"Haben jetzt 'chronische' Umweltprobleme"

BildDas Freiburger Öko-Institut wird 40 Jahre alt – es entstand 1977 aus der Anti-Atomkraft-Bewegung heraus und entwickelte das Konzept der Energiewende. Rainer Grießhammer, der seit mehr als 30 Jahren am Institut arbeitet, lässt Revue passieren, was die Umweltpolitik seither erreicht hat – und prognostiziert, was das kommende Jahrzehnt bringen wird.

Der Chemiker Grießhammer forscht vor allem zum produktbezogenen Umwelt- und Klimaschutz und zur nachhaltigen Industriepolitik. Zurzeit ist er in der Geschäftsführung des Öko-Instituts. Er war Mitglied in Beiräten der Bundesregierung, berät die Stiftung Warentest und schreibt Bücher ("Der Öko-Knigge", "Der Klima-Knigge").

klimaretter.info: Herr Grießhammer, das Öko-Institut wird 40 Jahre alt, Sie selbst sind fast von Anfang an dabei. Was haben die früheren "Turnschuh-Wissenschaftler" erreicht?

Rainer Grießhammer: Eine ganze Menge – und mehr, als damals zu erwarten war. Die Gründungsidee des Öko-Instituts war es, die Umweltbewegung wissenschaftlich zu unterstützen. Mit unseren Studien und der Öffentlichkeitsarbeit haben wir wesentlich zu einer ganzen Reihe von Erfolgen beigetragen: Die damals massive Verschmutzung von Luft, Wasser, Böden und Lebensmitteln wurde gestoppt, Problemchemikalien wie der Ozonkiller FCKW oder das Holzschutzmittel Pentachlorphenol verboten und hochriskante Atomkraftwerke, der Schnelle Brüter und die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf wurden nicht gebaut.

Und wir haben die Wissenschaft methodisch weiterentwickelt. Der Fokus auf gesellschaftliche Probleme und deren Lösung mit interdisziplinärer Bearbeitung und Einbezug der Praxis ist heute als transdisziplinäre Methodik anerkannt und wird nun auch in den Programmen des Bundesforschungsministeriums und der EU eingefordert.

Ziehen Sie bitte eine Bilanz von vier Jahrzehnten Umweltpolitik: Welche Probleme sind gelöst, welche nicht?

Die meisten akuten Umweltprobleme sind gelöst – durch zwar lange umstrittene, aber letztlich einfache Lösungen: den Einbau von Filtern und Katalysatoren, den Ersatz von Chemikalien durch unproblematischere oder durch Einführung einer geordneten Abfallwirtschaft.

Die grundlegenden Strukturen von Produktion und Konsum wurden aber nicht geändert, dadurch haben sich die großen, "chronischen" Umweltprobleme aufgebaut: der Klimawandel, das Plastik in den Weltmeeren, der massive Verlust an Biodiversität und das nun deutlich werdende Bienen- und Insektensterben.

BildSo sahen die Anfänge im Freiburger Öko-Institut aus...(Foto: Öko-Institut)

Das bedeutet doch: Es ist eine grundlegende Transformation in praktisch allen Sektoren nötig – nicht nur bei der Stromversorgung, sondern auch in der Landwirtschaft, Industrie, Mobilität und bei den Gebäuden. Ist das überhaupt zu schaffen?

Wenn man es wirklich will: Ja.

Vom Entwurf der Energiewende durch Ihr Institut im Jahr 1980 bis heute, wo wir ein Drittel Ökostrom nutzen, hat es allerdings fast 40 Jahre gedauert ...

Solche durchgreifenden Transformationen dauern tatsächlich Jahrzehnte. Zum einen gibt es einen massiven Widerstand aus den alten Strukturen, zum anderen müssen große Infrastrukturen geändert werden, etwa bei der Stromerzeugung, beim Tankstellennetz oder beim Gebäudebestand. Am Anfang einer Transformation braucht es lange, bis die Probleme in der Mehrheit der Gesellschaft gesehen und Lösungen eingefordert werden. Durch diese Phase sind wir bei der Mobilität, Landwirtschaft und Ernährung aber schon durch.

Wie kann die Transformation trotzdem schneller werden?

Die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen haben sich in den letzten Jahrzehnten außerordentlich beschleunigt. Die Energiewende-Studie haben wir im Institut noch auf Schreibmaschine und mit Kohlepapier-Durchschlägen getippt. Die jungen Leute fragen sich heute, wie man ohne Smartphone überleben konnte.

Die Digitalisierung – auch eine Transformation, aber im radikalen Stil der industriellen Revolutionen – trägt erheblich zu einer Beschleunigung der Energie- und Mobilitätswende bei, obwohl sie gar kein ökologisches Ziel hat. Multimodale Mobilität, autonome Autos oder die Steuerung von 1,5 Millionen Solar- und Windkraftanlagen sind ohne Digitalisierung nicht denkbar.

Sind die Bürger denn aber bereit, bei der Transformation mitzumachen? Digitalisierung heißt ja auch: Handys und Computer werden immer schneller ausgemustert. Und: Die SUV-Verkäufe boomen, das Drei-Liter-Auto war hingegen ein Ladenhüter. Oder: Die Grünen trauen sich nicht mehr, einen Veggieday zu propagieren.

Tatsächlich ändert sich Verhalten nur langsam. Aber wenn die Alternativen attraktiv sind, wie etwa bei den E-Bikes, geht das schnell. Wenn in wenigen Jahren Elektroautos billiger sind, die Reichweite größer und das Ladenetz da ist, werden die klassischen Autos zum Ladenhüter. Die Grünen leiden darunter, dass ihre progressiven Vorschläge von den Gegnern der Transformation gezielt diffamiert werden. Gegen den fleischlosen Freitag, den Veggieday der beiden Kirchen, hat die Bild-Zeitung merkwürdigerweise nie protestiert.

Sie sagen: Es gibt in Deutschland Überflusskonsum. Neue Handys nur alle zehn Jahre können Sie kaum anordnen ...

Individuelles Verhalten wollen wir gar nicht anordnen, schon gar nicht, ob jemand viel oder wenig Fleisch isst, Auto oder Fahrrad fährt, oder wann ein attraktiveres Gerät gekauft wird. Allerdings wollen wir nicht, dass die Gesellschaft wie bislang die externen Kosten für die massiven Umweltschäden und Gesundheitsschäden trägt. Um das zu ändern, müssen die externen Kosten internalisiert werden.

BildDas Freiburger Institut heute. (Foto: Öko-Institut)

Aber greift dann nicht der Staat in den privaten Konsum ein?

Das macht er doch schon längst, nur in die falsche Richtung. Das Fliegen wird mit Verzicht auf die Kerosinsteuer und Mehrwertsteuer massiv gefördert, die Autos mit Abwrackprämien, mit dem Dienstwagen-Privileg, mit 4.000 Euro für Elektroautos.

Ist eine "Grüne Wirtschaft" in einem auf Wachstum gepolten System überhaupt möglich?

Die theoretische Klärung der Wachstumsfrage kann noch lange dauern. Die zentrale Frage ist doch, was wachsen und was schrumpfen soll. Wir wollen, dass nachhaltige Produktionen und Konsummuster wachsen und nicht-nachhaltige verschwinden. Unabhängig davon erfordern das Postwachstums-Konzept und die wachstumsorientierten Konzepte wie die ökologische Modernisierung die gleichen Maßnahmen: Internalisierung der externen Kosten und Abbau der umweltschädlichen Subventionen. Bevor man sich im Elfenbeinturm zerstreitet, könnte man ja mal damit anfangen ...

Einige Umweltforscher halten es für nötig, den Rohstoffeinsatz um den Faktor zehn zu reduzieren. Ist das drin? Dann könnte die Wirtschaft auch weiter wachsen ...

Natürlich kann der Rohstoffeinsatz auch bei wirtschaftlichem Wachstum und steigender Weltbevölkerung reduziert werden. Eine Reduktion um den Faktor zehn geht zwar bei einzelnen Produkten, aber nicht in der Breite. Unsere aktuelle Studie "Rohstoffwende 2049" zeigt, dass man selbst mit starken Vorgaben – weniger Wohnraum pro Kopf, weniger Pkw pro Kopf, hohe Recyclingquoten – mit Mühe einen Faktor zwei erreicht. Allein schon die Reparatur der maroden Straßenbrücken und die Instandhaltung des Gebäudebestands erfordern einen hohen Einsatz an Rohstoffen.

Ihr Institut hat zum Jubiläum eine Vision für eine nachhaltige Gesellschaft entworfen. Was wären die wichtigsten Maßnahmen, um diesen Weg einzuschlagen?

Die Internalisierung der externen Kosten, die jährlich bei mehreren hundert Milliarden Euro liegen. Der Abbau der umweltschädlichen Subventionen – das Umweltbundesamt bezifferte sie 2012 auf 57 Milliarden. Für die erforderlichen Transformationen eine Reihe sektorspezifischer Maßnahmen. Und eine wirklich nachhaltige öffentliche Beschaffung – sie hat in Deutschland ein jährliches Volumen von rund 360 Milliarden Euro und kann einen wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaft ausüben.

Die umweltschädlichen Subventionen abzubauen und die externen Kosten zu internalisieren klingt einleuchtend, doch die Gegenwehr ist groß. Gibt es einen Weg, sie zu überwinden?

Es muss noch mehr herausgestellt werden, dass die extrem hohen Kosten von uns allen als Steuerzahler getragen werden. Von einer Steuergerechtigkeit sind wir damit Lichtjahre entfernt. Mit mehr Umwelt- und Klimaschutz können die externen Kosten erfreulicherweise stark reduziert werden. Für die Internalisierung kann man ordnungsrechtliche Beschränkungen und finanzielle Instrumente wie Steuern oder mengenbasierte Instrumente wie den Emissionshandel einsetzen.

Neue Umweltprobleme können durch den rasanten Wandel bei den Technologien entstehen, wie man das bei der Digitalisierung oder der Gentechnik sieht. Wie kann man das in den Griff bekommen?

Wir können nicht mehr wie bisher warten, bis neue Technologien sich etabliert haben und Umweltprobleme auslösen. Schon bei der Technologie-Vorschau muss der mögliche Regulierungsbedarf erfasst werden. Wir brauchen neue, flexiblere Instrumente, wie etwa die zeitlich und regional befristete Erprobung von Instrumenten, sogenannte regulatorische Innovationszonen. Beispielsweise könnte man in einzelnen Städten eine flächendeckende Tempo-30-Regelung erproben. 

Es sieht so aus, als ginge Ihrem Institut die Arbeit so schnell nicht aus. Was werden die Themen beim 50. Jubiläum sein?

Leider wohl neue Probleme, zum Beispiel durch Tausende unüberlegter und unregulierter Eingriffe durch die neue Technologie Genome Editing. Der Klimawandel wird dann wohl noch deutlicher sein. Nach wie vor müssen wir einen GAU in Atomkraftwerken befürchten, zum Beispiel in den grenznahen Uralt-AKWs oder in Krisengebieten wie der Ukraine oder Korea.

BildDas Öko-Institut hat vor vier Jahrzehnten das Konzept der Energiewende entwickelt. Heute muss es etwas schneller gehen. (Foto: Crux/​Wikimedia Commons)

Aber natürlich gibt es auch Hoffnung: Die Energiewende wird zum weltweiten Erfolgsmodell, der Kohleausstieg wird vereinbart und kommt in Gang, in den betroffenen Regionen werden große Batteriewerke aufgebaut. Der ländliche Raum und der ÖPNV werden revitalisiert, unter anderem durch autonom fahrende Busse. Der Wohnraumbedarf pro Kopf sinkt. Singles haben jetzt nicht mehr ein extra Bibliothekszimmer, sondern 1.000 Bücher auf dem E-Book-Reader. Ach ja – und das letzte deutsche AKW wurde dann schon bei unserem 45. Jubiläum im Jahr 2022 abgeschaltet.

Interview: Joachim Wille

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