"Der flächenmäßig größte Hurrikan"

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Auch wenn der Mega-Sturm "Irma" dieser Tage als normales Tiefdruckgebiet endet, wird die politische und wissenschaftliche Aufarbeitung noch einige Zeit anhalten. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif erklärt, ob "Irma" einen Rekord gebracht hat oder nicht.

Der Meteorologe Mojib Latif ist Professor an der Universität Kiel und leitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) den Bereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik.

klimaretter.info: Herr Latif, Hurrikan "Irma" ist mehrfach als der stärkste oder intensivste Hurrikan bezeichnet worden, der bisher im Atlantik wütete – richtig oder falsch?

Mojib Latif: Es kommt darauf an, was man dabei bewertet. Nach einer von der US-Wetterbehörde NOAA verwendeten Mess-Skala war "Irma" nicht der Rekordhalter. Gemessen an der sogenannten akkumulierten Zyklon-Energie war er der fünftstärkste je im Atlantik aufgetretene Sturm. Allerdings kann man auch andere Maßstäbe zugrunde legen.

Was ist also das Besondere an Irma?

Er war der flächenmäßig größte Hurrikan, der bisher gemessen wurde, mit extrem hohen Windgeschwindigkeiten. Er erreichte bis zu 300 Stundenkilometer, und er hielt diese Geschwindigkeiten über volle 37 Stunden.

Hurrikane werden nach den Prognosen des Weltklimarats IPCC in Zukunft nicht häufiger auftreten, aber heftiger werden. Ist es seriös zu sagen, dass Irma ohne Klimawandel weniger verheerend ausgefallen wäre?

Die Wahrscheinlichkeit, dass "Irma" so viele Schäden ausgelöst hätte, wäre auf jeden Fall geringer gewesen.

Ab wann wird man beurteilen können, ob die Hurrikane tatsächlich stärker werden – und welche Vorkehrungen die Politiker und Behörden treffen müssen?

Das wird wohl noch viele Jahre dauern. Auch bei einem leicht auf die Sechs gezinkten Würfel muss man sehr oft werfen, um die Manipulation nachzuweisen. Man sollte deswegen heute schon Vorsorge treffen.

Wie können die Küstenzonen künftig besser vor Hurrikanen geschützt werden?

In dem man bei der Bebauung viel größeren Abstand zu den Küsten hält. Andernfalls müsste man meterhohe Flutschutzmauern errichten. Grundsätzlich kommt es darauf an, weniger Flächen durch Siedlungen und Straßen zu versiegeln. Außerdem müssen die Ablaufkanäle vergrößert werden, um der großen Regenmengen Herr zu werden.

Der Meeresspiegel hat sich seit dem Jahr 1900 bereits um rund 20 Zentimeter erhöht. Welche Rolle spielt das, wenn Hurrikane auf Land treffen?

Das kann man jetzt schon sehen, die Flutwellen können dann noch mehr Schäden verursachen. Die Gefahr beim Klimawandel ist, dass sich die Extreme so weit intensivieren, dass sie nicht mehr beherrschbar sind.

Der Meeresspiegel wird nach den Voraussagen des Weltklimarats weiter steigen, bis zum Jahr 2100 zwischen 26 und 82 Zentimetern. Wie wirkt sich das aus?

Die Probleme an den Küsten werden natürlich noch größer. Zudem steigt auch der Grundwasserspiegel. Damit kommt das Wasser auch von unten. Darunter leidet zum Beispiel die Millionenmetropole Miami, die jetzt auch von "Irma" stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, schon seit Längerem.

Bild"Etwa so groß wie Deutschland": Je länger der Wirbelsturm "Irma" unterwegs war, desto plastischer wurden die Versuche, die Größe des Mega-Sturms zu veranschaulichen. (Foto: UFZ)

Welche Regionen weltweit sind am meisten gefährdet – und wo müssten am ehesten Umsiedlungen stattfinden?

Schwer zu sagen. Auf jeden Fall die Regionen, in denen tropische Wirbelstürme auftreten, also Hurrikane, Taifune und Zyklone. Im Prinzip sind aber alle Küsten gefährdet – auch unsere in Deutschland –, allein schon wegen des Meeresspiegelanstiegs.

Interview: Joachim Wille

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