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Arktiseis: "Der Rückgang ist erheblich"

ruediger-gerdes-awiDer kalendarische Sommer ist vorbei, heute beginnt offiziell der Herbst. Wie steht es nach den Sommermonaten um das arktische Eis? Klimaretter.info wollte vom Meeresphysiker Professor Rüdiger Gerdes wissen: Verzeichnen wir eine neue Rekordschmelze?

Professor Rüdiger Gerdes ist Leiter der Sektion Meereisphysik am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Zuletzt war er im August mit einem Forschungsflugzeug in Grönland unterwegs, um die Dicke des Meereises zu messen.
(Foto: Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung)

Klimaretter.info: Herr Gerdes, auf dem Höhepunkt des Sommers erreicht das Eis in der Arktis typischerweise seine Minimalausdehnung. Heute beginnt der Herbst: Welche Bilanz ziehen Sie über den Sommer in der Arktis?

Rüdiger Gerdes: Im September betrug die Ausdehnung des arktischen Meereises lediglich fünf Millionen Quadratkilometer. Das ist die drittkleinste Eisausdehnung, die wir seit dem Beginn der Satellitenmessung Ende der 1970er Jahre registriert haben. Der Mittelwert der Eisausdehnung im September aus den Jahren 1979 bis 2000 liegt bei sieben Millionen Quadratmeter. Ein Rückgang der Ausdehnung von zwei Millionen Quadratkilometern unter diesen Durchschnitt – das ist schon erheblich.

Wie sah es in den letzten Jahres aus? Läßt sich ein Trend feststellen?

In den Jahren vor der Jahrtausendwende haben wir erhebliche Schwankungen festgestellt. In einem Jahr gab es eine geringere Ausdehnung, im nächsten Jahr dann wieder eine größere. Diese Schwankungen gibt es natürlich weiterhin: Aber dazu ist ein drastischer Eisrückgang im Jahr 2007 gekommen, von dem sich das Meereis bisher nicht wesentlich erholt hat. 2007 betrug die Ausdehnung des Eises im September gerade einmal 4,3 Millionen Quadratkilometer – das war der stärkste Rückgang im September, der jemals gemessen wurde.

Worin sehen Sie die Gründe?

Es gibt zwei Faktoren, die für die Entwicklung prägend sind: Zum einen die natürliche Klimavariabilität, die sich etwa in der Wasseroberflächentemperatur zeigt. Die ergibt sich aus den globalen Meeresströmungen, der so genannten "Atlantische Multidekadische Oszillation", abgekürzt AMO. Derzeit befinden wir uns auf dem Höhepunkt einer ausgeprägten Warmphase dieser Oszillation, die Wassertemperatur ist um 0,5 Grad wärmer – zuletzt hatten wir vor 70 Jahren eine solche Warmphase.

Der zweite Effekt, der dem Eis so zusetzt ist der menschgemachte Treibhauseffekt: Nirgendwo steigen die Temperaturen infolge dessen so stark wie in den hohen nördlichen Breiten.

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Der arktische Ozean ist mit einer dynamischen Schicht von Meereis bedeckt, die im Winter zunimmt, und im Sommer schrumpft, Das jährliche Minium wird zum Ende des Sommers erreicht. Diesen "Schnappschuss" machte die NASA mit dem Sattelit Aqua am 3. September. (Foto:  NASA Goddard's Scientific Visualization Studio)

Bedeutet das, dass das Eis vor 70 Jahre auch schon mal so dünn war?

Die Beobachtungsdaten und Aufzeichnungen von damals zeigen, dass die Eisausdehnung wohl bei mittleren sieben Millionen Quadratkilometern lag. Zwar gab es wie heute hohe Lufttemperaturen über der Arktis. Aber damals führte dass zu keiner Anomalie wie wir sie jetzt haben. Das Eis war einfach noch dick genug, es konnte den Warmwasserzufluss besser verkraften als heute. Vor 70 Jahren waren dreieinhalb Meter üblich, heute sind es oft nur noch weniger als zwei Meter.

Der Weltklimarat IPCC hat in seinem jüngsten Sachstandsbericht Prognosen zur sommerlichen Eisausdehnung in der Arktis gemacht, die zu denken geben. Sind die schlimmsten Befürchtungen bereits eingetroffen?

Klimamodelle, deren Ergebnisse in den letzten IPCC-Sachstandsbericht eingeflossen sind, produzieren einen Rückgang des arktischen Eises wie im Rekordjahr 2007 frühestens um das Jahr 2040. Diese Diskrepanz von Realität und Voraussage ist vermutlich auf die Klimavariabilität - Stichwort AMO - zurückzuführen, die in den Klimamodellen wohl unterschätzt wird. Ich schreibe der Klimavariabilität zum jetzigen Zeitpunkt einen ähnlich starken Effekt auf die arktische Eisschmelze zu wie den Treibhausgasen.

Wenn man die letzten vier warmen Jahre in der Arktis betrachtet – kann das Eis im Sommer denn überhaupt jemals wieder auf die mittlere Ausdehnung zurückkommen?

Das kommt darauf an. Wenn die AMO bald wieder in eine kalte Phase übergeht, kann sich das arktische Eis im Sommer erholen. Warmphasen werden von der Stärke globaler Meeresströmungen beeinflusst: Wenn diese Warmphase noch über zwanzig Jahre anhält, dann wird eine anschließende Erholung der sommerlichen Eisausdehnung auf das Normalniveau nur noch schwer möglich sein.

Was würde das bedeuten wenn es zu keiner Erholung käme?

Auf lange Sicht wird das arktische Meereis mit großer Wahrscheinlichkeit im Sommer ganz verschwinden. Das hätte eine Vielzahl von Auswirkungen auf die atmosphärische und ozeanische Zirkulation und auf die Süßwasserbilanz im Nordpolarmeer sowie im Europäischen Nordmeer. Auch regionale Meeresspiegel und Ökosysteme sind daran gekoppelt.

Interview: Ricarda Schuller

 

 

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