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"Zwei Grad reichen nicht"

Arktis-Konferenz im nordnorwegischen Tromsø: Das eisfreie Arktismeer ist vermutlich ab 2020 nicht mehr aufzuhalten. Die Wissenschaft rät der Politik, stärker auf die "Tipping Points", die Kipp-Punkte zu achten.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

"Forscher warnen uns, dass wir uns einem Zustand nähern, in dem das arktische Ökosystem zusammenbricht", erklärte der norwegische Außenminister Jonas Gahr Støre bei der Eröffnung von "Arctic Frontiers", einer internationalen Arktis-Konferenz mit rund 1.000 TeilnehmerInnen aus Wissenschaft und Politik, die in der vergangenen Woche im nordnorwegischen Tromsø stattfand. Unter dem Motto "Tipping Points" stand die diesjährige fünfte Auflage von "Arctic Frontiers". Und die Frage, wann solche "Kipp-Punkte" erreicht sein würden, von denen ab eine Entwicklung unaufhaltsam ihren Lauf nehmen könnte, zog sich wie ein roter Faden durch die Beiträge.


Eisschwund in der Arktis: Im blauen Band findet sich die Vorhersage des IPCC wieder, rot die tatsächlich gemessenen Verluste. (Grafik: Rahmstorf)

Sechs von vierzehn "Kipp-Komponenten" für das globale Klimasystem lokalisierte der Ozeanograf Carlos M. Duarte vom spanischen Forschungszentrum IMEDEA auf Mallorca in der Arktis. Angefangen vom arktischen See-Eis, dessen Schmelzen über die stärkere Sonneneinstrahlung die Meereserwärmung weiter beschleunigen würde, zu den Permafrostböden, aus denen derzeit noch gewaltige dort gebundene Mengen des Klimagases Methan in die Atmosphäre zu gelangen drohen, bis zum grönländischen Festlandeis, dessen Verschwinden die Ozeane weltweit um sieben Meter ansteigen ließe. Innerhalb weniger Jahrzehnte könnten einige dieser für das Weltklima zentralen Kompenten wie Dominosteine kippen, fürchtet Duarte.

Doch noch fehle die wissenschaftliche Basis für ein Frühwarnsystem. Duarte: "Klare Indikatoren, an denen wir festmachen können, dass wir uns dieser Schwelle nähern - und noch vorher anhalten können." Solches Werkzeug müsse man der Politik an die Hand liefern, damit die Weltgemeinschaft ähnlich wie bei der Klimakonferenz in Cancún mit der 2-Grad-Vorgabe auf ein Ziel hinarbeiten könne. "Unser Problem sind nicht zu wenig Daten", erklärte Oran R. Young, Professor an der kalifornischen Universität Santa Barbara: "Wir müssen uns klar werden, welche Daten relevant sind: Wir brauchen einige wenige aber entscheidende Indikatoren."

Beim Schmelzen des arktischen See-Eises werde der "Kipp-Punkt" derzeit bereits überschritten, meint Duarte. Ein ab 2020 in den Sommermonaten zum größten Teil eisfreies Arktismeer sei vermutlich nicht mehr aufzuhalten. Einig sei man sich darüber, dass eine solche Entwicklung große Veränderungen mitsich bringen werde, erklärte der Umweltbiologe Paul Wassmann, Professor an der Universität Tromsø und einer der Initiatoren von "Arctic Frontiers": Doch ansonsten seien noch viele Fragen offen. Ein Beispiel präsentierte die dänische Marinebiologin Dorte Krause-Jensen: Verschwindet das Eis, entzieht das zwar einerseits Eisbären und Robben ihre natürliche Lebensgrundlage. Gleichzeitig wird aber durch das stärker einfallende Sonnenlicht das Wachstum von Plankton und anderer Vegetation im Wasser kräftig angeregt – eine für Meereslebewesen vermutlich vorteilhafte Entwicklung.


Wichtig für das Binnenklima in Europa: Meereis in der Arktis. (Foto:NSIDC)

Neue Forschungserkenntnisse könnten bedeuten, dass die in Cancún gesetzte 2-Grad-Marke nicht reichen werde, berichtete in Tromsø der Ozeanograf Stefan Rahmstorf, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Bislang noch unveröffentlichte grönländische Forschungsergebnisse deuteten darauf hin, dass der "Kipp-Punkt" für das dortige Inlandeis womöglich schon bei einem Temperaturanstieg von 1,3 bis 2,3 Grad liegen könne, also nicht wie noch vom Weltklimarat im IPPC-Bericht von 2007 geschätzt bei 1,9 bis 4,6 Grad. Einen Anstieg von 0,8 bis 0,9 Grad haben wir schon "geschafft".

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