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BioArt: Intelligente Pilze

Im Art Laboratory Berlin kann man Erfahrungen der besonderen Art machen. In der Ausstellung "Nonhuman Networks" können Besucher sich an der Schnittstelle von Forschung und Kunst ins "Internet der Bäume" einloggen oder einem Schleimpilz beim Erkunden der Umgebung zuschauen.

Aus Berlin Daniela Schmidtke

Pilze als intelligente Organismen zeigt derzeit der Kunstprojektraum Art Laboratory Berlin. In der Ausstellung "Nonhuman Networks" werden dazu zwei künstlerische Forschungen vorgestellt – ein Konnektor zwischen Pilz und Mensch von Saša Spačal, Mirjan Švagelj und Anil Podgornik und die Experimente von Heather Barnett mit einem intelligenten Schleimpilz.

BildIn dieser Kapsel kann sich der Aussstellungsbesucher mit einem Myzel verbinden. (Bild: Saša Spačal, Mirjan Švagelj und Anil Podgornik, Myconnect, Installation, 2014, Damjan Švarc/​Galerija Kapelica)

Pilze, wie wir sie auf dem Waldboden sehen, sind nur die Früchte des eigentlichen Pilzes, der unterirdisch wächst und aus einem sich ausbreitenden fadenartigen Geflecht, den Hyphen, besteht: dem Pilz-Myzel. Es kann sich über mehrere Quadratkilometer erstrecken. In Nordamerika hat man eines von neun Quadratkilometern Ausbreitung gefunden. Damit gehören Pilze zu den größten Lebewesen der Erde.

Mit so einem Myzel arbeitet das interdisziplinäre Kollektiv, bestehend aus der Künstlerin Saša Spačal, dem Biomediziner Mirjan Švagelj und Anil Podgornik, in seinem Projekt "Myconnect", das in der Ausstellung zu sehen ist. Die Künstler interessiert an dem Myzel die Fähigkeit, mit anderen Organismen zu kommunizieren.

Können wir mit Pilzen "sprechen"?

Pilze gehen Symbiosen mit Bäumen und Pflanzen ein. Ihre Hyphen schlingen sich um die Wurzeln und in einer produktiven Partnerschaft tauschen sie Mineralstoffe gegen durch Photosynthese entstehenden Zucker aus. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass auch Informationen über das Myzel an die Partner weitergegeben werden, wenn beispielsweise Nährstoffmangel besteht oder sich Schädlinge nähern. Deshalb wird inzwischen von einem "Internet der Bäume" gesprochen, einem weitverzweigten Netzwerk im Boden.

Für "Myconnect" haben die Künstler ein eigenes Myzel herangezogen. Sie haben eine Kapsel konstruiert, in die sich der Besucher hineinlegen kann, um in einen nonverbalen Austausch mit dem Pilz zu treten. Die Testperson legt sich auf eine in der Kapsel befindliche Liege, unter dem Steiß und unter den Schultern befinden sich Vibrationsüberträger, solche werden auch um Knöchel, Knie, Handgelenke und Ellenbogen gelegt. Vom Daumen wird über einen Sensor der Herzschlag aufgenommen und durch das Myzel geleitet.

Es setzt sich eine Biofeedbackschleife in Gang: Die Vibratoren geben die Reaktion des Myzels auf den Herzschlag an den Körper zurück. Übersetzt wird diese Interaktion außerdem in Lichtflackern, das den Herzschlag anzeigt, und in Sound, den die Testperson über Kopfhörer hört. Das Ganze dauert sechs Minuten. Während dieser Zeit kann sich durch die Interaktion der Herzschlag verändern. So entsteht ein Zwiegespräch, das über das Nervensystem stattfindet.

Die Versuchsanordnung kann man als Verbindung dreier Welten sehen, der technologischen, der menschlichen und der natürlichen. Dem Kollektiv geht es darum, die wechselseitige Abhängigkeit und Durchdringung der drei Welten wahrnehmbar zu machen. Wir stünden mit unserer Umgebung in einem beständigen Austausch, der uns ebenso forme wie wir die Umgebung.

Die Künstler testen mit "Myconnect", welche Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen es gibt und wie sich die Akteure gegenseitig beeinflussen. Spačal erzählt, in ihren eigenen Versuchen werde ihr Herzschlag manchmal ruhiger und ihr Körper entspanne sich. Allerdings seien mehrere Versuche nötig, um diese Erfahrung zu machen. Für viele sei es ein vor allem immersives Erlebnis und sie könnten die gegenseitige Beeinflussung beim ersten Mal nicht bewusst erfassen.

Können wir von Pilzen lernen?

Die zweite Pilz-Forschung, die in der Ausstellung zu sehen ist, stammt von Heather Barnett. Wie das Kollektiv versteht sie sich nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Forscherin und agiert an der Schnittstelle zwischen Kunst und biologischem Design. Gezeigt werden ihre Experimente und Studien mit und über Physarum polycephalum, einen intelligenten Schleimpilz und einen der größten einzelligen Organismen. Es handelt sich genauer gesagt nicht um einen Pilz, sondern um eine Superzelle mit einer Vielzahl von Zellkernen, die der Gruppe der Amöben angehört.

Der Schleimpilz sei von Forschern gut untersucht, meint Barnett. Seine Fähigkeiten, Netzwerke zu bilden und Entscheidungen zu treffen, sowie eine effiziente Vorgehensweise bei der Nahrungssuche werden unter anderem für computergesteuerte Systeme und die Robotik genutzt. Zum Beispiel würde der Schleimpilz in einem Labyrinth, in dem an zwei Punkten Nahrung für ihn positioniert ist, innerhalb kürzester Zeit die beste Verbindung finden.

Beobachten kann der Besucher den Pilz in einer Art Petrischale. In diese hat Barnett ein räumliches Modell der Umgebung des Projektraums eingebaut, das der Physarum polycephalum erkundet. Seine gelblichen Fäden, die sich wie eine Baumstruktur ausbreiten, sind mit bloßem Auge erkennbar. Bei Lichteinfall sind die Spuren seiner Wanderung zu sehen. Der Pilz könne sich erinnern, wo er gewesen sei, sagt die Künstlerin. Die Spuren seien so etwas wie sein Gedächtnis. Im Abtasten erstreckt sich die Struktur über die Umgebung. Der Pilz ist so in der Lage, sich Raumstrukturen zu merken.

Barnett arbeitet mit dem Pilz zusammen, wie sie es nennt. Sie formt mit ihm lebendige Skulpturen, visualisiert seine Ausbreitung und macht daraus Animationen und Filme. Die Künstlerin interessiert außerdem die Übertragung der Bewegung des Pilzes durch unbekanntes Territorium auf menschliches Verhalten und sie lässt Gruppen oder Tänzer nach den Bewegungsregeln des Pilzes agieren. Hierbei testet sie Kooperationsmöglichkeiten, kollektives Verhalten und Wege der nonverbalen Kommunikation aus. "Können wir etwas von dem Pilz lernen?" steht hier als Frage im Hintergrund.

BioArt: Kunst an der Schnittstelle zur Wissenschaft

"Nonhuman Networks" gehört zu einer Ausstellungsserie mit dem Titel "Nonhuman Agents", kuratiert von Regine Rapp und Christian de Lutz, den Leitern des Art Laboratory Berlin. Die Künstler, die sie einladen, arbeiten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Sie forschen im Atelier und im Labor, zum Teil arbeiten sie mit Wissenschaftlern zusammen.  Sie stellen Positionen auf, die sich mit der nichtmenschlichen Perspektive auf unsere Welt beschäftigen, und versuchen, aus dieser Perspektive zu denken, zu forschen und zu kreieren. So sind die Kunstwerke denn auch eher als Experimente und Prozesse zu verstehen und weniger als abgeschlossenes, für sich stehendes Kunstwerk.

Einzuordnen ist die Kunst, die im Art Laboratory Berlin gezeigt wird, in den Kontext der "BioArt" – ein Feld, das sich in den letzten Jahren stärker entwickelt hat und sich zwischen Synthetischer Biologie, Technologie und Ästhetik bewegt. Die Künstler arbeiten mit Lebewesen oder Lebensformen, unter anderem Einzellern, Tieren und Pflanzen. Sie sehen diese als Kollaborateure, mit denen sie interagieren, nicht nur als formbares Material. Der Name ist hier sozusagen Programm.

Den Kuratoren sei wichtig, dass die Künstler, die im Art Laboratory Berlin gezeigt werden, tatsächlich nicht nur künstlerisch, sondern auch wissenschaftlich forschen, erklärt Regine Rapp. Ihnen gehe es darum, in der Reihe "Nonhuman Agents" die anthropozentrische Weltsicht zu hinterfragen. "Eine neue dezentrierte Perspektive lässt uns auf eine Realität blicken, die nicht mehr durch rein anthropozentrische Parameter beschrieben werden kann."

BildDer Schleimpilz in Aktion. (Bild: Heather Barnett, The Physarum Experiments Study No. 022, film still, 2016)

Die Kritik an einem menschenzentrierten Weltbild und Handeln und das Aufzeigen anderer Möglichkeiten machen den Reiz dieser künstlerischen Forschungen aus. Bis zum 26. November ist die Ausstellung noch in der Prinzenallee 34 in Berlin-Wedding zu sehen.

[Erklärung]  
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