Die Angst vorm Klimaschutz
Menschengemachte Erderwärmung? Alles Quatsch! Die Gefahr der Zukunft ist die "Deindustrialisierung Deutschlands", verursacht durch die Klimapolitik der Bundesregierung - heißt es auf einer Konferenz der sogenannten KlimaskeptikerAus Berlin Felix Werdermann
"Ich bin fassungslos und entsetzt über die Feigheit der deutschen Industrie! Warum lässt sie sich das seit Jahren gefallen?" Der ältere Herr aus der letzten Reihe erntet für seinen Kommentar viel Zustimmung. Ganz vorne im Saal steht Dieter Ameling, ehemaliger Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Er hat soeben seinen Vortrag über die deutsche Energie- und Klimapolitik beendet – und bei seinen Ausführungen kein gutes Haar an ihr gelassen. Seine provokante These: "Das Energiekonzept der Bundesregierung führt zur Deindustrialisierung Deutschlands."

Wird es das bald in Deutschland noch geben? Ein Stahlwerk verbraucht viel Energie und verursacht eine hohen Kohlendioxid-Ausstoß. (Foto: Deutsche Fotothek)
Doch heute kann sich Ameling der Zustimmung sicher sein, denn Klimaschutz will auf dieser Konferenz niemand. Während im mexikanischen Cancún Klimapolitiker aus aller Welt verhandeln, trifft sich in Berlin am Freitag und Samstag die Szene der sogenannten Klimaskeptiker. Worüber in der internationalen Klimawissenschaft seit Jahren Einigkeit besteht, wird von ihnen noch immer geleugnet: Der Ausstoß von Treibhausgasen führt zur Erderwärmung.
Seriöser Anstrich
Sie selbst bezeichnen sich als "Klima-Realisten" und auch auf der Konferenz ist man redlich bemüht, einen seriösen Eindruck zu vermitteln: Man trifft sich im Nobelhotel Maritim, die Konferenz wird gefilmt, für ausländische Gäste gibt es eine Simultan-Übersetzung. Und im Programmheft findet sich kaum ein Referent ohne Professoren- oder zumindest Doktortitel. Übrigens auch keine einzige Referentin.
Dieter Ameling, der ehemalige Stahlpräsident, ist prominentester Redner auf der Konferenz. Politiker mit ähnlichen Ansichten fürchten wohl um ihren Ruf, sollten sie hier auftreten. Und renommierte Klimaforscher haben längst aufgegeben, die eingeschworenen Skeptiker zu überzeugen. Ameling immerhin hält sich bedeckt mit Aussagen über die Ursachen der Erderwärmung. Er jammert über die Klimapolitik - "sie mindert unseren Wohlstand und schwächt das soziale Netz" - und hält die europäischen Klimaschutzziele für unrealistisch. Aber Zweifel an den Erkenntnissen zum globalen Temperaturanstieg äußert er nicht.
Ein Zuhörer versucht dann doch noch, ihm eine klare Positionierung zu entlocken. Er habe während des Vortrags den Eindruck gehabt, Ameling wolle sich entschuldigen für den hohen Kohlendioxid-Ausstoß der Stahlindustrie. Nein, entgegnet Ameling, er habe die Zahlen zu den Emissionen bloß gezeigt um zu "erklären, warum wir von einschlägigen Organisationen an die Wand gestellt werden".
IPCC-Modelle angeblich "ohne Belege"
Andere Redner hingegen haben keine Hemmungen, den menschenverursachten Klimawandel zu leugnen. "Der Meeresspiegel wird in den nächsten hundert Jahren steigen", sagt etwa der Betriebswirt Lutz Peters. "Das hat aber mit CO2 und Temperaturanstieg überhaupt nichts zu tun." Schuld seien "tektonische Verschiebungen".
Ohnehin würde die Temperatur gerade mal um ein Grad Celsius steigen, sollte sich der CO2-Gehalt in der Atmosphäre verdoppeln, sagt Peters. Und wenn der Weltklimarat IPCC etwas anderes behaupte, dann "weil er ja ein Forum braucht" und ohne Katastrophenwarnungen nicht genug Aufmerksamkeit erhalte. Die IPCC-Modelle seien "ohne Beweise, ohne Belege". Peters: "Jeder, der was mit Computern gemacht hat, weiß, dass man jedes Ergebnis plausibel darstellen kann."
"Keine Heizung, kein Verkehr"
Danach malt Michael Limburg ein Horrorszenario des Klimaschutzes aus. Der Beamer wirft vier durchgestrichene Bilder an die Wand. Und Limburg sagt: "Keine Heizung mehr, keine fossil betriebenen Kraftwerke, kein Verkehr und keine Produktion mehr." Das ist die Angst, die ihn treibt. Als Vizepräsident der Klimaskeptiker-Organisation Eike hat er die Konferenz organisiert. Eike ist die Abkürzung für das Europäisches Institut für Klima und Energie, das Vereinsmotto: "Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit!"
Mit der Konferenz ist Limburg zufrieden: "Hervorragende Wissenschaftler" hätten "brillante Vorträge" gehalten. Mit 140 Menschen hätten zudem mehr teilgenommen als im letzten Jahr. Damals hatten auch Umweltschützer gegen die Tagung demonstriert, diesmal ist es ruhig. Dafür fehlt jetzt auch das Geld von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, die im letzten Jahr noch zu den Unterstützern zählte. Nächstes Jahr wollen sich die Klimaskeptiker in München treffen.
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