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"50 Grad in Deutschland sind möglich"

Am Freitag hat der Weltklimarat IPCC eine Studie über Extremwetter vorgelegt. Auch Deutschland wird deutlich stärker von Wetterextremen betroffen sein, sagt nun der Kieler Klimaforscher Professor Mojib Latif - jedenfalls, wenn die Menschheit nicht auf die CO2-Bremse tritt. Höchsttemperaturen von fast 50 Grad seien bis 2100 denkbar, erläutert Latif im Interview mit klimaretter.info. Latif ist Professor am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel.  (Foto: Björn Laczay / Wikipedia)

klimaretter.info: Herr Professor Latif, was bedeuten die Prognosen des am Freitag veröffentlichten UN-Extremwetterberichts für Deutschland?

Mojib Latif: Die Trends, die wir kennen, verschärfen sich: Einerseits nehmen die Trockenperioden zu, andererseits die Starkniederschläge. Wir bekommen im Sommer mehr Tage mit sehr heißen Temperaturen, ähnlich wie im Rekordsommer 2003. Aber regnet es dann einmal, dann wie aus Kübeln. Dadurch wird es regional immer wieder zu Überschwemmungen kommen.

Wie hoch können die Temperaturen steigen?

Die UN-Studie sagt voraus, dass die Erde bis 2100 im Durchschnitt um bis zu fünf Grad wärmer werden kann. Dann wären im Süden und Osten Deutschlands Tagestemperaturen von mehr als 45 Grad möglich. Die bisherigen Temperaturrekorde liegen heute schon bei über 40 Grad. Da sich die Landmassen stärker erwärmen als die Ozeane, kommen bei uns fast die 50 Grad in Sicht.

Dann würde die Hitzewelle von 2003 noch übertroffen, die europaweit mehrere Zehntausend vorzeitige Todesfälle gerade bei älteren, kranken und geschwächten Menschen forderte?

Durchaus möglich. Hitzewellen können noch extremer werden, wenn sie wie 2003 wochenlang anhalten und die Böden austrocknen. Dann findet keine Verdunstung mehr statt, die Kühlung bringt. Das bedeutet extremen Stress für die Menschen, aber auch für die Infrastruktur. Beispiel: Wenn Flüsse kaum noch Wasser haben, können Kraftwerke nicht mehr gekühlt werden.


Sonne kann auch unerträglich sein, wenn sie über Tage die Erde aufheizt. (Foto: UNFCCC)

Wenn es gelingt, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sind die Folgen dann erträglich?

Erträglicher, aber keineswegs gleich null. Auch dann werden Extremereignisse zunehmen. Die zwei Grad wurden definiert, um Kippeffekte im Klimasystem zu verhindern – etwa das Abschmelzen des Grönland-Eises oder das Austrocknen des Amazonas-Regenwalds.

Wie groß sind die Chancen noch, das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen?

Es wird extrem schwierig. Der CO2-Ausstoß steigt mit einer Rasanz, die man sich vor 20 Jahren nicht vorstellen konnte. Die Kehrtwende muss schnell kommen, sonst klappt es nicht.

In den letzten zehn Jahren gab es eine Reihe Extremereignisse. Von der Oderflut 2002 über die Hitzewelle in Russland 2010 bis zu den Überschwemmungen in Thailand in diesem Jahr. Sind das noch normale Wetterphänomene?

Das ist die Blaupause für die Zukunft. Das sind die Ereignisse, die sich häufen werden. Man bedenke: Bisher haben wir erst eine globale Erwärmung um 0,7 Grad, fünf Grad wären siebenmal so viel.

Der UN-Report ist in Teilen sehr zurückhaltend, Es heißt etwa, Dürren in der Treibhauswelt würden „möglicherweise" häufiger. Wie ist das zu erklären?

Wissenschaftler scheuen sich angesichts der Komplexität des Klimasystems und der Beschränkungen der Klimamodelle zu recht, 100-Prozent-Aussagen zu treffen. Trotzdem darf man das Experiment, das wir mit der Atmosphäre unternehmen, nicht einfach weiterlaufen lassen. Sonst erleben wir unliebsame Überraschungen wie bei der Entstehung des Ozonlochs, die niemand vorausgesagt hatte.

Ist die Zurückhaltung nicht auch eine Folge der Fehler, die sich im letzten großen Bericht des Klimarats von 2007 fanden und ihn in Misskredit brachten?

Nein. Diese Fehler entstanden, weil auch Angaben aus nicht wissenschaftlichen Texten einflossen. Das hätte nicht passieren dürfen. Beim aktuellen Report waren nur Wissenschaftler beteiligt.

Interview: Joachim Wille

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