Erdgas schlechte Alternative zu Kohle
Eine Studie aus den USA kommt zu dem Schluss, dass eine Umstellung der Stromversorgung von Kohle auf Erdgas kaum geeignet ist, den Klimawandel abzubremsen. Zwei Effekte seien hierfür verantwortlich: Bislang unterschätzte Methanlecks und Schwefelemissionen aus Kohlekraftwerken.
Tom Wigley, Forscher am US-amerikansichen National Center for Atmospheric Research, sieht die verstärkte Nutzung von Gaskraftwerken als klimafreundliche Alternative zur Kohleverstromung kritisch. In Simluationen verglich er die Wirkung auf den Treibhauseffekt. Klar sei zwar, dass Gaskraftwerke deutlich weniger Kohlendioxid emittieren, in der Gesamtbilanz ist die Sache aber deutlich komplexer. Nach Wigleys Studie, die in der Fachzeitschrift Climatic Change Letters veröffentlicht werden soll, führt ein Szenario mit mehr Gaskraftwerken zunächst sogar zu einem stärkeren Treibhauseffekt, erst nach einigen Jahrzehnten zeigen sich leichte Vorteile für die Erdgas-Variante.

Lake Site Power Plant in Utah - eines der größten Gaskraftwerke in den USA. (Foto: Mscalora, Wikimedia Commons)
Hierfür gibt es zwei Gründe: Zum einen stoßen Kohlekraftwerke Schwefelpartikel aus, die eine abkühlende Wirkung auf die Atmosphäre haben. Die Schwefelemissionen aus chinesischen Kohlekraftwerken werden beispielsweise dafür verantwortlich gemacht, dass in den vergangenen zehn Jahren die globale Durchschnittstemperatur weniger stark als angenommen stieg. Da die Schwefelpartikel nur einige Jahre in der Atmosphäre verbleiben, wirkt dieser Abkühlungseffekt nur kurzfristig - auch haben die Schwefelemissionen andere negative Auswirkungen auf die Ökosysteme. Allein hierdurch würde im Szenario mit mehr Kohlekraftwerken die Temperatur bis 2050 weniger stark ansteigen als beim Erdgasszenario.
Doch ein zweiter Effekt kommt hinzu: Gasleckagen, bei denen Erdgas, welches zu großen Teilen aus Methan besteht, entweicht. Methan ist ein hochaktives Treibhausgas. Hierfür ist in der vergangenheit in den USA meist eine Studie der Umweltbehörde EPA von 1996 herangezogen worden, die - wie die EPA inzwischen selbst mitteilt - die Werte viel zu niedrig ansetzt. Bei einer Leckagerate von zwei Prozent - einen Wert, den Wigley schon für sehr optimistisch hält - liege das Erdgasszenario nur etwa 0.1 Grad Celsius unter dem Kohleszenario im Jahr 2100.

Besonders klimaschädlich: Schiefergasbohrung im Gasfeld Pinedale Anticline. (Foto: Dmcdevit, Wikimedia Commons)
Eine Studie der Cornell University in Ithaca (Bundesstaat New York) ging im April davon aus, dass die Leckageraten bei der Förderung von Schiefergas durch Fracking - eine Methode, die in den USA gerade rasant an Bedeutung gewinnt - deutlich höher sind als die konventioneller Gasförderung: Zwischen 3,6 und 7,9 Prozent. Auch weltweit nimmt die Relevanz der Gasförderung durch Fracking zu.
Nicht berücksichtigt wurde von Wigley die Relevanz von Gaskraftwerken für eine Umstellung auf einen großen Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromversorgung. Vor allem die Debatte um die Energiewende in Deutschland wird davon bestimmt, dass Gaskraftwerke einspringen können, wenn kurzfristig viel Strom benötigt wird und erneuerbare Energien gerade wenig liefern. Gaskraftwerke eignen sich hierfür besonders gut, da sie schnell an- und abgeschaltet werden können. In einem solchen Szenario würden die Kraftwerke insgesamt nur wenig Strom produzieren und die meiste Zeit nur als Reserve bereitstehen.
Der Studienautor und mathematische Physiker Tom Wigley wurde von der American Association for the Advancement of Science (AAAS) im Jahr 2003 ausgezeichnet. Er sei "einer der weltweit führenden Experten in Sachen Klimawandel und einer der am häufigsten zitierten Wissenschaftler in seiner Disziplin". Wigley hat in der Vergangenheit den Weltklimarat IPCC dafür kritisiert, dass die Prognosen viel zu optimistisch seien und größere Anstrengungen zur Reduktion der Treibhausgase notwendig seien, wenn das Weltklima stabilisiert werden soll.
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