Alarmismus hilft nicht

Wie lassen sich die Erkenntnisse der Klimawissenschaft vermitteln, sodass sie auch gehört und verstanden werden? Mit solchen Fragen befasst sich erstmals im deutschsprachigen Raum ein Kongress in Salzburg. Klar wird: Katastrophenszenarien sind genauso schädlich wie ein Herunterspielen der Gefahren.

Aus Salzburg Susanne Götze

Verfehlte Klimaziele, Klimaskeptiker im Bundestag und immer mehr SUV-Verkäufe: Die Gefahren des Klimawandels sind nicht allen in Deutschland wirklich bewusst. Damit die Erkenntnisse der Klimawissenschaftler einen spürbaren Effekt auf die Gesellschaft haben, müssen sie bei den Menschen ankommen. Seit Montag tagt dazu im österreichischen Salzburg der Kongress zu Klimawandel, Kommunikation und Gesellschaft, der erste im deutschsprachigen Raum.

BildFür Kommunikationswissenschaftler und Psychologen ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte: Bild-Schlagzeile vom 14. Juli 2017. (Abbildung: Ausriss aus der Bild-Zeitung)

Veranstalter ist ein Bündnis von fünf Organisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter das Climate Change Centre Austria, das Deutsche Klima-Konsortium sowie das Fachportal Klimafakten.

Vor gezielter Desinformation durch Klima-"Skeptiker", deren Netzwerke besonders in den USA, aber auch in Großbritannien und Frankreich Medien und Öffentlichkeit beeinflussen, warnte der australische Psychologe Stephan Lewandowsky bei der Eröffnung des Kongresses. "Wir müssen diese Leute widerlegen – aber wir müssen das klug machen", erklärte der Forscher.

Die Fake-News der Klimaskeptiker würden sich oft einen kleinen Fakt, etwa einen Monatstrend in einer Temperaturkurve, suchen, um ihn dann zu verallgemeinern – sogenanntes cherry-picking, Rosinenpickerei. Generell hätten Klimaskeptiker oftmals auch eine negative Haltung zu Universitäten und seien weniger an Aufklärung als an der Bestätigung ihrer Thesen interessiert, sagte Lewandowsky.

Doch auch Menschen, die keine Klimaskeptiker sind, sondern durchaus um die Gefahren eines veränderten Klimas wissen, handeln nicht unbedingt danach. Der Umweltpsychologe Torsten Grothmann von der Universität Oldenburg warnte vor dem Irrglauben, dass mehr Information auch zu mehr Handeln führe. "Es gibt nur geringe Zusammenhänge zwischen Wissensvermittlung und Handeln", erklärte Grothmann auf dem Kongress.

Auch Alarmismus und Katastrophismus seien oft wirkungslos, da es zu Abwehrreaktionen komme. "Die Mehrheit der Deutschen ist bisher kaum vom Klimawandel betroffen und vorhandene Erfahrungen verblassen schnell", sagte der Forscher. Nur Emotionen seien als "Träger" der Klimakommunikation erfolgreich.

Wissenschaft und Verwaltung müssen auf Bürger zugehen

"Emotionen sind der Treibstoff, denn eine emotionale Bewegtheit führt dazu, dass ein Erlebnis oder eine Idee gespeichert und nicht vergessen wird", erläuterte Grothmann. Deshalb müsse der Klimawandel "erfahrbar" gemacht werden. Nur wenn es auch Hoffnung auf eine gute Zukunft gebe, attraktive Problemlösungen und motivierende Nebeneffekte wie mehr Lebensqualität oder geringere Kosten, sei die Motivation hoch, das Klima zu schützen.

Ideen gibt es dazu auf dem Kongress genügend. Die rund dreihundert Teilnehmer aus Politik und Verwaltung holen sich noch bis Dienstagabend Anregungen, wie sie ihre Anliegen besser unter die Menschen bringen können.

Um die Gesellschaft auf grundlegende Änderungen vorzubereiten, müssten sich vor allem eingelebte Strukturen verändern. Wissenschaftler müssten aus ihrem Elfenbeinturm heraus, die Verwaltung müsse demokratisiert werden und die Politik bei Klimaprogrammen mehr auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, statt Programme zu diktieren, hieß es auf dem Salzburger Kongress.

Und auch die Medien sollten lernen, den Klimawandel richtig zu "framen", also in einen Kontext zu stellen, forderte der Kommunikationsforscher Michael Brüggemann von der Universität Hamburg. "Die Überhitzung der Debatte und gezielter Katastrophismus zur Auflagensteigerung ist genauso schädlich wie eine Unterkühlung, also das Herunterspielen von Folgen des Klimawandels oder herrschendes Desinteresse", so Brüggemann.

BildEisbären werden beim Thema Klimawandel immer wieder zur Bebilderung eingesetzt. Auf Dauer stumpft das nur ab und bringt nichts, sagt die Forschung. (Foto: Christopher Michel/​Flickr)

Auch Weltrettungsvorstellungen à la "Klimakanzlerin" seien auf eine Person zugespitzte Erzählungen, die kaum dazu betrügen, dem Klimawandel als Herausforderung der ganzen Gesellschaft gerecht zu werden. "Holland weg! – Stockholm weg! – Berlin weg!" titelte das Boulevardblatt Bild kürzlich, als es um das Schmelzen des Polkappen ging. Das ist nach Brüggemann genau der falsche Weg: "Wenn diese Überschrift schockiert, dann ist das nur von kurzer Dauer und die Menschen stumpfen ab – so werden sie kaum ihr Leben verändern."

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