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Russlands Dürre war nur ein Warnschuss

Mehr Stürme, Starkregen, Hitzewellen - auf der Anpassungskonferenz von Umweltbundesamt und Deutschem Wetterdienst diskutieren Experten über Extremwetterereignisse und die Auswirkungen des Klimawandels. Russland hat das in diesem Sommer ganz deutlich zu spüren bekommen - nun spielen die Weizenpreise verrückt.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und starke Niederschläge werden aller Voraussicht nach weltweit weiter zunehmen, so der Auftakt einer gemeinsamen Konferenz des Umweltbundesamts (UBA) und des Deutschen Wetterdienstes (DWD), die am Donnerstag in Dessau begonnen hat. "Die aktuellen Überschwemmungen in Pakistan, die lang anhaltenden Hitzewellen in Russland und Japan und das Hochwasser in Sachsen entsprechen den Erwartungen der Klimaforschung über die Zunahme von Extremwetterereignissen", sagte Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes. Es sei dementsprechend wichtig, sich auf die Folgen vorzubereiten. Das ist auch Thema der zweiten Anpassungskonferenz mit dem Schwerpunkt "Forschung des Bundes zur Anpassung an den Klimawandel" am 2. und 3. September. Hintergrund ist die deutsche Strategie zur Anpassung an den Klimawandel.

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Eine extreme Hitzeperiode in diesem Sommer in Russland hat zu vermehrten Waldbränden geführt. (Foto: Greenpeace)

Die extremen Wettereignisse lassen sich Flasbarth zufolge zwar nicht allein dem globalen Klimawandel zuordnen. "Gleichwohl bestätigt sich der Trend einer Zunahme solcher Wetterextreme." Die Durchschnittstemepratur in Deutschland ist von 1881 bis 2009 im Mittel um 1,1 Grad Celsius wärmer geworden, bis Ende des Jahrhunderts könnte die Temperatur noch einmal um zwei bis vier Grad steigen. Die steigenden Temperaturen könnten UBA und DWD zufolge in Deutschland für immer mehr Hitzeperioden sorgen. Seit 1950 haben sich die Sommertage, an denen es mindestens 25 Grad warm wurde, nach Messungen des DWD mehr als verdoppelt. "Für die Regionen Sachsen-Anhalt und Brandenburg beispielsweise rechnen wir bis zur Mitte des Jahrhunderts rechnen wir zum Beispiel mit einer Zunahme von etwa 15 bis 27 zusätzlichen Sommertagen pro Jahr", sagte DWD-Präsident Gerhard Adrian.

Lange Hitzeperioden führen auch immer wieder dazu, dass die Böden austrocknen. So kann zunächst schlecht ausgesät werden, oder aber die Früchte gedeihen nicht, weil sie nicht genug Wasser abbekommen. So ist auch beispielsweise die Kartoffel- und Weizenernte in Deutschland in diesem Jahr geringer ausgefallen als üblich. Weit schwerwiegendere Auswirkungen gab es allerdings in diesem Sommer in Russland – dort führte die ungewohnt lange Hitzewelle dazu, dass die Weizenernte rapide sank und die Regierung schließlich ein Exportverbot für das Getreide verhängte. Auch Kasachstan und die Ukraine erwägen, nachzuziehen.

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Auch in Deutschland ist die Getreideernte dieses Jahr geringer ausgefallen. (Foto: Deutscher Bauernverband)

Nun spielen die Weltgetreidemärkte verrückt. Seit Anfang Juli ist der Preis für Weizen um 40 Prozent, der für Gerste um 16 Prozent und der für Mais um acht Prozent gestiegen. Die OECD prognostiziert, dass die Weizenpreise in den nächsten zehn Jahren inflationsbereinigt um 15 bis 40 Prozent steigen werden. Reflexartig geben viele Kommentatoren Spekulanten die Schuld, denn eigentlich gibt es weltweit genug Weizen auf der Welt.

Dabei übersehen sie aber auch die zu Grunde liegenden Daten: Bei gleichbleibendem Konsumverhalten in den Industrieländern muss die Nahrungsmittelproduktion in den kommenden vierzig Jahren um 50 Prozent erhöht werden. Dazu kommt, dass zum einen die Weltbevölkerung wächst, zum anderen die Mittelschichten in den asiatischen Schwellenländern größer werden. Diese passen sich immer mehr dem Konsumverhalten in den Industrieländern an, dazu gehört auch, dass sie mehr Fleisch essen.

Die Aufregung um die angeblich durch Spekulanten künstlich hochgetriebenen Weizenpreise verdeckt aber noch eine ganz andere, reale Gefahr: Was, wenn die Hitzewelle nicht Moskau sondern Chicago oder Peking getroffen hätte? Während der zweimonatigen Hitzewelle von Mitte Juni bis Mitte August waren die Temperaturen zeitweise um 14 Grad höher als im Durchschnitt. Die Hitze hat viele Wald- und Torfbrände ausgelöst. Unter anderem in der Nähe des von Tschernobyl - Greenpeace fürchtete neues Atomunglück.

Und wenn Chicago oder Peking von der Hitzewelle erfasst worden wären?

Eine derartige Hitzewelle würde auch andernorts zu enormen Ernteausfällen führen, erklärt der vielleicht bekannteste Agrarwissenschaftler und Gründer des Worldwatch Instituts Lester Brown in einem Interview mit dem Magazin Foreign Policy. "Die beiden gefährlichsten Orte für eine Dürre wie in Moskau sind Chicago und Peking. Wenn diese Hitzewelle Chicago getroffen hätte, hätten wir mindestens 150 Millionen, vielleicht sogar 200 Millionen Tonnen an Getreide verloren", statt 40 Millionen Tonnen wie in Russland. "An den Getreidebörsen würde Chaos herrschen."

Ähnlich wäre es bei einer Dürre rund um Peking: "Peking liegt in der nordchinesischen Ebene. Dort wird die Hälfte von Chinas Weizen und ein Drittel von Chinas Mais produziert. Alles, was die chinesische Produktion stark reduziert, hat einen enormen Effekt auf die Welt. China müsste sich in Amerika mit Getreide eindecken. Die Preise für amerikanische Konsumenten würden dramatisch steigen und politisch gäbe es die Versuchung, die Exporte zu beschränken, um die Preise unter Kontrolle zu halten."

Noch kann sich China zwar weitgehend selbst mit Nahrungsmitteln versorgen, die Frage ist aber: Wie lange noch? Die Pekinger Regierung ist hier keine Hilfe: China hält die Höhe seiner Ernteerträge und Nahrungsmittelvorräte geheim. Doch dieses Jahr hat China zum ersten Mal signifikante Mengen an Mais importiert, berichtet das Wall Street Journal. Noch im Jahr 2003 hat China 15 Millionen Tonnen Mais exportiert. Doch nun schätzen Analysten, dass China im kommenden Jahr fünf und bis zum Jahr 2015 gar 15 Millionen Tonnen Mais einführen muss.

Unsichere Märkte, Preisschwankungen

"Das bedeutet, dass es nun weniger Länder gibt, die die wachsende Weltbevölkerung versorgen können. Die Gefahr von Ernteausfällen ist ein größeres Risiko für alle. Das führt natürlich zu mehr Unsicherheit in den Märkten und tendenziell zu höheren Preisen und stärkeren Preisschwankungen", sagt ein vom Wall Street Journal zitierter Experte.

Neben der wachsenden Bevölkerung und dem zunehmenden Fleischkonsum in China macht Lester Brown vor allem der Verlust an bewirtschaftbarem Land Sorgen: "Im vergangenen Jahr wurden in China zwölf Millionen Autos verkauft. Dieses Jahr werden es voraussichtlich 17 Millionen sein. Und wenn die Zahl der Autos zunimmt, muss man Land asphaltieren. Man braucht mehr Straßen, Autobahnen und Parkplätze. Für fünf zusätzliche Autos muss man rund 4.000 Quadratmeter planieren."

Die Marge um Angebotsschocks wie den Ernteausfall in Russland zu kompensieren wird so immer kleiner, während die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen wegen des Klimawandels weiter zunimmt – auch dadurch geht bewohn- und bewirtschaftbares Land verloren. Statt reflexartig Spekulanten die Schuld an den Preisausschlägen zu geben, sollte man daher besser einen Blick auf die fundamentalen Veränderungen werfen, die derzeit ablaufen. Dann versteht man auch, warum derzeit der Weizenpreis eine Risikoprämie beinhaltet. Die Märkte haben die Dürre in Russland vielleicht einfach als das verstanden, was sie ist: Ein Warnschuss von Mutter Erde.



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