2017 neuer CO₂-Peak in der Welt

BildEs ist vor allem ein psychologischer Rückschlag im Kampf gegen den Klimawandel: Die weltweiten CO2-Emissionen durch Kohle-, Öl- und Gas-Verbrennung und die Industrie werden dieses Jahr wieder ansteigen. Das geht aus einer Nature-Studie hervor, die heute erschienen ist.

Aus Bonn Benjamin von Brackel

Eigentlich hatte sich die Welt schon auf einem guten Weg gesehen: Der Höhepunkt beim globalen Ausstoß von Treibhausgas-Emissionen schien erreicht. Drei Jahre in Folge stagnierten zuletzt die CO2-Emissionen, und das trotz anhaltenden Wachstums weltweit.

BildDie stark sinkenden Kosten der Erneuerbaren verbessern aus Sicht der Forscher die langfristigen Klimaschutz-Perspektiven. (Foto: J. Chantraine/​Wikimedia Commons)

Doch nun sagen Klimaanalytiker in einer heute erschienenen Studie im Fachblatt Nature Climate Change für dieses Jahr einen erneuten Zuwachs der Emissionen von etwa zwei Prozent voraus, verglichen mit dem Vorjahr. Bestätigt sich die Prognose, wird die Menschheit so viel Kohlendioxid ausstoßen wie nie zuvor. Vorgelegt haben die im "Global Carbon Project" zusammengeschlossenen Wissenschaftler außerdem eine aktuelle Vorhersage für die Erderwärmung bis 2100.

Mitautorin Corinne le Quéré, Direktorin des Tyndall- Zentrums für Klimawandelforschung an der Universität von East Anglia, nennt die Zahlen für 2017 "sehr enttäuschend". "Die Zeit läuft uns davon in unserem Bestreben, die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten geschweige denn auf 1,5 Grad."

Anstieg in China, Stagnation in USA und Europa 

Hauptgrund für den Rückschlag ist das Wiedererstarken der chinesischen Wirtschaft. China ist für 28 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, kein Land der Erde stößt in absoluten Zahlen mehr Treibhausgase aus. Die Konjunktur-Ausschläge der chinesischen Wirtschaft bestimmen deshalb maßgeblich den weltweiten Trend. Und dieses Jahr zog die Ökonomie des Landes wieder an, mit einem Plus bei der Wirtschaftsleistung von knapp sieben Prozent.

Weil die Industrie also mehr produzierte und die Wasserkraftwerke des Landes infolge eines regenschwachen Jahres weniger Energie lieferten, legte der Kohleverbrauch in China um drei Prozent zu. Und das ließ die Emissionen des Landes nach zwei Jahren Stagnation wieder ansteigen, und zwar um 3,5 Prozent.

Aber auch der Westen ist noch nicht auf dem richtigen Pfad. Zwar sanken die Emissionen in den USA und Europa – allerdings nur leicht. "Der Rückgang reicht nicht aus, um das Emissionswachstum in den Entwicklungsländern auszugleichen", sagt Mitautor Glen Peters, Forschungsdirektor am Klimaforschungszentrum Cicero in Oslo.

Gute Nachrichten aus Indien

Es gibt dennoch gute Nachrichten: In 22 Ländern gingen in den vergangenen zehn Jahren die Emissionen trotz einer wachsenden Wirtschaft zurück. "Das zeigt, dass es möglich ist, Wirtschaftswachstum und CO2-Ausstoß zu entkoppeln", sagt le Quéré.

Positiv vermerken die 76 Forscher von 57 Institutionen aus 15 Ländern in ihrem Bericht auch die Entwicklung in Indien, dem viertgrößten CO2-Emittenten der Welt. Dort ging der Zuwachs bei den CO2-Emissionen von sechs Prozent pro Jahr in der vergangenen Dekade auf zwei Prozent in diesem Jahr zurück.

Um allerdings die Erderwärmung noch in den Griff zu bekommen, muss die Welt in den nächsten Jahren ihren Höhepunkt beim CO2-Ausstoß erreicht haben und bis 2050 auf null kommen. Weil Länder wie Indien in ihrer Entwicklung aufholen müssen und mehr Zeit für die Dekarbonisierung benötigen, müssen die Industrieländer schon vorher ihre Wirtschaft unabhängig von Kohle, Öl und Gas machen – am besten spätestens 2040. Das spiegelt sich bislang weder im Klimaziel der EU noch in dem Deutschlands wider.

Derzeit stoßen Industrie und fossile Kraftwerke nach den Angaben weltweit 37 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus. Hinzu kommen Emissionen aus Landnutzungsänderungen, etwa durch die Rodung von Waldflächen, die bislang CO2 speicherten, womit insgesamt ein Plus von rund 41 Milliarden Tonnen CO2 in diesem Jahr zu Buche stehen wird.

Langfristige Prognose verbessert sich leicht

Verändert man allerdings die Perspektive und blickt nicht nur auf 2017, sondern weiter darüber hinaus, kann man einen erfreulicheren Trend erkennen: Die langfristigen Prognosen verbessern sich. Hier haben die Klimaanalytiker ihre bisherige Voraussage für die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts korrigiert: Mit den derzeitigen politischen Maßnahmen aller Länder steuere die Welt auf eine Erderwärmung von 3,4 Grad bis 2100 zu. Das sind 0,2 Grad weniger als noch vor einem Jahr vorausgesagt.

Nur auf den ersten Blick erscheint es paradox, dass für diese Bilanz abermals vor allem China verantwortlich ist. Dort hat sich das Wachstum der CO2-Emissionen stark abgeflacht. Wuchsen die Emissionen des Landes im gesamten ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends noch um 110 Prozent, so sackte das CO2-Wachstum zwischen 2010 und 2015 auf 16 Prozent ab. China dürfte sein selbst gestecktes Klimaziel – ab 2030 soll der CO2-Ausstoß sinken – deutlich übertreffen.

Auch Indien hat bei seiner Klimapolitik angezogen. Die Regierung hat ehrgeizige Pläne beim Ausbau der Erneuerbaren.

"Seit einem Jahr haben die Regierungen substanzielle Schritte getan, um ihre Klimapolitik zu verbessern", sagt der Klimaanalytiker Niklas Höhne vom New Climate Institute in Potsdam. "Und das hatte einen wahrnehmbaren Effekt auf die Projektion der weltweiten Emissionen."

Trump sorgt für Knick bei den Klimazielen

Als Grund führt Höhne an, dass die Ökoenergien immer billiger werden und es damit weniger attraktiv wird, Kohle zu fördern und zu verbrennen. Auch die Elektromobilität spiele eine Rolle, die nun weltweit gefördert wird.

Die Klimaanalytiker haben auch ausgerechnet, wohin sich die Welt bewegt, wenn alle Länder ihre Klimaziele erfüllen, die sie im Rahmen des Paris-Abkommens abgegeben haben. In dem Fall wären wir auf einem Pfad in Richtung 3,2 Grad Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts.

BildWeil der Energiehunger wieder stieg und weniger Strom aus Wasserkraft zur Verfügung stand, stießen Chinas Kohlekraftwerke mehr CO2 aus. (Foto: Tobias Brox/​Wikimedia Commons)

Im vergangenen Jahr waren die Analytiker auf nur 2,8 Grad Plus gekommen. Diese Korrektur ins Negative lässt sich auf ein einziges Land zurückführen – die USA. Donald Trump will aus dem Paris-Abkommen aussteigen und sich nicht länger zu Klimaschutzmaßnahmen verpflichten.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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