Indien rüstet sich für den Klimawandel
Umweltminister Jairam Ramesh will sich bei Gletscherschmelze, Monsun und Meeresspiegel-Anstieg nicht nur auf den IPCC berufen: "Kein Land ist vom Klimawandel so betroffen wie Indien".
Von Sarah Messina
7.000 Kilometer Küstenlinie, gigantische Himalaya-Gletscher und fast 70 Millionen Hektar Wald: Indien muss bereits 2030 durch den Klimawandel mit deutlich stärkeren Überflutungen und Dürreperioden rechnen. Wie aus einem am Dienstag in Neu Delhi veröffentlichten Bericht der indischen Regierung hervorgeht, wird das vor allem für Landwirtschaft, Wasserversorgung, Biodiversität und Ökosysteme sowie den Gesundheitsbereich schwerwiegende Folgen haben.

Monsun in den Westghats, die sich am Rand des Dekkan-Plateaus entlangziehen. (Foto: Adrian Sulc/Wikipedia)
Der Bericht "Climate Change in India: A sectoral and regional analysis for 2030" wurde von einem Wissenschaftlergremium erarbeitet, in dem mehr als 220 Forscher aus 120 indischen Instituten beteiligt sind. Die Forscher haben vier besonders "klimasensible Regionen" in Indien untersucht und Szenarien erstellt, wie sich der Klimawandel auf die Himalaya-Region, die Westghats am Rande des Dekkan-Plateaus, die Küstenregionen und der Nordosten des Landes auswirkt.
Ergebnis: Die Wissenschaftler rechnen bis 2030 mit einem Anstieg der Durchschnittstemperaturen um etwa zwei Grad Celsius gegenüber den 1970er Jahren. Der Meeresspiegel an der indischen Küste sei bislang um etwa 1,3 Millimeter im Jahr und werde voraussichtlich weiter ansteigen. Die Forscher rechnen zudem damit, dass sich durch die fortschreitende Erderwärmung zwar die Zahl von Zyklonen reduziert, die Intensität der tropischen Wirbelstürme dagegen deutlich stärker wird.
In allen indischen Regionen wird es demnach bis 2030 etwa fünf bis zehn Regentage mehr geben. Überflutungen können "ernsthafte Folgen" für Infrastrukturen wie Dämme, Brücken oder Straßen haben, heißt es weiter. Während der Reisanbau von den Veränderungen eher profitiert, wird etwa der Anbau von Mais und Hirse schwieriger. Auch Krankheiten wie Malaria werden sich in einigen Regionen stärker verbreiten, so der Bericht.
Regionale und länderspezifische Ausrichtung als Ergänzung zum IPCC-Bericht
Der Bericht des Indian Network for Climate Change Assessment (INCCA) soll den jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC von 2007 ergänzen: Der gebe zwar wichtige Informationen über die Folgen des Klimawandels für die einzelnen Kontinente. Nationale und regionale Folgen würden jedoch nicht detailliert genau dargestellt, so der Ansatz der Inder.
Für Diskussionen hatte auch in Indien die Debatte um einen Detailfehler im mehr als 3.000 Seiten starken IPCC-Bericht zur Gletscherschmelze im Himalaya gesorgt. In Fragen zu Gletscherschmelze, Monsun und dem Anstieg des Meeresspiegels müsse man sich auch auf eigene Forschung stützen, schreibt nun Umweltminister Jairam Ramesh im Vorwort des Berichts. "Kein Land auf der Welt ist dem Klimawandel stärker ausgesetzt als Indien", so Ramesh. Erstmals liege nun eine umfassende Analyse für die 2030er Jahre in Indien vor. Frühere Arbeiten hätten sich vor allem mit längerfristigen Folgen für die 2070er Jahre auseinandergesetzt.
Bereits im Mai hatte die INCCA Daten zu Indiens Treibhausgas-Emissionen vorgelegt. Indien sei damit das erste Entwicklungsland, das entsprechende Daten vorlege, sagte Ramesh seinerzeit. Das Land, in absoluten Zahlen neben den USA und China einer der größten Treibhausgas-Emittenten der Welt, hat im Rahmen der UN-Verhandlungen um ein neues Klimaabkommen in Aussicht gestellt, seine Kohlenstoffintensität zwischen 2005 und 2020 um 20 bis 25 Prozent zu senken.
Im Mai 2011 plant das indische Wissenschaftlergremium, einen Bericht über Emissionen aus "black carbon" (winzige Rußpartikel) zu veröffentlichen.
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