Studie: Fossile müssen in der Erde bleiben

Nur ein Viertel der wirtschaftlich förderbaren fossilen Energieträger darf bis zum Jahr 2050 verbrannt werden, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die am Donnerstag im Wissenschaftsmagazin "Nature" erschienen ist. 

VON FELIX WERDERMANN

Die Studie von Wissenschaftlern aus Großbritannien, Deutschland und der Schweiz kommt zu dem Schluss, dass in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts insgesamt nicht mehr als eine Billion Tonnen Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen werden darf, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Der Weltklimarat IPCC geht davon aus, dass die Folgen des Klimawandels nicht mehr kontrollierbar sind, sollte die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celcius gegenüber vorindustriellem Niveau ansteigen. Selbst wenn das 2-Grad-Ziel erreicht wird, werden enorme Auswirkungen des Klimawandels wie längere Dürreperioden zu spüren sein.

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Wenn weiterhin so viel CO2 in die Luft gepustet wird, kann das 2-Grad-Ziel nicht erreicht werden. 

Mit den neuen Zahlen macht die Studie wenig Mut: Ein Drittel der CO2-Emissionen, die das Klima im Zeitraum von 2000 bis 2050 vertragen könnte, wurde in den ersten neun Jahren bereits in die Luft gepustet. Übrig bleiben noch knapp 700 Milliarden Tonnen CO2; das ist rund ein Viertel der Emissionen, die entstehen, wenn alle fossilen Rohstoffe verbrannt werden, deren Förderung wirtschaftlich ist. Und selbst wenn man den Großteil der Vorkommen in der Erde lässt: Die Wahrscheinlichkeit, dass das 2-Grad-Ziel dennoch verfehlt wird, beträgt immerhin noch satte 25 Prozent. Dazu heißt es in einem Hintergrundpapier zur Studie: "Ob 1 %, 25 % oder 50 % Überschreitungswahrscheinlichkeit zu viel ist, ist eine politische Entscheidung. Wir merken aber an, dass wir in anderen Politikbereichen wie nuklearer Sicherheit, Flugverkehr oder Ernährungssicherheit natürlich weniger großzügige Begrenzungen im Bereich unter 1 Promille bevorzugen." 

Um das Risiko der unkontrollierbaren Erderwärmung zu begrenzen, sei schnelles Handeln erforderlich, erklärt Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): "Nur mit einer schnellen Abkehr von den fossilen Brennstoffen haben wir gute Chancen, eine deutliche Erwärmung zu vermeiden." Werde hingegen weitergemacht wie bisher, sei das "Kohlenstoffbudget" in 20 Jahren aufgebraucht und das 2-Grad-Ziel werde verfehlt.

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Welchen Weg gehen wir? Ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen können die Erderwärmung auf einen Wert von maximal 2 Grad über vorindustriellem Niveau begrenzen 

Soll das verhindert werden, muss es einen Wendepunkt in der Nutzung fossiler Brennstoffe geben – einen sogenannten Peak. Dieser müsse noch vor dem Jahr 2020 erreicht werden, sollen die Kosten für die radikalen Emissionsminderungen nicht explodieren. "Wenn wir länger warten", sagt Malte Meinshausen, "wird das Herunterfahren der Kohlenstoff-Emissionen immense wirtschaftliche Kosten und technologische Herausforderungen mit sich bringen, die weit über das hinausgehen, was heute möglich scheint." 

Im Zeitraum von 2050 bis 2100 sollen die Emissionen weiter sinken – am Ende des Jahrhunderts sollen sie fast Null betragen. Berücksichtigt man die positive Klimabilanz der Landnutzung, könnten die Gesamtemissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ebenfalls nahe Null liegen. 

Auf die Menschheit kommen also erhebliche Anstrengungen bei der Emissionsverminderung und Anpassung zu. Passenderweise ist in der "Nature"-Ausgabe auch gleich ein Kommentar abgedruckt, der einstimmt auf unangenehme Veränderungen. "Gefährlicher Wandel", heißt es dort, "wird schwer zu verhindern sein." Selbst wenn der CO2-Ausstoß schon bald zurückgehe, seien "teure Anpassungsmaßnahmen" nötig, eventuell müsse der Atmosphäre sogar "aktiv CO2 entzogen" werden. 

BILDER: ARCHIV, PIK

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