Extremwetter und der Klimawandel

In der Fachzeitschrift Nature ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob Klimawissenschaften in der Lage sind, einzelne Extremereignisse wie Fluten, Hurrikane oder Trockenperioden dem Klimawandel zuzuordnen. Bislang galten derartige Aussagen als nahezu unmöglich - und viele Wissenschaftler bleiben skeptisch.

Von Hanno Böck

Früher oder später taucht nach Fluten, ungewöhnlich starken Hurrikane oder Waldbränden durch Trockenperioden wie zur Zeit in Texas die Frage auf, ob derartige Ereignisse nun "gewöhnliche" Wetterextreme sind oder Folgen des Klimawandels. Bislang lautete die monotone Antwort der meisten Klimawissenschaftler, dass durch die Erderwärmung zwar Häufigkeit und Heftigkeit von Extremereignissen steigen, es jedoch unmöglich ist, bei einem einzelnen Ereignis festzustellen, ob es durch die globale Erwärmung verursacht wurde.


Flutkatastrophe in Australien - Zeichen des Klimawandels? (Foto: Geoscience Australia)

Zwei Aufsätze in der Fachzeitschrift Nature stellen diese Position nun in Frage. Zitiert wird etwa der NASA-Wissenschaftler Gavin Schmidt mit den Worten: "Dank Fortschritten bei statistischen Methoden, Klimamodellen und der uns zur Verfügung stehenden Computerkapazitäten ist die Zuordnung zwar sehr schwierig - aber sie ist nicht unmöglich."

Wissenschaftler aus dem Vereinigten Königreich und den USA haben eine Arbeitsgruppe mit dem Namen "Attribution of Climate Events" (ACE) gegründet. Die ACE will ein System etablieren, um bei Extremwetterereignissen frühzeitig feststellen zu können, inwiefern diese mit dem Klimawandel in Verbindung stehen. Im Idealfall könnten die Ergebnisse dann im Fernsehen mit dem Wetterbericht übertragen werden. Der Klimawissenschaftler Peter Stott vom britischen Wetterdienst Met Office möchte zur bevorstehenden Konferenz des World Climate Research Programme im Oktober in Denver hierzu eine Studie mit Vorschlägen vorlegen.

Die Schwierigkeit liege darin, zwischen dem Einfluss natürlicher Ereignisse wie dem Wetterphänomen El Niño und dem Klimawandel zu unterscheiden. Hierfür möchte die ACE ein System etablieren, welches die wahrscheinlichen Anteile des Klimawandels an einem Wetterereignis bestimmt. Hitzewellen seien nach Angaben der Nature vergleichsweise einfach zu untersuchen, besonders schwierig seien Hurricanes, da über deren Entstehung vieles den Wissenschaften noch unbekannt ist.


Bei Dürre lässt sich die Ursache "relativ" einfach bestimmen. (Foto: J. Treblin)

Als vorbildlich wird eine im Februar diesen Jahres ebenfalls in Nature veröffentlichte Studie angeführt, in der Forscher der Universität Oxford den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Hochwässern in England und Wales im Jahr 2000 untersucht hatten. Dafür waren mehrere Tausend Simulationen durchgerechnet worden, jeweils mit geringen Werten von Treibhausgasen in der Atmosphäre und mit hohen. Zwei Drittel der Simulationen zeigten einen deutlichen Einfluss des Klimawandels auf die Warscheinlichkeit von Überschwemmungen. Eine weitere Studie, die im November 2010 in den Geophysical Research Letters veröffentlicht wurde und mit ähnlichen Methoden arbeitet, kommt für die Hitzewelle im Sommer 2010 in Russland zu einem gegenteiligen Schluss: Hier konnte kein Zusammenhang mit dem Klimawandel festgestellt werden.

Anders Levermann, Forscher am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK), äußert sich gegenüber klimaretter.info skeptisch im Bezug auf die Interpretation der Ergebnisse: "Eindeutige Aussagen, die ein bestimmtes Ereignis mit Sicherheit dem Klimawandel zuordnen, werden wir nie machen können." Methoden, die eine Aussage über die Warscheinlichkeit treffen könnten, seien zwar sehr spannend, erklärt Levermann. "Zu bedenken ist aber, dass die Warscheinlichkeit alleine noch keine Aussage darüber liefert, wie gut die dahinterstehenden Modelle ausgearbeitet sind, ergo wie robust die dadurch gewonnenen Erkenntnisse sind."


Schwer zu berechnen - Hurricanes wie hier Katrina. (Foto: US NOAA)

Andere Klimawissenschaftler sind noch skeptischer. So zitiert die Nature Judith Curry, eine Klimawissenschaftlerin des Georgia Institute of Technology, mit der Aussage, derartige Studien seien "wissenschaftlich unseriös".

Klar ist: Wenn der Plan der ACE nach regelmäßigen Untersuchungen umgesetzt werden soll, kostet dies nicht unerheblich Geld. Gerade in Zeiten, in denen vielerorts über Einsparungen auch bei der Wissenschaft diskutiert werden soll, sicher keine einfache Hürde. Doch könnte es auch für Politiker interessant sein, im Falle von Naturkatastrophen wissenschaftlich fundierte Antworten auf die Frage nach den Ursachen geben zu können - so endet der Artikel in der Nature optimistisch.

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