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Der Erde droht der Systemkollaps

Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen des Berichts "Die Grenzen des Wachstums" legt der Club of Rome einen neuen unter dem Titel "Wir sind dran" vor. Bei aller apokalyptischen Problemsicht schafft es das neue Werk immerhin, etwas Hoffnung zu erzeugen.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

"Die Grenzen des Wachstums" erschienen 1972, kurz vor der ersten Ölkrise. Bis heute gibt es keine einflussreichere wissenschaftliche Studie. Der erste große Bericht des Thinktanks Club of Rome veränderte damals schlagartig weltweit das öffentliche Bewusstsein.

BildStadt-Skylines wie die von Johannesburg in Südafrika gelten bislang als Ausweis von Modernität und Fortschritt. (Foto: Zakysant/​Wikimedia Commons)

Die Prognose der Wissenschaftler rüttelte Bürger, Politiker und Industrie auf: Fortschreitende Industrialisierung, zunehmende Ausbeutung von Rohstoffen, Zerstörung von Lebensräumen, Abnahme der Bodenfruchtbarkeit und Bevölkerungswachstum würden bei Fortschreibung der Trends im Laufe des nächsten Jahrhunderts unweigerlich zum Kollaps der globalen Systeme führen. Der Report wurde in 30 Sprachen übersetzt, Gesamtauflage über 30 Millionen.

Das Buch war aber gleichzeitig ein politischer Appell. Denn es zeigte auch auf, dass es durchaus möglich ist, durch Maßnahmen wie effizientere Technologie, Umweltschutz, Rohstoff-Recycling und Stopp des Bevölkerungswachstums ein stabiles Welt-System zu erreichen. Ziel war ein Gleichgewichtszustand, der einen "guten materiellen Lebensstandard" für alle ermöglicht.

Nun aber sagt der Club: "Wir sind dran". Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des Thinktanks, der sich für eine nachhaltige und sozial gerechte Entwicklung einsetzt, und 45 Jahre nach dem Erscheinen des "Grenzen"-Reports liegt ein neuer Club-of-Rome-Bericht vor, verfasst von 35 Autoren um die beiden Club-Präsidenten Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman.

Weizsäcker ist einer der renommiertesten deutschen Umweltforscher, Wijkman ein schwedischer Umweltpolitiker. Die Experten ziehen eine Bilanz des halben Jahrhunderts, das wie keines vorher unter dem ökonomischen Wachstums-Paradigma stand, und sie versuchen erneut, die Auswege aufzuzeigen.

"Gutes" Wachstum steht neben neuen Gefahren

Der Titel des 400-Seiten-Buchs hat daher, wie der einstige "Grenzen"-Bericht, zwei Bedeutungen – als Analyse und Appell. "Wir sind dran" (englischer Titel: "Come on") meint einerseits: Die Grundaussage von 1972 ist weiter richtig. Zwar haben sich einige ökologisch günstige Formen des Wachstums entwickelt, etwa der Boom von Windkraft und Solarenergie. Doch das gefährliche Wachstum geht kaum gebremst weiter. Und es sind Gefahren hinzugekommen, die der Club of Rome damals noch gar nicht auf dem Schirm hatte und die die globale Krise verschärfen.

Die Stichworte lauten: Klimawandel, Vernichtung fruchtbarer Böden, Schwund der Artenvielfalt. Die jährlichen CO2-Emissionen haben sich allein in den letzten 25 Jahren verdoppelt, der Biodiversitätsindex ist um über 50 Prozent gesunken und der "ökologische Fußabdruck" so groß geworden, dass eigentlich 1,7 Planeten nötig wären, um den täglichen Verbrauch zu decken. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt laut der Diagnose der Experten bereits heute in unterschiedlichen Notlagen, darunter Hunger, Kriegsbedingungen, regelmäßig auftretende Dürren und Überflutungen.

Die Analyse der multiplen Welt-Krisen im ersten Teil des Buches ist schonungslos. Zwar wurden neue Rohstoffvorkommen gefunden, neue Fördertechniken (wie Fracking beim Erdöl) und effizientere Technologien eingesetzt, sodass bisher echte Knappheiten noch weitgehend vermieden wurden. Doch der ökologische GAU spitzt sich zu, während die Gesellschaften in Nord und Süd zunehmend desintegrieren.

Club of Rome verlangt eine "neue Auflärung"

"Politisch haben wir eine Krise der Demokratie, der Ideologien und des Kapitalismus. Sozial geht es um bittere Armut und hoffnungslose Arbeitslosigkeit. Milliarden Menschen haben das Zutrauen in ihre Regierungen verloren", schreiben Weizsäcker und Co. Trump und AfD lassen grüßen.

Umso schneller müsse gehandelt werden, meint der Club of Rome: "Es eilt sehr. Ein Systemkollaps ist eine reale Gefahr." Im zweiten Teil des Buches postulieren die Autoren dazu: Es sei nichts weniger als eine "neue Aufklärung" notwendig, um die Kurskorrektur hinzubekommen.

An den Errungenschaften der ersten Aufklärung, im Sinne von Descartes bis Kant, wollen sie durchaus festhalten. "Die Entdeckung der menschlichen Werte des Individualismus, des Privateigentums, des Schutzes gegen staatliches Eindringen gehört zu den wertvollsten Errungenschaften der europäischen Aufklärung. Aber heute sehen wir die öffentlichen Güter stärker gefährdet als Privatgüter."

Notwendig sei die neue Aufklärung unter anderem, weil die alte im 17. und 18. Jahrhundert für eine "leere" Welt konzipiert wurde, als die Weltbevölkerung weniger als eine Milliarde betrug und weitgehend intakte Ökosysteme deren Einfluss noch abpuffern konnten. Heute, meinen die Autoren, brauche es eine Ethik für die "volle Welt" mit 7,5 Milliarden Menschen, die das "extreme, von der ungezügelten Marktwirtschaft geprägte Denken" ablöst.

Dieses identifizieren sie als "Wurzel des Schadens, den die Menschheit dem Planeten zufügt" – durch Phänomene wie Bereicherungsgier, Turbo-Globalisierung und deregulierte Finanzsysteme. Der Club schlägt vor, die Basis für neue"Balancen" zu erarbeiten – zwischen Mensch und Natur, Geschwindigkeit und Stabilität, Gleichheit und Leistungsanreiz. Er empfiehlt, durchaus auch Anleihen bei Naturvölkern zu nehmen, etwa den Hopi-Indianern, deren Kultur 3.000 Jahre lang stabil und nachhaltig war, oder bei asiatischen Traditionen.

Sehr konkret wird es im letzten Teil des Buches, dem mit 200 Seiten voluminösesten. "Wir sind dran" soll ja auch heißen: Die jetzt lebenden Generationen sind die letzten, die es noch in der Hand haben, die falschen Strukturen von Energieversorgung, Landwirtschaft, Wohnen und Verkehr für 7,5 Milliarden Menschen global so umzubauen, dass sie die ökologischen Grenzen nicht irreversibel sprengen.

Und hier wagt der Thinktank eine positive Sicht: Die finanziellen Voraussetzungen dafür seien heute besser denn je. In der Welt habe sich ein "solcher Reichtum eingestellt, dass man unter Nutzung von Wissenschaft und Technik all die Veränderungen durchführen können sollte, von denen die Autoren von 'Grenzen des Wachstums' die Schaffung einer auch ökologisch nachhaltigen Welt erwarteten."

BildDie Ressourcen der Erde zerrinnen unter unseren Fingern – die Erdkugel aus Sand symbolisiert das auf einfache Weise. (Foto: Frank Vincentz/Wikimedia Commons)

Die Autoren breiten eine Fülle von Beispielen und Konzepten aus, in denen ein vernünftiges Wirtschaften innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten konzipiert oder bereits umgesetzt wird. Es geht von Chinas 13. Fünfjahresplan, der auf die Dekarbonisierung der Wirtschaft und Öko-Energien zielt, über Indizes für eine neue Wohlstandsmessung wie den "Gross National Happiness Index" aus Bhutan bis zu einer Vielzahl von Grassroots-Projekten wie der "Kaffeechemie", bei der essbare Pilze auf der Abfall-Biomasse aus der Kaffeeproduktion wachsen und so die Ernährung in den Anbauländern verbessern.

Damit schafft das Buch es immerhin, etwas Hoffnung zu erzeugen. Nämlich, dass wir jetzt zwar dran sind, also an der Reihe, das Richtige zu tun, aber dann am Ende nicht "dran" sein werden.

Lesen Sie dazu unser Interview mit Club-of-Rome-Kopräsident Ernst Ulrich von Weizsäcker: "Wir brauchen eine neue Aufklärung"

[Erklärung]  
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