Für zwei Grad bleiben noch zwölf Jahre

Das CO2-Budget, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten, schrumpft schnell. Noch ist die Klimakatastrophe abwendbar, aber der Zeitrahmen dafür wird eng: Ganze zwölf Jahre bleiben der Menschheit, bis die Emissionen an der selbst gesetzten Zielmarke kratzen.

Von Christian Mihatsch und Sandra Kirchner

Bei den weltweiten Kohlendioxid-Emissionen ist die Trendwende bereits eingeläutet: Seit 2014 verharren sie auf hohem Niveau: Für 2016 wird der Treibhausgasausstoß auf 35,8 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent geschätzt. Vor allem das verringerte Zubau von Kohlekraftwerken in China und den USA waren hierfür Auslöser – auch aus der Ausbau der erneuerbaren Energien in China und Indien.

BildDie weltweiten CO2-Emissionen stagnieren bereits, doch die gesamten klimaschädlichen Emissionen werden wohl noch bis 2030 wachsen. (Grafik: IEA)

Doch die Kehrtwende ist längst noch nicht geschafft: Die gesamten Treibhausgasemissionen – einschließlich Methan und Lachgas – beliefen sich im Vorjahr auf 52,7 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent. Und sie sollen bis 2030 noch steigen: wenn auch nur geringfügig auf 53 Milliarden Tonnen. Dann sind aber schon über 80 Prozent des verbleibenden CO2-Budgets aufgebraucht, um die Erderwärmung im Mittel auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. 

Doch um die Ziele des Pariser Klimaabkommen zu erreichen, müssen die Emissionen schnell und zügig sinken. Die Selbstverpflichtungen der Staaten werden aber kaum ausreichen, um die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. Dem heute veröffentlichten Emissions Gap Report des UN-Umweltprogramms zufolge wird sich die mittlere Erdtemperatur, selbst wenn die Staaten ihre Klimaschutzzusagen einhalten, um drei Grad erhöhen – im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung.

Die Staaten müssen also nachbessern und ihre Anstrengungen erhöhen: "Wir tun bei Weitem nicht genug", mahnt deshalb Erik Solheim, der Chef des UN-Umweltprogramms Unep. Bis 2030 müssten die Emissionen auf 42 Milliarden Tonnen fallen. Mit den bisherigen Zusagen der Staaten würde diese Zielmarke um elf bis 13,5 Milliarden Tonnen verfehlt.

Das ist nicht nur machbar sondern auch bezahlbar, wie der Unep-Bericht zeigt. Besonders wichtig ist eine Reduktion des Kohleverbrauchs: "Zwischen 80 und 90 Prozent der weltweiten Kohlereserven müssen im Boden bleiben." Für Öl und Gas liegt dieser Wert mit 35 und 50 Prozent deutlich niedriger.

Folglich sollten keine neuen Kohlemeiler mehr genehmigt und bestehende möglichst schnell stillgelegt werden. Erreichen lässt sich dies mit einem CO2-Mindestpreis oder einem "Ausstiegsgesetz" – zwei Maßnahmen, die in Deutschland die Grünen in den aktuellen Koalitonsverhandlungen fordern.

Die Technologien und das Geld sind vorhanden 

Um die globale Lücke von elf Milliarden Tonnen zu schließen, reicht ein weitgehender Kohleausstieg bis 2030 aber nicht aus. Die Zahl der erforderlichen Maßnahmen bleibt laut Unep trotzdem überschaubar:

  • der Ausbau von Solar- und Windenergie,
  • energieeffiziente Haushaltsgeräte und Autos und
  • ein Stopp der Entwaldung sowie die Wiederaufforstung geeigneter Flächen.

So lassen sich die Emissionen bis 2030 um 15 bis 22 Milliarden Tonnen reduzieren. Dabei "können all diese Maßnahmen mit bescheidenen Kosten realisiert und mit bewährten Politikansätzen erreicht werden". Um die Welt in den nächsten zwölf Jahren auf einem Zwei-Grad-Pfad zu halten, sind also weder neue technische Erfindungen noch politische Experimente erforderlich.

Die Umsetzung der vom Unep vorgeschlagenen Maßnahmen hätte zudem weitere Vorteile, wie Solheim sagt: "Indem wir unsere Abhängigkeit von fossilen Energien reduzieren, machen wir unsere Volkswirtschaften integrativer und stabiler. Wir retten Millionen von Menschenleben und reduzieren die immensen Gesundheitskosten, die durch Umweltverschmutzung entstehen."

Aus Sicht von Solheim ist daher klar: "Klimaschutz ist keine Bürde, sondern eine beispiellose Chance." Sie zu nutzen sei aber nicht nur die Aufgabe von Regierungen, sondern auch die der Wirtschaft.

BildDie großen Unternehmen sollen mehr zum Erreichen der Klimaziele beitragen – aus eigenen Interesse. (Foto: Kris Krüg/​Flickr)

Die hundert Firmen mit den höchsten Emissionen sind laut Unep für rund ein Viertel der globalen Emissionen verantwortlich. Noch würden die Maßnahmen der Wirtschaft aber nicht ausreichend statistisch erfasst. Die UN-Agentur hofft daher, dass die Wirtschaft bis 2030 mehrere Milliarden Tonnen an Emissionen zusätzlich zu den Klimplänen der Länder einsparen kann. Aus diesem Grund will Solheim auch nicht länger von "Umweltproblemen" reden, sondern von "wirtschaftlichen und sozialen Chancen".

Ob dieser Perspektivwechsel auch bei den Politikern angekommen ist, zeigt sich schon bald: bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin und ab nächster Woche bei den Klimaverhandlungen in Bonn.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Einfach mal ernst nehmen

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