Das Konto des Klimawandels
Dass Wetterextreme durch den Klimawandel zunehmen, ist fast schon eine Binsenweisheit. Bislang aber streiten Wissenschaftler noch darüber, ob sich ein einzelnes Extremereignis auf das Konto des Klimawandels verbuchen lässt oder nicht. Forscher des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung haben nun eine neue Formel entwickelt, mit der sie solche Aussagen treffen wollen.
Von Eva Mahnke
Klimaforscher treffen keine einhundert Prozent sicheren Aussagen, denn dazu ist das klimatische System viel zu komplex. Ihre Einschätzungen zu den Ursachen und Folgen des Klimawandels unterlegen sie aber mit Wahrscheinlichkeiten und die sind bedrohlich genug: Mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit sei die extreme Hitzewelle in Russland im vergangenen Jahr eine Folge des Klimawandels gewesen, sagen Wissenschaftler des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung. Damit widersprechen sie einer vor einem Jahr in den Geophysical Research Letters veröffentlichten Studie, derzufolge die extreme russische Hitze lediglich eine kurzfristige Klimaschwankung dargestellt habe.

Die Hitze ließ die Wälder um Moskau brennen, sodass die Stadt und viele umliegende Orte tagelang unter einer Glocke aus Rauch lagen. (Foto: CC-Lizenz/Dmitry Azovtse)
Zwar sind Wetterextreme an sich ein natürliches Phänomen, unnatürlich ist aber ihre zunehmende Häufigkeit. Die Frage ist allerdings, wann ist extreme Hitze eine "normale" Temperaturschwankung, wann Ausdruck der fortschreitenden Erderwärmung?
Ob sich diese Frage überhaupt beantworten läßt, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Bislang gingen die meisten Forscher davon aus, dass durch den Klimawandel bedingt zwar eine Zunahme der Häufigkeit von Wetterextremen zu beobachten ist, man aber für das einzelne Wetterereignis keine Aussage treffen könne.
Nachdem nun bereits britische und US-amerikanische Wissenschaftler an Modellen arbeiten, mit denen sie solche Aussagen doch treffen wollen, entwickelten die Potsdamer Wissenschaftler um den Ozeanographen und Klimaforscher Stefan Rahmstorf nun hierfür eine neue Formel. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellen sie in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences vor. "In vielen Ländern sind in den letzten Jahren nie da gewesene Wetterextreme zu beobachten", sagte Professor Rahmstorf, "zugleich steigt die weltweite Mitteltemperatur seit Jahrzehnten steil an. Wir haben untersucht, wie das zusammenhängt."
Ergebnis: Die Häufigkeit von Wetterextremen ergibt sich aus dem Verhältnis des allgemeinen Erwärmungstrends zu den Schwankungen, die sich um diesen Trend herum bewegen. Je wärmer es auf dem Planeten wird, desto häufiger durchbrechen die Schwankungen um den Trend auf dem Thermometer eine neue Rekordmarke.

Die durchgezogene Linie sind die Juli-Temperaturen in Moskau in jedem Jahr, die gestrichelte der geglättete Langzeittrend dieser Daten. Rot sind Hitzerekorde, blau Kälterekorde (das heißt der jeweils wärmste oder kälteste Juli bis dahin, seit Beginn der Datenreihe). (Grafik: PIK)
Die neue Formel der Potsdamer setzt Erwärmungstrend und Schwankungen miteinander ins Verhältnis und ermittelt hieraus die Häufigkeit von Klimaextremen. "Was die Temperaturen betrifft, so konnten wir zeigen, dass der Klimawandel unter dem Strich zu deutlich mehr Extremen führt", so Rahmstorf.
In Moskau und Umgebung waren die Temperaturen im Sommer 2010 wochenlang nicht unter 35 Grad Celsius gefallen. Mit dem Rekordwert von 38 Grad Celsius erreichten sie den höchsten Stand seit 160 Jahren. Die Jahrhunderthitze vernichtete einen Großteil der Getreideernte, verletzte Menschen, brannte Häuser nieder und zerstörte großräumig Wälder und Torfmoore. Einige dieser Moore brennen unterirdisch auch heute noch. Das Ziel der Potsdamer Studie: In Zahlen greifbar zu machen, ob dieses und andere Wetterextreme auf das Konto des Klimawandels gehen. Die Antwort ist ein 80-prozentiges Ja.
Die Forscher bestätigten damit etwa, dass sich an anderer Stelle schon erahnen lies. Zum Beispiel am Bananen-Preis. In Russland grassiert nach den Waldbränden das so genannte "Kartoffel-Bananen-Phänomen": Die Knollen waren zwischen St. Petersburg und Wladiwostok in diesem Februar mancherorts doppelt so teuer wie die Bananen - obwohl letztere doch gar nicht in Russland wachsen.
Nach den vielen Waldbränden verdoppelten sich die Preise für Kartoffeln, der wichtigsten Grundnahrung der Russen - zu viel der Ernte war vernichtet worden. Von September 2010 bis Januar 2011 stieg der Preis für ein Kilo im Einzelhandel von 21 Rubel (52 Cent) auf 40 bis 50 Rubel (1 bis 1,2 Euro). Ein Kilo Bananen, Tausende von Kilometern weit transportiert, gibt es dagegen schon ab 25 Rubel.

Die russischen Waldverluste sind eine Folge des menschengemachten Klimawandels. (Foto: Thomas Siepmann/pixelio)
Extreme Hitzewellen stellen aber nur eines der möglichen Extremwetterphänomene dar. In Zukunft wollen die Potsdamer Wissenschaftler auch die zu erwartende Häufigkeit anderer Wetterextreme untersuchen.
Auf ihrem Programm dürften dann etwa folgende extreme Wetterereignisse stehen, die es bislang 2011 zu beobachten galt: Flut in Thailand, Extremwetter in Hessen, Dürre im Südpazifik, Taifun in Japan, Tornado-Alarm in den USA, zu warmer Sommer in Deutschland. Die Liste extremer Wetter, die auf das Konto der Erderwärmung gehen, ließe sich deutlich erweitern.
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