Der große Betrug mit HFC-23

Fabriken in Italien, Großbritannien und den Niederlanden emittieren deutlich mehr Fluoroform (HFC-23), als sie offiziell zugeben, wie ein Schweizer Forschungsinstitut nun herausfand. Fluoroform ist ein hoch-aktives Treibhausgas und 15.000-mal so gefährlich wie Kohlendioxid. Doch das Kyoto-Protokoll sieht für derartige Fälle keine Sanktionsmechanismen vor.

Von Hanno Böck

Das Schweizer Forschungsinstitut EMPA hat möglicherweise einen riesigen Betrugsfall im Emissionshandel aufgedeckt. Die Wissenschaftler hatten die Konzentration verschiedener Treibhausgase gemessen, darunter HFC-23, auch Fluoroform oder Trifluormethan genannt. Zudem konnten die Schweizer die Herkunft der Emissionen genau zuordnen: Sie stammen aus sechs Fabriken in Europa. Dabei stellte sich heraus, dass die offiziell angegebenen Emissionswerte deutlich von den realen Emissionen abweichen.


Messstation für Treibhausgase auf dem Jungfraujoch bei Bern. (Foto: Jungfraubahnen)

HFC-23 ist ein hochaktives Treibhausgas. Es entsteht fast ausschließlich bei der Produktion des Kühlmittels HCFC-22 (Chlordifluormethan). HCFC-22 wird als Kühlmittel und als Chemikalie bei der Produktion des Beschichtungsmittels Teflon eingesetzt. Für die Produktion von HCFC-22 existierten im untersuchten Zeitraum in Europa nur sechs Fabriken, von denen zwei inzwischen geschlossen wurden.

Bereits in der Vergangenheit war bekannt geworden, dass die weltweiten Emissionen durch HFC-23 deutlich höher liegen, als offiziell angegeben. "Man ging davon aus, dass vor allem China und einige Entwicklungsländer ihre Emissionen nicht korrekt meldeten", erklärt Studienautor Stefan Reimann.

Wie sich nun herausstellt, ist aber vor allem Italien am Betrug mit HFC-23-Emissionen beteiligt: Eine Fabrik des Konzerns Solvay Solexis in Spinetta Marengo nahe Mailands produziere zehn- bis zwanzigmal mehr von dem gefährlichen Triebhausgas als angegeben. Auch in den Niederlanden und Großbritannien wird zu viel HFC-23 ausgestoßen. Hier schätzen die EMPA-Forscher, dass nur die Hälfte der realen Emissionen gemeldet wurde. Es handelt sich dort um eine Anlage der Firma Dupont in Dortrecht (Niederlande), sowie eine inzwischen stillgelegte Anlage der Firma Mexichem in Runcorn (England). In Deutschland und Frankreich seien die offiziellen Angaben hingegen wahrscheinlich korrekt, so die Studienautoren.

Die Forscher des EMPA, ein an die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich angeschlossenes Forschungsinstitut, hatte Messungen von zwei Bergstationen analysiert - eine davon auf dem Jungfraujoch in den Schweizer Alpen, die andere in Mace Head in Irland. Die Studie wurde in der Zeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlicht.


Teflon-Pfannen erzeugen klimaschädliches HFC-23 bei der Produktion. (Foto: Andrevan, Wikimedia Commons)

Die Emissionen von HFC-23 sind Teil des weltweiten Emissionshandels nach dem Kyoto-Protokoll. Doch das Klimaschutzabkommen ist hier weitgehend zahnlos: Jedes Land meldet seine Emissionen beim Bonner Klimasekretariat selbst, eine unabhängige Überprüfung ist nicht vorgesehen. Auch sieht das Kyoto-Protokoll in derartigen Fällen keinerlei Sanktionsmechanismen vor. Die Schweizer Forscher verweisen daher darauf, dass dies unbedingt in einem möglichen Nachfolgeabkommen geregelt werden müsse. Doch ein solches steht bislang in den Sternen: Im Dezember soll letztmalig im südafrikanischen Durban auf der diesjährigen Weltklimakonferenz der Versuch unternommen werden, eine zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls zu verabschieden- oder wenigstens eine Verlängerung der ersten.

Der Vorfall ist nicht der erste Betrug mit HFC-23. Im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass Entwicklungsländer im Rahmen sogenannter CDM-Projekte (Clean Development Mechanism) die Produktion von HFC-23 absichtlich hochtreiben, um anschließend bei der Vernichtung des Gases Emissionszertifikate zu generieren.

Der "Clean Development Mechanism" sieht vor, dass Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern, die selbst bislang keine Verpflichtung zur Treibhausgasreduktion haben, im Emissionshandel angerechnet werden können. Etwa die Hälfte dieser Projekte besteht in der Vernichtung von HFC-23-Emissionen aus Industrieanlagen. Das Kalkül: Wird HFC-23 verbrannt, entsteht Kohlendioxid - zwar immer noch ein Treibhausgas, jedoch ein deutlich weniger aktives.

Doch Entwicklungsländer machten aus diesem Mechanismus ein einträgliches Geschäftsmodell: Es wurde künstlich mehr HFC-23 erzeugt als notwendig, um anschließend mit der Vernichtung wertvolle Emissionszertifikate zu generieren. Bislang konnte sich der zuständige UN-Ausschuss nicht darauf verständigen, die umstrittenen HFC-23-Projekte aus dem CDM-Mechanismus herauszunehmen.


Anlage zur HFC-23-Vernichtung in China. (Foto: Qinhong Zhu)

Einen pragmatischen Vorschlag hatte der Inselstaat Mikronesien gemacht, um dem HFC-23-Betrug einen Riegel vorzuschieben: Man könne doch das Klimagas in das Montreal-Protokoll aufnehmen und somit verbieten. Das Montreal-Protokoll war 1989 zum Schutz der Ozonschicht verabschiedet worden. Im Montreal-Protokoll wurden ursprünglich die sogenannten FCKWs (Flor-Chlor-Kohlenwasserstoffe) verboten, die damals für das Ozonloch über der Südpolarregion verantwortlich waren. Es gilt als einer der wenigen Erfolge der internationalen Umweltdiplomatie.

HFC-23 sei zwar selbst nur geringfügig schädigend für die Ozonschicht, werde aber vor allem bei der Produktion von Alternativen der FCKWs eingesetzt, argumentierte Mikronesien. Daher sei die Aufnahme in das Montreal-Protokoll sinnvoll. Der Vorschlag konnte sich jedoch bislang nicht durchsetzen - auch hier blockierten Staaten wie China, Indien oder Brasilien, die mit dem CDM-Betrug gutes Geld verdienen.

Bereits Teil des Montreal-Protokolls ist jedoch HCFC-22, bei dessen Produktion HFC-23 anfällt - die Nutzung als Kühlmittel soll schrittweise reduziert werden, bis 2030 soll es hier nicht mehr eingesetzt werden. "Allerdings ist die Nutzung von HCFC-22 als Zwischenprodukt zur Herstellung anderer Chemikalien - etwa Teflon - weiterhin zulässig", erklärt Studienautor Christoph Keller gegenüber klimaretter.info. "Das Problem mit HFC-23 bleibt also vorerst weiter bestehen."

 

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