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"Das ist einfach keine Wissenschaft"

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Vor einem Jahr wurden gehackte E-Mails britischer Klimaforscher öffentlich, die angeblich Belege für ein großes Fälschungskartell enthalten sollten. Dieser Vorwurf ist zwar längst widerlegt, doch die sogenannten '"Klimaskeptiker" fühlen sich - auch in Deutschland - im Aufwind.

Hartmut Graßl, 70, ist einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands und einer der Herausgeber von Klimaretter.info: Er war Mitautor von IPCC-Berichten, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats (WBGU) der Bundesregierung. Früher, sagt er im Interview, habe er selbst versucht, mit "Skeptikern" zu diskutieren - das sei jedoch oft "sinnlos". Ignorieren dürfe man die "Skeptiker" dennoch nicht.

Herr Professor Graßl, in Berlin haben sich am Wochenende sogenannte Klimaskeptiker zu einer Konferenz getroffen. Wie gehen Sie als Wissenschaftler mit solchen Leuten um?

Die erste Frage sollte immer lauten: Habt Ihr Eure Kritik an der Klimaforschung schon mal veröffentlicht? Und zwar nicht auf irgendwelchen Internetseiten, sondern in einer Fachzeitschrift, wo die Manuskripte von kundigen Fachkollegen begutachtet werden und so ein Mindestmaß an Qualität gesichert ist? In 99 Prozent der Fälle ist dann schon Ende der Debatte – denn es handelt sich einfach nicht um Wissenschaft!

Was motiviert die "Klimaskeptiker"?

Diese Bezeichnung ist ja eigentlich falsch, denn mit der wissenschaftlichen Grundtugend der Skepsis, mit der die Thesen anderer Forscher kritisch aber kollegial hinterfragt werden, damit sich die Wahrheit herausmendelt – damit haben diese Leute meist nicht das geringste zu tun. Sie sind Leugner, sie leugnen einfach wissenschaftliche Erkenntnisse.

Warum tun sie das?

Nach meiner Beobachtung gibt es ganz unterschiedliche Motive: Manche bekommen schlicht Geld von Ölfirmen. Andere sind Menschen, die immer gegen alles sind. Ich habe auch schon echte Spinner erlebt, die ihre persönlichen Probleme auf den Klimawandel projizieren.

Vor Jahren, als ich noch jünger war, habe ich öfter versucht, "Skeptiker" mit wissenschaftlichen Argumenten zum Nachdenken zu bringen. Aber das gelingt praktisch nie. Wenn ich heute kritische Briefe bekomme, ist oft schon an den ersten drei Zeilen zu erkennen, ob es sinnvoll ist zu antworten – die meisten Zuschriften sind hochaggressiv, sie strotzen nur so vor Ausrufezeichen und Großbuchstaben.

In den vergangenen Monaten waren die "Skeptiker" häufig in den Medien …

… weil die gern Außenseiter wahrnehmen. Viele Journalisten finden eine schräge These zur Erderwärmung spannender als die Meldung, dass der x-te Beleg für den menschengemachten Klimawandel gefunden wurde.

Seit vor einem Jahr gehackte E-Mails britischer Klimaforscher mit vermeintlichen Belegen für ein Fälscherkartell öffentlich wurden, scheint auch die breite Öffentlichkeit den "Skeptikern" zuzuhören.

Ich glaube, diese E-Mails wurden nicht zufällig so kurz vor dem Klimagipfel von Kopenhagen öffentlich. Die "Skeptiker" werden immer laut, wenn wichtige politische Entscheidungen anstehen. Das war schon Mitte der neunziger Jahre so, unmittelbar vor Abschluss des Kyoto-Protokolls.

In den USA sind die "Skeptiker" traditionell stark, dort fließt auch viel Geld etwa aus der Ölbranche. Hierzulande wird die Szene eher von Leuten geprägt wie Wolfgang Thüne, einem ehemaligen Fernseh-Wettermann, vor dem sogar schon andere Leugner warnen.

Sollten Wissenschaftler den Klima"skeptizismus" deshalb ignorieren?

Nein, dieses Bezweifeln wissenschaftlicher Erkenntnisse ist eine ernste Sache. Denn es verzögert Entscheidungen bei den häufig eher bauchgesteuerten Politikern.

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In den USA ist Klima"skeptizismus" bereits so weit verbreitet, dass es schon ganze Geschenkkollektionen für sie gibt    Foto: www.cafepress.com

Man muss aber auch sagen, dass Leute, die den Klimawandel übertreiben, ebenfalls nicht hilfreich sind. Manche Umweltverbände etwa behaupten, der Klimawandel führe zu viel mehr Stürmen. Das ist aber wissenschaftlich für unsere Winterstürme nicht belegt. Korrekt wäre die Aussage, dass tropische Stürme durch die Erderwärmung wahrscheinlich in ihrer Stärke zunehmen. Aber solche Nuancen gehen in politischen Debatten oder der Medienberichterstattung häufig unter.

Gibt es unter den "Skeptikern" auch echte Wissenschaftler?

Ja, aber nur ganz wenige. Richard Lindzen zum Beispiel vom MIT in Boston: Er bestreitet nicht, dass Kohlendioxid ein Treibhausgas ist. Aber seiner Meinung nach wird dessen Klimaeffekt überschätzt – beziehungsweise die starken Rückkopplungseffekte im Klimasystem, die CO2 auslöst. Lindzen hat in der Vergangenheit sicherlich auf unerforschte Punkte hingewiesen, durch seine Kritik sind die Klimamodelle vielleicht rascher etwas besser geworden. Doch die Debatte um seine Einwände ist inzwischen im Wesentlichen beendet – nur nimmt er das nicht gern zur Kenntnis.

Unter den Skeptikern gibt es auffällig viele Geologen.

Die betonen gern, dass es schon früher in der Erdgeschichte Warm- oder Kaltphasen gegeben hat. Das stimmt ja auch. Aber diese Geologen haben offenbar ein Problem mit Zeitskalen. Natürliche rasche Temperaturänderungen von vier bis fünf Grad vollzogen sich im Laufe von 10.000 Jahren – heute aber geht es um eine Erwärmung von zwei bis drei Grad innerhalb von hundert Jahren!

Auf dem Kongress in Berlin trat unter anderem Henrik Svensmark auf, Professor am renommierten Dänischen Weltrauminstitut.

Es gibt eine Reihe von Sonnenforschern, die hartnäckig behaupten, der solare Einfluss auf das Erdklima werde unterschätzt. Deren Thesen sind vielfach überprüft worden – die Fakten sprechen einfach dagegen. Auch Svensmark ist mehrfach widerlegt worden. Aber bei Wissenschaftlern gibt es häufig die Tendenz, sich einfach nicht von überholten Thesen trennen zu können, wenn es die eigenen sind.

Das Interview führte Toralf Staud

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