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Der Monsun wird "komprimiert"

Alle Welt schaut auf die Flutkatastrophe, die Hurrikan "Harvey" in den USA anrichtet. Doch auch der indische Subkontinent erlebt gerade verheerende Überschwemmungen mit Hunderten Todesopfern. Grund ist ein aus den Fugen geratener Monsun.

Von Verena Kern

Nach den Daten der indischen Meteorologie-Behörde müsste die Welt auf dem Subkontinent eigentlich in Ordnung sein. Demnach hat der diesjährige Monsun von Anfang Juni bis Ende August in ganz Indien bislang 689 Millimeter Regen gebracht. Das sind vier Prozent weniger als im Langzeitdurchschnitt. Nach diesem Wert wären 714 Millimeter normal (siehe Tabelle).

BildIn der Tabelle zeigt Indiens Meteorologie-Behörde, wie viel Niederschlag der diesjährige Monsun – der noch bis September andauert – bislang gebracht hat. Außer im Osten und Nordosten des Landes ist die Menge geringer als im langfristigen Durchschnitt. (Abbildung: India Meteorological Department)

Dennoch erlebt Südasien derzeit eine Flutkatastrophe mit dramatischen Ausmaßen. Heftige Regenfälle und Überschwemmungen haben in Indien, Nepal und Bangladesch bereits mehr als 1.500 Menschen das Leben gekostet. Inzwischen ist auch Pakistan betroffen. Auch dort sind Todesopfer zu beklagen. Viele Städte versinken regelrecht in den Fluten, darunter auch die größte Stadt des Landes, Karatschi.

Allein in Indien sind nach Behördenangaben 1.300 Menschen ums Leben gekommen. In Bangladesch und Nepal stand zeitweise jeweils ein Drittel der Landesfläche unter Wasser.

Besonders betroffen ist auch die indische Millionenmetropole Mumbai, an der Westküste des Landes gelegen. Sie erlebte die schlimmsten Regenfälle seit 15 Jahren und war durch das Hochwasser zeitweise praktisch lahmgelegt.

Die Straßen sahen aus wie Flüsse, der Verkehr brach zusammen, Passanten mussten durch hüfthohes Wasser waten. Schulen wurden geschlossen. Flüge mussten gestrichen werden. In Vororten Mumbais stürzten zwei Häuser ein, zwei Dutzend Menschen starben. Tausende weitere Gebäude sind ebenfalls einsturzgefährdet.

BildÜberschwemmungen sind in der Monsunzeit die Regel. Doch dieses Jahr ist es extrem. (Foto: Ranjan Roy/​tripurainfo.com)

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hat inzwischen einen Spendenaufruf für die Opfer der Überschwemmungen in Asien gestartet. Laut Unicef wächst die Gefahr von Krankheiten und Mangelernährung in den betroffenen Gebieten. Die extremen Regenfälle haben auch viele Ernten vernichtet.

Doch wie passt das eigentlich zu den Daten der Meteorologie-Behörde? Nach denen ist die bisherige Niederschlagsmenge der diesjährigen Monsun-Saison schließlich unterdurchschnittlich. Nur im Osten und Nordosten Indiens ist bislang so viel Regen gefallen wie im langjährigen Mittel.

Die Erklärung ist einfach. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Niederschlag insgesamt fällt. Entscheidend ist auch, wann und wie dies geschieht. Und eben dieses "Wann" und "Wie" ändert sich durch den Klimawandel.

Schon seit den 1970er Jahren lässt sich beobachten, dass die Monsunzeit kürzer wird. Eigentlich dauert sie vier Monate, von Juni bis September. Mittlerweile endet sie aber fast eine Woche früher.

Das heißt, die Regenzeit wird komprimiert, sie verdichtet sich. Immerhin fallen in dieser Zeit 80 bis 85 Prozent der gesamten jährlichen Niederschläge. Da ist eine Woche weniger schon ein erheblicher Unterschied.

Zudem ändern sich die Niederschlagsmuster. Schon vor vier Jahren zeigte eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dass bei zunehmender Erderwärmung mit stärkeren täglichen Schwankungen des indischen Monsuns gerechnet werden muss.

Man muss es sich so vorstellen: Die Niederschläge fallen nicht kontinuierlich. Es regnet nicht jeden Tag. Auch während der Regenzeit kommt es zu tagelangen oder wochenlangen Trockenzeiten.

Wenn es allerdings einmal regnet, dann oft besonders heftig. In kurzer Zeit stürzen riesige Wassermassen herab. Ist der Boden ausgetrocknet, kann er das viele Wasser nicht aufnehmen, es kommt zu Überflutungen.

Solche Niederschlagsextreme haben sich laut einer neuen Studie in den vergangenen drei Jahren fast überall in Indien verdreifacht.

Dass es von Woche zu Woche zu starken Schwankungen kommt, zeigen auch die Daten des indischen Instituts für Tropen-Meteorologie. Danach waren die Niederschläge in Indien Ende Juni, Mitte und Ende Juli sowie Ende August überdurchschnittlich hoch (siehe Grafik).

BildDas Diagramm der Monate Juni bis August zeigt, dass es während der Regenzeit zu großen Schwankungen der Niederschlagsmengen kommt. (Abbildung: Indian Institute of Tropical Meteorology)

Anfang August jedoch waren die Niederschläge überdurchschnittlich niedrig. Die Folge war große Trockenheit. Als dann wieder mehr Regen fiel, konnte der Boden das Wasser nicht ausreichend aufnehmen. Es kam zu Überschwemmungen.

Wie sich der Monsun durch den Klimawandel ändert, ist noch nicht bis in alle Einzelheiten verstanden. Klar ist nur: Die betroffenen Ländern werden sich darauf einstellen müssen, um künftigen Katastrophen vorzubeugen – oder zumindest deren Folgen abzumildern.

Das gilt auch für die USA und die Flutkatastrophe, die der Hurrikan "Harvey" dort angerichtet hat. Erst Mitte August hatte US-Präsident Donald Trump eine Obama-Regel abgeschafft, wonach bei künftigen Baumaßnahmen sichergestellt werden muss, dass sie den Folgen des Klimawandels standhalten können. Bislang ist nicht bekannt, ob Trump diese Entscheidung nun überdenken mag.

[Erklärung]  
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