"Es geht um Millionen Menschenleben"

BildTag neun beim Klimagipfel in Bonn: Zum Auftakt der heißen Phase der Verhandlungen übergeben Klimaforscher zehn "Must-know"-Fakten zum Klimawandel an die Verhandler der 197 Staaten. Sie warnen vor mehr Infektionskrankheiten und unberechenbaren Wetterereignissen – Klimaschutz sei eine Frage von Leben und Tod.

Aus Bonn Susanne Götze

Der Stand der Klimawissenschaft runtergekürzt auf zehn Fakten: Wofür der jüngste Bericht des Weltklimarats IPCC über 2.000 Seiten brauchte, präsentierten die wohl bekanntesten Klimaforscher der Welt – Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre und Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung – am Montag in Bonn auf nur 13 Seiten.

BildKlimawandel macht immer mehr Menschen krank: Die Regierungen machen sich das nicht genügend klar, sagen Klimaforscher. (Foto: Frank C. Müller/​Wikimedia Commons)

Die "Handreichung" soll die 197 Vertragsstaaten auf dem Klimagipfel zum Handeln motivieren. Für die Chefin des UN-Klimasekretariats ist das ein großer Fortschritt in der Klimakommunikation. "Wir haben immer noch Probleme, vielen Menschen und Politikern die Dringlichkeit des Themas nahezubringen", sagt Patricia Espinosa. 

Die handliche Fassung des aktuellen Forschungsstandes hat es in sich. Nach ihrer Lektüre dürften die Verhandler, gemessen am gesunden Menschenverstand, entweder einsichtig Tempo und Ambitionen nach oben schrauben oder das Papier lieber erst gar nicht gelesen haben. Denn die zehn Fakten lesen sich wie eine Dystopie.

Den Anstieg des Meeresspiegels oder die Zunahme von Extremwetter haben die Forscher in dem Papier direkt mit der Gefahr um Leib und Leben von Millionen, ja vielleicht Milliarden Menschen zusammengedacht: Steigen die globalen Durchschnittstemperaturen, dürften bis Ende des Jahrhunderts allein zwei Drittel der europäischen Bevölkerung von Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Starkregen oder Sturmfluten betroffen sein – 2010 waren es gerade mal fünf Prozent.

Durch Extremwetter wie starke Wirbelstürme oder sintflutartige Regenfälle sterben weltweit nicht nur Menschen, viele erkranken auch körperlich und tragen Traumata davon. Die Folgen eines außer Kontrolle geratenden Klimasystems lassen bereits heute Infektionskrankheiten ansteigen, in einigen Erdteilen kehren bereits ausgerottete Krankheiten wie Dengue-Fieber zurück oder die Zahl der Hitzetoten in Städten klettert jedes Jahr weiter.

"Es geht um viele Menschenleben, die in Gefahr sind", sagt Schellnhuber. "Wenn der Monsun aufgrund globaler Kettenreaktionen ausbleibt oder zu stark ausfällt, sind mit einem Schlag Millionen von Menschen betroffen." Klimawandel mache die Menschen krank und gefährde ihr Leben, ob durch Ertrinken, Hitze oder Hunger, so die drastische Warnung des Klimaforschers. "Es geht nicht nur darum, dass es in einigen Erdteilen etwas trockener und in anderen etwas nasser wird", erklärt der Chef des Potsdam-Instituts.

Kipp-Punkte in Sicht

Sorgen machen sich die Wissenschaftler vor allem um die sogenannten Kipp-Elemente im Klimasystem. Bei denen werden Ökosysteme durch den menschlichen Einfluss so stark zerstört, dass sie wiederum andere klimatische Prozesse negativ beeinflussen. So könnte beispielsweise das schmelzende Eis in Grönland das Weltklima und damit auch Wetterereignisse irreversibel verändern.

Bleibt die Welt auf dem heutigen Emissionspfad – nationale Klimaziele des Paris-Abkommens eingeschlossen – erwärmt sich die Welt um durchschnittlich vier bis sechs Grad, mahnt Klimaforscher Schellnhuber. Bei einem solchen Szenario würden sehr wahrscheinlich zehn der dreizehn gefährlichsten Kipp-Punkte eintreten, darunter das Zusammenbrechen der "grünen Lunge" der Welt, des Amazonaswaldes, sowie der Sahel-Zone, in der Millionen Menschen leben. 

Während einige Kipp-Elemente wie Korallenriffe oder arktisches Eis schon beginnen zu kollabieren, werden andere nach den aktuellen Berechnungen erst ab drei oder vier Grad globaler Erwärmung "umfallen". Bisher galten die Kipp-Punkte im Klimasystem als schwer zu kalkulierende Größe, deren zeitlichen Verlauf zu bestimmen besonders schwierig ist. "Aber je genauer die Berechnungen werden, desto näher rücken die Kipp-Elemente", so Schellnhuber.

Ob die Delegationen sich von dem Papier beeindrucken lassen, muss sich zeigen. Eigentlich sind sie laut Klimaabkommen dazu verpflichtet. "Die Vertragsstaaten müssen in ihren Entscheidungen den aktuellen Stand der Forschung berücksichtigen", zitiert Johan Rockström den Paris-Vertrag.

Aber er hat auch eine gute Nachricht: "Wenn wir weiter so in erneuerbare Energien investieren, können wir im Jahr 2045 alle fossilen Energien ersetzt haben."

BildWas sich beim Taifun "Haiyan" in Südostasien andeutete, haben Wirbelstürme wie "Irma" in diesem Jahr "vollbracht". Letzterer machte ganze Karibik-Inseln unbewohnbar. (Foto: Eoghan Rice-Trócaire/​Wikimedia Commons)

Allerdings handelt es sich bei dem, was die Forscher dabei voraussetzen, um exponentielles Wachstum. In der steilen Kurve nach oben, das gibt auch Rockström zu, sind politische oder wirtschaftliche Unebenheiten – die leider in der Menschheitsgeschichte gang und gäbe sind – nicht einkalkuliert. Zum Beispiel Phänomene wie Donald Trump.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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