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Die Wüste kommt

Vier Millionen Einwohnern im südafrikanischen Kapstadt könnte in wenigen Wochen das Wasser ausgehen. Durch eine extreme Dürre sind die Stauseen leer und die Behörden auf den "Day Zero" kaum vorbereitet. So wie Kapstadt könnte es laut einer Studie bald einem Drittel aller Regionen weltweit gehen. Betroffen ist auch Europa.

Von Susanne Götze

Am 28. April um Mitternacht dreht die Stadtverwaltung von Kapstadt ihren Bürgern den Hahn zu. Am "Day Zero" wird es nicht mehr genug Wasser geben, um die fast vier Millionen Einwohner der südafrikanischen Metropole zu versorgen. Hoffnung, dass es bis April noch mal regnet, gibt es nicht. Die letzte Regenzeit fiel aus und bis Mai fällt in der Region auch in guten Jahren kein einziger Tropfen.

BildWüste in Marokko: Afrikanische Wüstenlandschaften könnten in diesem Jahrhundert bis nach Europa kommen. (Foto: Acquimat4/​Flickr)

Die Folge der Dürre ist für die Kapstädter dramatisch: Mit jedem verbrauchten Liter schrumpfen die Wasserreserven in den Stauseen vor der Stadt, am 29. April werden sie bei heutigem Verbrauch leer sein. Um den "Day Zero" zu verhindern, dürfen die Bewohner nur noch maximal 40 Liter pro Tag verbrauchen, mahnt die Stadtverwaltung auf ihrer Webseite. Zum Vergleich: Ein Deutscher verbraucht durchschnittlich 122 Liter am Tag.

In Kapstadt melden bereits Unternehmen mit hohem Wasserverbrauch Insolvenz an, zehntausende Arbeitsplätze sind in Gefahr und Bauern können in diesem Jahr kaum etwas anbauen. Nicht auszudenken, sollte das Wasser tatsächlich nicht reichen. Auch mit Wassertanks kann die Stadt kaum 600 Millionen verbrauchte Liter pro Tag ersetzen.

Dass eine Regenzeit manchmal ausfällt, ist in dieser ausgesprochen trockenen Region Südafrikas eigentlich nichts Ungewöhnliches. Dieses Mal sind es aber gleich mehrere Regenzeiten hintereinander, erklären Klimaforscher der Universität Kapstadt die extreme Dürre. 

Das sei im historischen Vergleich nur äußert selten vorgekommen, schreibt der südafrikanische Klimaforscher Piotr Wolski in einem Blogbeitrag. "Die Ursache dieser extremen Dürre ist sehr wahrscheinlich der menschengemachte Klimawandel", resümiert Wolski nach der Auswertung von Niederschlagsdiagrammen der letzten hundert Jahre. "Es gibt immer weniger Regen", so der Wissenschaftler. "Natürlich wird es auch in Zukunft einige feuchtere Jahre geben, aber der langfristige Trend deutet auf steigende Trockenheit."

 

Den Befund der Kapstädter Forscher bestätigen regionale Klimamodelle auf der ganzen Welt: In ohnehin trockenen Regionen häufen sich extrem lange Niederschlagspausen. Rund ein Drittel des Bodens weltweit ist bei nur zwei Grad durchschnittlicher Temperaturerhöhung von mehr Trockenheit betroffen – darauf leben 24 Prozent der Weltbevölkerung, darunter im südlichen Afrika, Südeuropa und Australien. Das errechneten Forscher der Southern University of Science and Technology im chinesischen Shenzhen und der University of East Anglia in einer Studie, die am Montag im Fachmagazin Nature Climate Change erschien.

Das Zwei-Grad-Ziel ist im Weltklimavertrag festgehalten und gilt als Obergrenze für die globale Erwärmung. Derzeit steuert die Welt allerdings auf eine Drei- bis Vier-Grad-Erwärmung zu. Anhand von 27 Klimamodellen und historischen Daten ab 1850 sowie Szenarien des Weltklimaberichts errechneten die Forscher, wie wahrscheinlich eine zunehmende Trockenheit bei höheren globalen Durchschnittstemperaturen ist.

Das Ergebnis: Jedes Grad mehr oder sogar Bruchteile davon verschlimmern die Lage in von Trockenheit bedrohten Gebieten. Künftig könnten feuchte Regionen trockener werden, sogenannte semi-aride Regionen – halbtrockene Gebiete, in denen es einige Monate im Jahr ausreichend regnet – könnten zu ariden Regionen werden, in denen die Verdunstung immer größer ist als die Regenmenge. In diesen bereits sehr wasserarmen Regionen, beispielsweise Steppen, verstärkt sich wiederum die Austrocknung.

Derzeit liegt die globale Erwärmung schon bei durchschnittlich einem Grad – wobei sich "Hotspots" wie im Mittelmeerraum oder in der Arktis schneller erwärmen. Auch wenn die Welt das im UN-Klimavertrag gesetzte ehrgeizige Ziel von 1,5 Grad Erwärmung einhält, dürfte es dennoch zu mehr Dürren kommen.

In Südeuropa beispielsweise könnte es sogar noch vor 2050 und bei weniger als 1,5 Grad Erwärmung zu extremem Wassermangel und einem Austrocknen ganzer Landstriche kommen. Ähnlich wie Kapstadt kämpfen Teile Spaniens bereits das zweite Jahr in Folge mit Hitzewellen und ausbleibenden Niederschlägen und auch Rom ächzte im letzten Sommer unter einer Rekorddürre.

BildWasser gibts nur noch vom Tankwagen: Solche bisher aus Entwicklungsländern bekannten Bilder könnten bald auch aus Südeuropa kommen. (Foto: One Drop Foundation/​Flickr)

Erste Anzeichen sind in Europa besonders eindringlich in Südspanien zu beobachten. Laut einer im Fachmagazin Science erschienenen Studie könnte Südspanien im schlimmsten Fall bis zum Ende des Jahrhunderts zur Halbwüste werden. Studienautor Wolfgang Cramer ist einer von vielen hundert Klimaforschern weltweit, die auf Einladung des Weltklimarates IPCC an einem Sonderbericht zu 1,5 Grad Celsius globaler Erwärmung mitarbeiten, der im Oktober veröffentlicht werden soll. Wird die globale Erwärmung nicht eingedämmt, könnte das mediterrane Ökosystem schon bald kippen, warnt Cramer. Bei einem derzeit wahrscheinlichen Vier-Grad-Szenario wären in ganz Südspanien und Nordafrika Millionen Menschen von Wüstenbildung betroffen.

[Erklärung]  
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