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Navi für die Energiewende

Vor einem Jahr begann das größte Forschungsprojekt für die Energiewende. Das Kopernikus-Projekt soll einen Masterplan für den Umbau des Energiesystems liefern. Nun ziehen die Wissenschaftler in Berlin Zwischenbilanz.

Aus Berlin Benjamin von Brackel

Karl-Eugen Huthmacher ist wütend. Der Beamte leitet die Abteilung "Zukunftsvorsorge – Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit" im Bundesforschungsministerium. Aber was er in den vergangenen Tagen im politischen Berlin beobachtet hat, ist so gar nicht nachhaltig. "Wir in den Ministerien stehen alle noch etwas unter Schock", sagt er am Donnerstag im Umweltforum Berlin auf einer Konferenz von Energieexperten.

BildEin Navigationsgerät für die Energiewende – das wollen Hunderte Forscher im Rahmen des Kopernikus-Projekts entwickeln. (Foto: Pxhere)

"Ehrlich gesagt bin ich schon ein bisschen sauer über das Politikversagen, das wir erleben müssen", spielt er an auf die FDP, welche die Jamaika-Sondierungsverhandlungen platzen ließ, obwohl eine Einigung Teilnehmern zufolge zum Greifen nah war. "Es gibt weitaus größere Probleme zu lösen als den Soli – zum Beispiel die Energiewende."

Genau deswegen ist Huthmacher hier. Im Umweltforum Berlin, einer ehemaligen Kirche, haben sich 200 Experten versammelt, das geballte Fachwissen in Sachen Energiewende.

Sie sind Teil des bislang größten Forschungsprojekts zum Thema. Im April 2016 hat es Huthmachers Chefin Johanna Wanka (CDU) auf den Weg gebracht: 400 Millionen Euro gab ihr Ministerium für die sogenannten Kopernikus-Projekte, die auf zehn Jahre angelegt sind und sich in vier Teilprojekte aufteilt: Netze, Speicher, Industrieprozesse und Systemintegration.

An diesem Donnerstag wird in Berlin nach dem ersten Jahr Bilanz gezogen – zumindest für den letztgenannten Bereich, der irgendwie auch alle anderen beinhaltet: Das Projekt E-Navi.

Es ist ein gewaltiger Anspruch: Ein Navigationsinstrument soll für die Energiewende her. Es geht darum, Netze, Speicher und Kraftwerke, aber auch die Wärmeversorgung und den Verkehr so zu harmonisieren, dass alles möglichst wenig Geld kostet, ständig Strom fließt und trotzdem möglichst schnell der Umstieg von fossilen Energien auf erneuerbare Energien klappt. Und das alles bitte europaweit und bis 2050. Mit anderen Worten: der Masterplan für die Energiewende.

Von der Realität überholt

Die Vorstellung nach dem ersten Jahr Arbeit fällt allerdings noch etwas vage aus. So sprechen die Redner mehrfach davon, dass sie sich mit Problemen befassen wollen wie dem, dass es mitunter für das Klima nichts bringe, wenn Deutschland mehr tut als andere europäische Länder, weil durch das Emissionshandelssystem dann anderswo in Europa mehr CO2-Emissionen ausgestoßen werden können. Auch der Kohleausstieg ist ein zentrales Thema der Forscher. Erste Politikempfehlungen wollen sie im kommenden März abgeben.

Nur: In der Zwischenzeit gab es einen Durchbruch bei der Reform des Emissionshandels – einzelnen Mitgliedsstaaten ist es nun erlaubt, mehr zu tun als die anderen und entsprechend viele Zertifikate einfach zu löschen. Und auch beim Kohleausstieg in Deutschland wurde es schon ziemlich konkret in den Jamaika-Verhandlungen, bis allerdings die FDP sich aus dem Staub machte.

Mit anderen Worten: Es scheint, als überhole die Realität die Arbeit der Forscher, die sich doch so schöne langfristige Gedanken über "Interventionsfolgenabschätzung", "Bündel von Transformationspfaden" und "Prozesse der Abwägung und auch des Einbeziehens" machen wollen.

Projektleiter Ortwin Renn vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam gibt zu, dass man nicht immer sofort auf aktuelle Entwicklungen reagieren kann. Andererseits gebe es auch viele Aspekte der Energiewende, die sich nicht "von alleine" erledigen würden. Die Wärmewende zum Beispiel.

Immer noch versorgt sich Deutschland zu 85 Prozent aus fossilen Energiequellen, um zu heizen und zu kühlen. Zu schleppend sanieren Hausbesitzer ihre Häuser oder lassen neue bauen – und selbst in jedem zweiten Neubau wird immer noch mit fossiler Energie geheizt.

Deshalb müsse der Politik aufgezeigt werden, wie sie am besten die fossilen Brennstoffe durch Geothermie, Solarthermie und Biomasse ersetzt, wie sie Strom zur Wärmegewinnung einsetzt und mit Hilfe von intelligenten Reglern die Wärmeverschwendung in den Häusern senkt. "80 Prozent der Wohnungen stehen 80 Prozent des Tages leer", sagt Renn. "Und die meisten heizen währenddessen."

"Uns geht es um die langfristigen Ansätze"

Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung warnt, nicht die falschen Ansprüche an das Projekt zu stellen. "Das wäre eine völlige Überforderung, wenn wir ad hoc reagieren müssten", sagt der Klimaökonom. "Uns geht es um mittel- bis langfristige Optionen, wir wollen die großen Lösungsansätze aufzeigen bis zur Mitte des Jahrhunderts."

Im Grunde geht es um die Frage, wie sich ein Langfristprojekt wie die Energiewende mit ständig wechselnden Regierungen überhaupt zum Erfolg führen lässt. Er werde immer nervös, wenn Forderungen nach schnellen Lösungen für die Energiewende aufkommen, sagt Edenhofer.

"Wo sind wir denn gelandet mit den vielen schnellen Lösungen?", fragt er und erinnert an die unzähligen EEG-Reformen, die sich nach Modethemen wie Bezahlbarkeit oder Marktintegration richteten, nun aber dazu geführt haben, dass der Ausbau weit langsamer abläuft als eigentlich notwendig. Bis zu einem vollständig dekarbonisierten Stromsystem ist es aber noch ein weiter Weg; darüber hinaus braucht es noch einmal gewaltige Mengen an Ökostrom, um den Verkehr zu elektrifizieren und die Häuser zu beheizen.

Auch der Kohleausstieg sei in den Papieren der Jamaika-Sondierer mehr oder weniger auf eine Gigawatt-Angabe der abzuschaltenden Kraftwerksblöcke begrenzt gewesen, sagt Edenhofer. Für den großen Wurf brauche es da schon mehr.

Wie der aussehen soll, wollen die Forscher in verschiedenen Szenarien durchtesten und diese dann zum Teil unter realen Bedingungen erproben, um etwa herauszufinden, wie die Verbraucher reagieren. Und das für alle drei Bereiche Strom, Verkehr und Wärme. So sollen etwa 600 Haushalte in Anhalt mit Smart Metern ausgestattet werden, also intelligenten Messsystemen.

BildBaustelle Energiewende: Für einen Langfristplan waren die politischen Zyklen immer zu kurz. (Foto: ec.europa.eu)

All das soll am Ende in Empfehlungen für die Politik münden. Wie ein Beipackzettel für Medikamente: Was passiert, wenn die Regierung eine Quote für Elektroautos einführt, was, wenn sie eine CO2-Steuer einführt, was, wenn sie die Benzinpreise erhöht?

Für den Koalitionsvertrag einer neuen Bundesregierung dürfte das wohl zu spät sein – falls es nicht zu Neuwahlen kommt. Das sei aber ja auch gar nicht der Zweck des Projekts, wiederholt Edenhofer. Allerdings, wenn man ihn frage, was es kurzfristig bräuchte in Sachen Energiewende, dann sei das ein CO2-Preis.

[Erklärung]  
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