbau weiterer Windkraftanlagen im Nordosten der Republik.

    Fragen: Verena Kern

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