Klimaforscher: 2010 auf Rekordjagd
Noch 10 Tage bis zur Weltklimagipfel: Dieses Jahr könnte als das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnung in die Menschheitsgeschichte eingehen.
Teil 3 unseres Cancún-Specials: Der Stand der Wissenschaft.
Aus Berlin Nick Reimer
"Es ist relativ wahrscheinlich, dass wir in diesem Jahr einen neuen Temperaturrekord erleben werden", sagt Stefan Rahmstorf. Der Professor war einer der Leitautoren des 4. IPCC-Berichtes. Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung untersucht er die Rolle der Meeresströmungen bei Klimaveränderungen. Rahmstorf ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung, für die Website wissenlogs.de kommentiert und analysiert Rahmstorf die internationale Klimapolitik.


Das Jahr 2010 steuert auf einen neuen Temperaturrekord zu. (Tabelle: Rahmstorf)
Stefan Rahmstorf ist also ein exzellenter Gesprächspartner, wenn es darum geht, den Stand der Klimawissenschaft kurz vor dem 16. Weltklimagipfel in Cancún zusammenzufassen. Erste - und vielleicht erschreckendste - Botschaft: Der Weltklimarat IPCC hat in etlichen Punkten offenbar untertrieben. "Die tatsächlichen Messdaten zum Schwund in der Arktis zeigen, dass sich der Rückgang der Eismassen wesentlich schneller vollzieht, als vom IPCC prognostiziert", erläutert Rahmstorf im Interview.
Demnach wäre der von Satelliten tatsächlich gemessene Eisrückgang drastischer, als von den Klimawissenschaftlern Ende des letzten Jahrhunderts simuliert. Als besonders beängstigend nennt der Wissenschaftler, dass spätestens seit diesem Jahr Gewissheit darüber herrscht, dass der Eispanzer auf Grönland angefangen hat zu kollabieren. Erstmals sei deutlich geworden, dass auch an der Nordküste Grönlands die Eisschmelze eingesetzt habe.
Das Grönlandeis ist bis zu 3.000 Meter dick - einer der größten Süßwasserspeicher der Welt. "Würde das Eis komplett abschmelzen, bedeutet das, dass der Meeresspiegel um 7 Meter steigen würde", so Rahmstorf. Das klingt gefährlich, aber die eigentliche Gefahr birgt folgende Erkenntnis der Wissenschaft: Der Weltklimarat IPCC sagt, dass ab einer globalen Erwärmung von 1,9 Grad Celsius im Durchschnitt ein Totalverlust des Grönlandeises nicht mehr zu verhindern ist. "Ein Kippsystem, das bislang unaufhaltsam auf uns zu kommt", sagt Rahmstorf: "Klimaskeptiker und auch Politiker behaupten gern, der IPCC übertreibe. Ich wünschte, sie hätten Recht!"
Das fehlende Eis in der Arktis wird neueren Erkenntnissen zur Folge dazu führen, dass die Winter in Deutschland immer kälter werden. Durch das Schmelzen des Meereises in der östlichen Arktis werden Luftströmungen gestört, schreibt Vladimir Petoukhov vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung im Wissenschaftsjournal Geophysical Research: "Harte Winter wie der vergangenen Jahres widersprechen nicht dem Bild globaler Erwärmung, sondern vervollständigen es eher", sagt Petouhkov.

Das Abschmelzen in der Arktis: das blaue Band ist die Prognose des Weltklimarates, die rote Kurve zeigt die tatsächlichen Messdaten der Satelliten. (Grafik: Rahmstorf)
Schmelzendes Eis bedeutet außerdem einen steigenden Meeresspiegel. Und wenn sich die Eisschmelze beschleunigt, dann beschleunige sich auch der Pegelanstieg. 20 Zentimeter liegen die Weltmeere mittlerweile durchschnittlich über dem Niveau von 1880, zuletzt stieg der Meeresspiegel um mehr als 3 Millimeter pro Jahr. "Machen wir mit dem Klimaschutz so weiter wie derzeit, werden die Pegel bis Ende des Jahrhunderts auf über einen Meter angestiegen sein", so Rahmstorf.
Andererseits wird es wärmer, wo schon Wärme vorherrscht. Die Anzahl außer Kontrolle geratener Waldbrände hat immer weiter zugenommen. "Bereits heute erleben wir Vorboten, die zeigen, was es bedeutet, wenn Süd- und Osteuropa oder Teile Nordamerikas immer trockener werden", so der Klimawissenschaftler. Brände wie in Russland würden Mitte des Jahrhunderts Alltag, ein Sommer, der heute dort als heiß gilt, werde dann in der Kategory "kühl" einzustufen sein.
Die Waldbrände in Russland, die Fluten in Pakistan oder Nordindien, neue Fünf-B-Wetterlagen in Deutschland, Tornados in Hessen, Brandenburg und auf Usedom, 2010 könnte zudem als das Jahr der Extremwetter-Ereignisse in die Annalen eingehen. "Die Folge nie dagewesener Extremwetter entspricht den Prognosen des IPCC", sagt der Wissenschaftler dazu trocken. Man könne sagen, die Zunahme der Extremwetterereignisse wäre ohne Erderwärmung nicht eingetreten.
"Das große Verdienst von Kopenhagen war, dass die Staaten der Welt ein gemeinsames Ziel formuliert haben", sagt Rahmstorf: Die Erderwärmung solle auf zwei Grad begrenzt werden. "Um unter zwei Grad zu bleiben, können bis 2050 noch etwa 700 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalente ausgestoßen werden", so der Professor. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent könne die Wissenschaft garantieren, dass diese 700 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalente das zwei Grad-Ziel erreichbar machen.
"Klimaskeptiker und auch Politiker behaupten gern, der IPCC übertreibe. Ich wünschte, sie hätten Recht!"
Allerdings: Die Reduktionsziele, zu denen sich die Staaten auf der Klimakonferenz in Kopenhagen freiwillig verpflichtet haben, reichen nicht einmal für die Hälfte dieser Menge. "Kohlendioxid hat die unangenehme Eigenschaft, bis zu eintausend Jahre in der Atmosphäre mobil zu sein", sagt der Wissenschaftler.
Man könnte es auch anders formulieren: Bei der derzeitigen Rate der Kohlendioxid-Produktion haben wir das 750 Gigatonnen-Kontingent in weniger als 10 Jahren verbraucht. Rahmstorf: "Wir müssen also deutlich vor 2020 eine Trendwende schaffen: Von jährlich steigenden Kohlendioxid-Mengen zu absolut sinkenden". Das Problem: Je länger wir warten, um so abrupter wird der Kurswechsel ausfallen müssen.
In unserer Serie:
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