Die Freiheit, den Klimawandel zu leugnen
Drei Tage vor dem Kopenhagen-Gipfel soll in Berlin eine "Internationale Klimakonferenz" stattfinden. Einer der Veranstalter ist das "Liberale Institut" der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Skeptikern und Leugnern der Erderwärmung wird die Veranstaltung ein Podium bieten - einige von ihnen stehen seit langem wegen Zuwendungen von US-Ölkonzernen wie Exxon in der Kritik
Aus Berlin Toralf Staud
"Wir füllen die Idee der Freiheit mit Leben", lautet das Motto des Liberalen Instituts der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. "Politischen Grundsatzfragen" will es sich widmen – und dabei zuweilen unbequeme Antworten auf die Probleme der Zeit" geben. Am 4. Dezember lädt das Liberale Institut zu einer "Internationalen Klimakonferenz" nach Berlin. Im Vier-Sterne-Hotel Melia, direkt am Bahnhof Friedrichstraße, wird ein eintägiges "Update zur Klimaforschung" versprochen – doch als Kooperationspartner hat sich die FDP-nahe Denkstube ausgerechnet zwei Speerspitzen der deutschen und internationalen Klimaleugner ausgesucht: das "Europäische Institut für Klima und Energie e.V." (EIKE) aus Jena und das "Committee for a Constructive Tomorrow" (CFACT), einen konservativen Think Tank aus Washington.

Ein "Update zur Klimaforschung" verspricht die Naumann-Stiftung auf ihrer Website - doch die Tagung wird eher ein Update der Klimaleugner
Drei Tage vor Beginn des UN-Klimagipfels von Kopenhagen will man mit der Tagung offenbar nochmal versuchen, in der deutschen Öffentlichkeit ein paar Zweifel zu streuen an der Notwendigkeit von Klimaschutz. "Die Debatte um das Ausmaß und die Ursachen" der Erderwärmung sei "noch nicht verstummt", heißt es in raunendem Ton in der Einladung. Auch über Güte und Effizienz einzelner Klimaschutzmaßnahmen bestehe "unter internationalen Experten und Politikern keine Einigkeit". Eine "wissenschaftliche Debatte" dieser kontroversen Punkte, so das Liberale Institut, sei "dringend geboten", weshalb man auf der Konferenz "ein breites Spektrum an Information über den derzeitigen Stand der Klimaforschung" geben wolle.
Veranstalter und Referenten nahmen Geld von der US-Ölindustrie
Nun ist es eine alte Strategie von Ideologen und Wirtschaftslobbyisten, wissenschaftlichen Humbug als unbequemes Querdenkertum zu präsentieren und die Verteidigung eigener ökonomischer Interessen als Kampf für die allgemeine Freiheit. Wirkliche Debatten sind auf der Tagung jedenfalls nicht zu erwarten, die Liste der Referenten könnte einseitiger kaum sein. Vertreter der anerkannten Klimaforschung (die sich über Ursachen und Wirkungen des Klimawandels seit Langem und im Wesentlichen einig ist) werden keine Referate halten – stattdessen unter anderem ein emeritierter Informatikprofessor, ein ehemaliger Wirtschaftsberater von Margaret Thatcher und der Moskauer Büroleiter der rechten US-Stiftung Heritage Foundation. Die Vortragstitel lauten zum Beispiel "Die klimatische Rolle der Sonne und der kosmischen Strahlung" oder "Grund zur Panik? Was bewegt den Meeresspiegel?"
Als Star der Veranstaltung dient Fred Singer, ein US-Atmosphärenphysiker, der mit Angriffen auf den Weltklimarat IPCC bekanntgeworden ist. Singer bestreitet zwar nicht, dass die menschlichen Kohlendioxid-Emissionen den Treibhauseffekt verstärken – doch hätten natürliche Faktoren einen größeren Einfluss aufs Klima. Unter Umweltschützern und Wissenschaftlern ist Singer seit langem umstritten: Vor seiner Karriere als Klimaskeptiker bezweifelte er schon, ob und wie sehr Passivrauchen zu Lungenkrebs führt und ob das Ozonloch wirklich eine so schlimme Sache ist. Die US-Organisation Union of Concerned Scientists listete in ihrer Studie "Smoke, Mirrors & Hot Air", dass Singer bzw. Institutionen, für die er gearbeitet hat, über Jahre Millionensummen von Firmen wie dem Ölriesen Exxon erhalten habe.
"Umweltschutz: Ja! Klimaschutz: Nein!"
Auch der Mitveranstalter der Berliner "Klimakonferenz", CFACT aus Washington, hat jahrelang Geld von Unternehmen genommen, die an der Zerstörung des Weltklimas ganz gut verdienen: Die lobbyisten-kritische US-Website Sourcewatch.org listet beispielsweise Spenden von Chevron (60.500 Dollar), DaimlerChrysler (25.000 Dollar) oder ExxonMobil (587.000 Dollar) auf. CFACT hat es sich zur Aufgabe gemacht, "Klima-Alarmismus" und den "Global Warming Hype" zu bekämpfen. Zu seinem Mitarbeiterstab zählt der Jenaer CDU-Politiker Holger Thuss. Thuss gründete 2004 einen europäischen CFACT-Ableger, der aber bislang nicht durch große Aktivitäten auffiel. Er ist zudem Mitbesitzer eines Verlages für klimaskeptische Bücher. Und er ist "Präsident" des Jenaer Vereins EIKE, der ebenfalls als Einlader für die Berliner Konferenz auftritt. "Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit", lautet dessen Schlachtruf. "Umweltschutz: Ja! Klimaschutz: Nein!"
EIKE betreibt eine umfangreiche Website, auf der vorgeblich wissenschaftliche Abhandlungen zum Klimawandel veröffentlicht werden. Im Sommer versuchte das "Institut", mit einem Offenen Brief an Angela Merkel Aufmerksamkeit zu erregen. Die Kanzlerin möge "von der Pseudoreligion der anthropogenen Erwärmung ablassen", hieß es darin und sich von ihrem Klimaberater Hans-Joachim Schellnhuber trennen. Seit der letzten Bundestagswahl regiert Angela Merkel nun mit der FDP, und Teilen der Partei scheint der Klimaskeptizismus der Friedrich-Naumann-Stiftung durchaus aus dem Herzen zu sprechen. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle etwa dürfte sich dadurch in seiner Forderung bestärkt sehen, die deutsche Wirtschaft erstmal von Klimaschutzauflagen zu verschonen.
"Klar, die Tagung ist in gewisser Weise einseitig"
Steffen Hentrich, der beim Liberalen Institut die geplante "Klimakonferenz" betreut, sagt: "Auf unsicherer wissenschaftlicher Basis darf man keine so weitreichenden Entscheidungen treffen." Hentrich meint damit die CO2-Minderungen, wie sie im schwarz-gelben Koalitionsvertrag bis 2020 beschlossen sind, und auch die meisten Klimaschutz-Ideen, die im Vorfeld des Kopenhagen-Gipfels diskutiert werden. Derzeit sei es der Wissenschaft offenbar noch nicht möglich, "präzise Angaben" über die bevorstehende Erderwärmung zu machen, aber "wenn man keine präzisen Informationen hat", dürfe man nicht einfach das Schlimmste annehmen und die Freiheit der Wirtschaft so tiefgreifend einschränken, fordert Hentrich. Dabei ist völlig klar, dass aufs Komma genaue Prognosen angesichts des hochkomplexen Klimasystems der Erde niemals möglich sein werden.
Er sei zwar kein Naturwissenschaftler, sondern Volkswirt – aber man müsse doch beide Seiten der Wissenschaft anhören, meint Hentrich. Dabei gibt es keine zwei Seiten – den wenigen Klimaleugnern und -skeptikern, wie sie auf der Berliner Konferenz auftreten werden, steht eine erdrückende Mehrheit der seriösen Experten gegenüber. "Das Klima hat sich immer geändert", sagt Hentrich. Das ist ein auch bei den Leugnern beliebter Satz, der ebenso richtig wie irrelevant ist - denn er sagt nichts dazu, ob sich die Menschheit (und vor allem ihr ärmster Teil) an einen beispiellos abrupten Klimawandel anpassen kann. "Klar", gibt Hentrich zu, "das Tagungsprogramm ist in gewisser Weise einseitig." Auf mehrfaches Nachfragen räumt er ein, dass "die eine oder andere Auffassung" der Referenten "vielleicht auch unvollständig ist". Aber aus dem "Mainstream-Bereich", so Hentrich, hätten halt leider keine Wissenschaftler zur Tagung kommen wollen.
Irgendwie mag man es den wirklichen Experten fürs Weltklima auch nicht verübeln, wenn sie sich Veranstaltungen wie die am 4. Dezember nicht mehr zumuten mögen. Bei einer Vorgängertagung der Naumann-Stiftung vor vier Jahren war immerhin noch Hans von Storch angereist. Der ist ein renommierter Klimatologe am Institut für Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg. Manche Umweltschützer kritisieren ihn, weil er dazu rät, sich stärker als bisher um die Anpassung an den Klimawandel zu kümmern und nicht so sehr um die Vermeidung von Treibhausgasen. Die Fraktion der Leugner bezieht sich deshalb sehr gern auf ihn. Doch auf der Vorgängertagung 2005 hat Hans von Storch vorgetragen, dass die Differenzen unter den seriösen Klimaforschern "minimal" seien. Alle Kritiken und Kritteleien an Publikationen etwa des Weltklimarats IPCC hätten "nicht ihre Kernaussage widerlegt, nämlich die, dass wir es zur Zeit mit einer außergewöhnlichen globalen Erwärmung zu tun haben, die sich weiter verstärken wird, wenn für den Klimaschutz nichts entscheidendes getan wird".
Nachzulesen ist dies ausgerechnet auf der Internetseite der Friedrich-Naumann-Stiftung, in einer Zusammenfassung der vorherigen Klimatagung. Von ihren außergewöhnlichen Ansichten zur Erderwärmung haben sich die liberalen Denker durch solch klare Worte nicht abbringen lassen.
Zum Weiterlesen:
Greenpeace-Report greift Exxon, Koch Industries und andere Förderer des "organisierten Zweifels" an
Screenshot: Friedrich-Naumann-Stiftung
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