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Faktencheck: Hilft Glyphosat dem Klima?

Für das Pflanzengift Glyphosat werben Agrarkonzerne und Bauernverband gern mit dem Klimaschutz: Wer Unkraut mit Herbiziden bekämpft, muss den Boden nicht pflügen und darin gebundenes CO2 freisetzen. Ob der pfluglose Ackerbau wirklich einen positiven Klimaeffekt hat, ist aber umstritten.

Von Susanne Schwarz

Es ist schlecht für die Artenvielfalt und möglicherweise auch noch krebserregend: Glyphosat ist hoch umstritten. Dass der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) dem Pflanzengift offenbar durch sein Votum im EU-Ministerrat eigenmächtig fünf weitere Zulassungsjahre beschert hat, entzweit die Bundesregierung. Einer Yougov-Umfrage zufolge lehnen zudem 70 Prozent der Bundesbürger das Pestizid ab.

BildAuf 40 Prozent der Felder im Land wird Glyphosat eingesetzt. (Foto: Frank Vincentz/​Wikimedia Commons)

Der Deutsche Bauernverband hingegen lobt die neue Zulassung als "überfällig und folgerichtig". Kein Wunder: Glyphosat ist der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff in Herbiziden, auch in Deutschland. Dem Umweltbundesamt zufolge wird auf rund 40 Prozent der Felder mindestens einmal jährlich Glyphosat gespritzt, beim Raps sind es sogar 90 Prozent. 

Der multinationale Agrarkonzern Monsanto, der Glyphosat als erster für ein kommerzielles Herbizid genutzt hat, wirbt mit einem schlagenden Vorteil des Gifts: Es helfe bei der klimafreundlichen Landwirtschaft. Auch der Bauernverband beruft sich darauf.

Das Agrarwesen hat Klimaschutz-Lösungen bitter nötig. Im Jahr 2015 sorgte die deutsche Landwirtschaft für den Ausstoß von rund 67 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent – eingerechnet sind auch die Treibhausgase Lachgas und Methan. Das entspricht 7,4 Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen und ist sogar mehr als noch vor einigen Jahren. 

Monsanto erklärt den Klimaschutzeffekt des Glyphosats dadurch, dass man durch seinen Einsatz zur Unkrautbekämpfung nicht mehr oder zumindest weniger pflügen muss. Ob das dem Klima nun wirklich hilft, ist aber noch gar nicht klar – es gibt sogar Indizien dafür, dass gerade das Pflügen klimafreundlicher sein kann.

"Das ist keineswegs eindeutig"

Böden sind CO2-Speicher, weil sie totes Pflanzenmaterial enthalten – der sogenannte Humus, der zu 60 Prozent aus Kohlenstoffverbindungen besteht. Mikroorganismen im Boden ernähren sich von der organischen Substanz, dadurch kann das CO2 wieder freiwerden.

Hinter dem Argument, der Verzicht aufs Pflügen sei gut fürs Klima, steckt eine einfache Überlegung. "Wenn der Boden ständig aufgebrochen wird, wird die organische Substanz für die Mikroorganismen besser zugänglich", erklärt Hans-Jörg Vogel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Der Bodenexperte schränkt aber gleich wieder ein: "Die Studienlage dazu ist keineswegs eindeutig."

Auf der anderen Seite hat das Pflügen nämlich einen Effekt, der durchaus klimafreundlich ist. Die organische Substanz kommt durch das Umgraben tiefer in den Boden, was den Abbau verlangsamt und das Entweichen von Kohlendioxid wieder unwahrscheinlicher macht.

"Es ist ziemlich kompliziert, diese Effekte genau zu erforschen", meint Vogel. Wenn man zum Beispiel Böden untersucht, die lange nicht gepflügt wurden, liegt die Humus-Masse nun mal weit oben – das beeinflusst das Ergebnis. Auch die Struktur des Bodens hat einen Einfluss. "Sandige Böden verhalten sich anders als lehmige", sagt Vogel. Das macht allgemeingültige Aussagen schwer.

Tief liegender Kohlenstoff ist stabiler

Auf positive Auswirkungen des Pflügens für das Klima weisen auch Forschungen des Thünen-Instituts für Agrarklimaschutz hin. Untersucht wurde allerdings eine ganz spezielle Technik: das Tiefpflügen.

Dabei wird der Boden nicht nur oberflächlich umgebrochen, sondern mindestens 60 Zentimeter tief. Noch in den Sechzigerjahren war das üblich, dann geriet es aus der Mode. Forscher des Instituts in Braunschweig untersuchen nun schon seit Jahren die langfristigen Folgen des Tiefpflügens – und ob es sich lohnen könnte, die Technologie für den Klimaschutz wieder aufleben zu lassen.

Im Juli veröffentlichten sie eine Studie im Journal Nature. "Besonderes Potenzial bietet die Anlagerung von organischem Kohlenstoff unter den obersten Bodenschichten, weil man dort von einer höheren Stabilität ausgehen kann", fassten die Agrarklimaforscher zusammen.

Und wie kommen die Pflanzenreste dorthin? Beschleunigt werden kann der Prozess durch Erosion – oder eben tiefes Pflügen: "Tiefer vergrabener Kohlenstoff war in unseren Proben 32 Prozent beständiger als anderer." Der Kohlenstoffgehalt war auf Äckern bis in einen Meter Tiefe zudem insgesamt höher, wenn der Boden zuvor tiefgepflügt worden war.

Für Axel Don vom Thünen-Institut kommt noch etwas erschwerend hinzu: Die Lachgas-Emissionen der Landwirtschaft könnten ohne das Pflügen sogar noch ansteigen. Das Treibhausgas, das den Klimawandel noch viel stärker anheizt als Kohlendioxid, entsteht durch mikrobielle Prozesse und besonders gut bei Sauerstoffmangel. Wird der Boden nicht oder zu wenig aufgelockert, verbessern sich die Bedingungen dafür. Don spricht allerdings von "ersten Ergebnissen", attestiert der Materie also ebenfalls weiteren Forschungsbedarf.

BildPflügen, und wenn ja, wie tief? Die Forschung ist sich noch nicht einig. (Foto: Erich Westendarp/​Pixabay)

Ob klimafreundlich oder nicht, eines ist das Pflügen im Vergleich zum Spritzen auf jeden Fall: aufwändiger, zeitintensiver und damit teurer. Der Deutsche Bauernverband dürfte also neben dem Klimaschutz noch mindestens eine weitere Motivation haben, sich für Glyphosat einzusetzen.

[Erklärung]  
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